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Wie das Altersvorsorgedepot den ELTIF-Markt beflügeln könnte

Hosna Houbani ist eine der Autorinnen der Studie
Altersvorsorge

Mit der anstehenden Reform der privaten Altersvorsorge steht dem deutschen Finanzmarkt ab 2027 eine fundamentale Neuordnung bevor. Eine aktuelle Studie von Scope Fund Analysis zeigt: Das neue Altersvorsorgedepot könnte European Long-Term Investment Funds (ELTIFs) einen massiven Nachfrageschub bescheren – sofern die Fondsbranche bei Risiko und Kosten nachbessert.

09.09.2026 | 09:10 Uhr

Das bisher stark durch Garantieprodukte und Riester-Verträge geprägte System der geförderten privaten Altersvorsorge soll künftig stärker für kapitalmarktorientierte Anlagen geöffnet werden. Während im neuen Standard-Altersvorsorgedepot ausschließlich OGAW-Vermögenswerte (wie klassische ETFs und Publikumsfonds) zugelassen sind, eröffnet das erweiterte, frei gestaltbare Altersvorsorgedepot erstmals einen direkten Zugang für Private-Market-Anlagen. Für den Markt der europäischen langfristigen Investmentfonds (ELTIFs) bedeutet dies das Entstehen eines völlig neuen Absatzkanals neben dem bestehenden Wealth- und Retail-Geschäft. 

Absatzkanal der Zukunft: Jährlich bis zu 5 Milliarden Euro für ELTIFs

Die Dimensionen dieses neuen Vertriebswegs sind beachtlich. Wie die Scope-Analystinnen Sonja Knorr und Hosna Houbani in ihrer Untersuchung hervorheben, schafft das Altersvorsorgedepot eine ideale Brücke zwischen dem langfristigen Anlagehorizont der privaten Altersvorsorge und den illiquiden Sachwertinvestitionen der Private Markets. Nach Einschätzung von Scope könnten dem neuen Altersvorsorgedepot mittel- bis langfristig jährlich zwischen 30 und 50 Milliarden Euro an Neuanlagen zufließen. Der Großteil davon dürfte zwar in liquide Standarddepots fließen. Werden jedoch nur fünf bis zehn Prozent dieses Kapitals im erweiterten Depot für alternative Anlagen allokiert, ergäbe sich für ELTIFs ein jährliches Absatzpotenzial von 1,5 bis fünf Milliarden Euro. Um diese Zahl einzuordnen: Ende 2025 lag das von deutschen Anlegern gehaltene ELTIF-Gesamtvermögen bei gerade einmal 4,4 Milliarden Euro. Der neue Vertriebsweg könnte das Marktvolumen somit in kurzer Zeit vervielfachen. Zusätzlicher Rückenwind winkt durch Umschichtungen aus dem bestehenden Riester-Bestand, dessen Kapitalstock auf rund 220 Milliarden Euro beziffert wird. Sollten 20 Prozent dieses Kapitals in das neue Altersvorsorgedepot übertragen und davon wiederum fünf bis zehn Prozent in ELTIFs angelegt werden, entstünde ein einmaliges Zusatzpotenzial von 2,2 bis 4,4 Milliarden Euro. 

Risikoklassen: Der Großteil der Evergreen-ELTIFs ist zulässig

Da das Altersvorsorgedepot auf Langfristigkeit ausgelegt ist, eignen sich für Anleger vor allem sogenannte Evergreen-ELTIFs mit unbegrenzter Laufzeit, da befristete Produkte regelmäßige Reinvestitionen erforderlich machen würden. Scope hat 53 solcher Evergreen-Strukturen analysiert, die in Deutschland vertrieben werden können. Ein zentrales Regulierungskriterium für das erweiterte Altersvorsorgedepot ist der Risikoindikator (Summary Risk Indicator, SRI): Zugelassen sind nur Anlageprodukte der Risikoklassen 1 bis 5. Das Ergebnis der Scope-Studie fällt positiv aus: 46 der 53 untersuchten Evergreen-ELTIFs – das entspricht 87 Prozent – weisen aktuell einen SRI von 5 oder niedriger auf und würden die Kriterien erfüllen.

  • Infrastruktur-ELTIFs: 15 von 16 Produkten erfüllen die Vorgabe
  • Private Debt: 12 von 14 Produkte liegen im zulässigen Bereich 
  • Private Equity: 10 von 11 Produkte weisen einen SRI von maximal 5 auf
  • Multi-Asset: 7 von 10 Produkte erfüllen die Anforderung
  • Real Estate: Beide untersuchten Fonds liegen im vorgegebenen Rahmen 

Die Autorinnen Hosna Houbani und Sonja Knorr weisen jedoch auf operative Hürden hin. Der SRI ist keine statische Kennzahl, sondern kann sich verändern. Sollte die Risikoklasse eines im Depot befindlichen ELTIFs im Zeitverlauf über die Schwelle von 5 steigen, drohen Zielkonflikte: Da sich illiquide Privatmarktanlagen in Stressphasen nicht kurzfristig veräußern lassen, sind regulatorisch erzwungene Umschichtungen in der Praxis schwer umsetzbar. Zudem steht die volatilitätsbasierte PRIIPs-Methodik zur Ermittlung des SRI bei illiquiden Sachwerten derzeit regulatorisch und gerichtlich auf dem Prüfstand. Ein erwartetes EuGH-Urteil (Ende 2026/Anfang 2027) könnte die Risikoeinstufung von Private-Market-Fonds künftig grundlegend verändern. 

Die Kostenhürde: Der „Schattendeckel“ erzeugt Gebührendruck

Die größte Hürde für den breiten Einsatz von ELTIFs im Altersvorsorgedepot dürfte jedoch die Gebührenstruktur sein. Für das Standard-Altersvorsorgedepot gilt eine gesetzliche Kostenobergrenze von 1,0 Prozent Effektivkosten. Für das erweiterte Depot gibt es zwar keinen absoluten gesetzlichen Deckel, das Standarddepot wirkt in der Praxis jedoch wie ein indirekter Referenzwert – ein sogenannter „Schattendeckel“. Hier zeigt die Scope-Analyse deutliche Anpassungsbedarfe. Die Untersuchung von 45 Evergreen-ELTIFs offenbart, dass die durchschnittlichen Verwaltungsgebühren je nach Anteilsklasse zwischen 1,7 Prozent (günstigste Tranchen) und 2,5 Prozent (teuerste Tranchen) liegen. Die teuersten Anteilsklassen erreichen insbesondere im Private-Equity-Segment Spitzenwerte von bis zu 4,7 Prozent. Fondsgesellschaften werden voraussichtlich spezielle, kostenoptimierte Anteilsklassen auflegen müssen, um in den Altersvorsorgedepots konkurrenzfähig zu sein. 

Startphase ab der zweiten Jahreshälfte 2027

Die Scope-Analystinnen erwarten keine schlagartige Welle zum Start der Reform Anfang 2027. Anbieter dürften sich zunächst auf den Aufbau der Standarddepots konzentrieren. Eine breitere Umsetzung von ELTIF-Angeboten in den erweiterten Depotvarianten wird von Scope Fund Analysis überwiegend erst im zweiten Halbjahr 2027 erwartet. Mittel- bis langfristig bietet die Verzahnung von Altersvorsorgedepot und Privatmarktfonds jedoch enormes Potenzial: Anleger erhalten Zugang zu bislang schwer zugänglichen Assetklassen zur Portfolio-Diversifikation, während zeitgleich privates Kapital für Infrastruktur- und Wachstumsprojekte in Deutschland und Europa mobilisiert werden kann. (jk)

Mehr über die Kapitalrente, das Altersvorsorgedepot und weitere Themen zur Altersvorsorge lesen Sie hier https://www.fundresearch.de/altersvorsorge/

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