Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) sieht Deutschland angesichts der demografischen Entwicklung vor einer erheblichen Arbeitskräftelücke. Eine neue Studie des Verbands fordert Reformen bei Steuern und Sozialabgaben, damit zusätzliche Arbeit finanziell attraktiver wird.
22.05.2026 | 08:00 Uhr
Deutschland steuert nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) in den kommenden zehn Jahren auf eine deutliche Arbeitskräftelücke zu. Hintergrund sei vor allem die demografische Entwicklung mit einer alternden Bevölkerung und dem Ausscheiden geburtenstarker Jahrgänge aus dem Erwerbsleben.
Vor den anstehenden Reformen in der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung sowie bei der Einkommensteuer mahnt der Verband daher einen Kurswechsel an. „Die Sozialversicherungen müssen solide finanziert sein. Der Gesetzgeber muss die anstehenden Reformen aber auch dafür nutzen, dass sich zusätzliche Arbeit lohnt“, erklärte BVR-Präsidentin Marija Kolak. Wer mehr arbeite, müsse „auch spürbar mehr im Portemonnaie haben“.
Im Zentrum einer neuen BVR-Studie steht die Frage, wie sich der Arbeitsmarkt langfristig stabilisieren lässt. Entscheidend sei dabei nicht allein die Zahl der Erwerbstätigen, sondern auch der Umfang der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit.
Nach Einschätzung des Verbands hängt die Entwicklung des Arbeitsmarkts wesentlich davon ab, wie viele Stunden durchschnittlich pro Kopf gearbeitet werden. Dabei grenzt sich der BVR ausdrücklich von Forderungen nach pauschal längeren Arbeitszeiten ab.
„Es geht nicht darum, Teilzeit zurückzudrängen oder Menschen in längere Arbeitszeiten zu drängen“, betonte Kolak. Vielmehr brauche es bessere Rahmenbedingungen, damit Beschäftigte freiwillig zusätzliche Stunden leisten könnten, sofern dies mit ihrem Alltag vereinbar sei.
Als problematisch sieht der BVR insbesondere Fehlanreize im bestehenden Steuer- und Sozialabgabensystem. Diese könnten dazu führen, dass sich zusätzliche Arbeit finanziell kaum lohne – etwa bei Zweitverdiensten oder beim Wechsel von Minijobs in reguläre Beschäftigung.
Konkret fordert der Verband Reformen bei: Minijobs, der beitragsfreien Mitversicherung, sowie dem Ehegattensplitting.
Zusätzliche Arbeitsstunden müssten netto stärker honoriert werden, so der BVR. Gleichzeitig sollten Übergänge in reguläre Beschäftigung erleichtert und Anreize für dauerhaft geringe Arbeitszeiten reduziert werden.
Mit Blick auf die aktuellen politischen Reformvorhaben fordert der Verband eine Balance zwischen stabiler Finanzierung der Sozialversicherungen und besseren Arbeitsanreizen.
„Zusätzliche Arbeit entsteht nicht durch Appelle, sondern dort, wo sie sich für Beschäftigte lohnt und sich mit dem Alltag vereinbaren lässt“, sagte Kolak. Gleichzeitig brauche es bessere Investitionsbedingungen für Unternehmen, um Produktivität und Wachstum zu stärken.
Arbeitnehmer und Arbeitgeber benötigten wieder die Perspektive, dass sich Leistung, Verantwortung und zusätzlicher Einsatz in Deutschland wirtschaftlich auszahlen, so die BVR-Präsidentin. (jk)
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