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Warum Anleger nach Börsen-Crashs besser durchhalten sollten

Pascal Kielkopf, Kapitalmarktstratege beim Family Office HQ Trust
Anlagestrategie

Volatile Börsentage lösen bei vielen Anlegern Verkaufs- oder Gewinnmitnahmeimpulse aus. Eine Analyse von HQ Trust zeigt jedoch: Historisch folgten auf starke Kursverluste beim World häufig überdurchschnittliche Renditen. Wer in turbulenten Phasen investiert blieb, war damit meist besser beraten.

18.08.2026 | 09:00 Uhr

Stark fallende Aktienkurse lösen bei Anlegern häufig einen Fluchtreflex aus. Die Sorge vor weiteren Verlusten führt dazu, dass Positionen verkauft werden – oft genau dann, wenn die Kurse bereits deutlich nachgegeben haben. Umgekehrt verleiten besonders gute Börsentage manche Investoren dazu, Gewinne vorschnell mitzunehmen. Ein Blick auf die langfristige Entwicklung des globalen Aktienmarktes spricht jedoch gegen solche spontanen Reaktionen. Eine Analyse von Pascal Kielkopf, Kapitalmarktstratege beim Family Office HQ Trust, zeigt, dass außergewöhnlich starke Börsentage historisch keineswegs ein zuverlässiges Warnsignal für die kommenden Monate waren.

611 Extremtage seit 1971 

Für seine Untersuchung analysierte Kielkopf die Entwicklung des MSCI ACWI seit Ende 1971. Der globale Aktienindex umfasst Aktien aus Industrie- und Schwellenländern. Insgesamt flossen rund 14.200 Handelstage in die Untersuchung ein. Als Extremtag definierte Kielkopf einen Handelstag, an dem die Tagesrendite des MSCI ACWI um mehr als zwei Standardabweichungen vom Durchschnitt abwich. Im untersuchten Zeitraum entsprach dies einer Kursbewegung von ungefähr plus oder minus zwei Prozent. Insgesamt wurden 611 solcher Extremtage registriert. Sie traten allerdings nicht gleichmäßig verteilt auf. Vielmehr konzentrierten sich die außergewöhnlich starken Kursbewegungen auf bestimmte Marktphasen. 

Finanzkrise 2008 brachte die meisten Extremtage 

Besonders deutlich zeigte sich dieses Muster während der globalen Finanzkrise. 2008 wurden mit 61 Extremtagen die meisten außergewöhnlichen Handelstage eines Jahres registriert. Auch das Platzen der Dotcom-Blase zu Beginn der 2000er-Jahre und der Börsencrash während der Corona-Pandemie 2020 sorgten für zahlreiche starke Ausschläge. Dazwischen gab es dagegen längere Phasen vergleichsweise niedriger Volatilität. Mitte der 1990er-Jahre sowie in den Jahren nach 2011 traten Extremtage laut Analyse deutlich seltener auf. Für Anleger ist das ein wichtiger Punkt: Phasen hoher Schwankungen treten häufig gebündelt auf. Ein einzelner außergewöhnlich starker Handelstag muss deshalb nicht isoliert betrachtet werden, sondern kann Teil einer längeren volatilen Marktphase sein. 

Nach Kursverlusten folgten häufig überdurchschnittliche Renditen 

Besonders interessant ist die Frage, wie sich die Aktienmärkte nach einem solchen Extremtag entwickelten. Kielkopf untersuchte dazu die Renditen des MSCI ACWI drei, sechs und zwölf Monate nach positiven und negativen Extremtagen. Das Ergebnis: Nach außergewöhnlichen Börsentagen entwickelte sich der globale Aktienmarkt historisch im Durchschnitt besser als nach einem normalen Handelstag. Besonders deutlich war der Effekt nach starken Kursverlusten. Nach einem negativen Extremtag erzielte der MSCI ACWI in den folgenden drei Monaten im Durchschnitt eine Rendite von 3,1 Prozent. Nach einem durchschnittlichen Handelstag waren es lediglich 2,3 Prozent. Mit zunehmendem Anlagehorizont wurde der Unterschied noch größer. Über zwölf Monate lag die durchschnittliche Rendite nach einem normalen Handelstag bei 9,7 Prozent. Nach einem negativen Extremtag waren es dagegen 13,1 Prozent. Die historische Statistik liefert damit ein Argument gegen panikartige Verkäufe nach starken Kursrückgängen. Gerade nach einem außergewöhnlich schwachen Börsentag folgte häufig eine Phase der Erholung. 

Auch nach starken Kursgewinnen war Verkaufen nicht immer sinnvoll 

Das gilt laut Analyse nicht nur für schwache Börsentage. Auch nach außergewöhnlich guten Handelstagen kann eine vorschnelle Gewinnmitnahme die langfristige Rendite schmälern. „Nach guten Börsentagen folgen oft weitere gute Tage“, erklärt Kielkopf. Wer unmittelbar nach einem starken Kursanstieg verkaufe, riskiere daher, einen Teil der weiteren Aufwärtsbewegung zu verpassen. Damit stellt die Untersuchung einen verbreiteten Anlegerreflex infrage: Nicht jede außergewöhnliche Kursbewegung signalisiert automatisch eine bevorstehende Trendwende. Historisch waren Extremtage vielmehr häufig Ausgangspunkte weiterer Kursbewegungen in dieselbe oder eine sich anschließende Erholungsrichtung. 

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Auf den nächsten Crash zu warten, ist ebenfalls keine Strategie

Aus der Analyse lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Anleger bewusst auf den nächsten Extremtag warten sollten. Denn solche Handelstage sind selten und lassen sich nicht zuverlässig vorhersagen. Wer mit dem Einstieg wartet, bis die Kurse besonders stark gefallen sind, riskiert deshalb, einen großen Teil der langfristigen Aufwärtsbewegung zu verpassen. Timing-Strategien sind zudem mit dem Problem verbunden, dass sowohl der richtige Ausstiegs- als auch der richtige Wiedereinstiegszeitpunkt gefunden werden muss. Für langfristig orientierte Anleger spricht daher vieles für eine Anlagestrategie, die auch starke Schwankungen aushält. Entscheidend ist weniger die Reaktion auf einen einzelnen Handelstag als die Frage, ob die gewählte Strategie zum persönlichen Anlagehorizont und zur eigenen Risikotoleranz passt. 

Was Anleger aus den Extremtagen lernen können 

Die historische Analyse des MSCI ACWI liefert vor allem eine Botschaft: Starke Kursschwankungen sind nicht automatisch ein Grund, die eigene Anlagestrategie über Bord zu werfen. Wer nach einem heftigen Kursverlust aus Angst verkauft, läuft Gefahr, eine anschließende Erholung zu verpassen. Wer nach einem starken Kursanstieg Gewinne zu früh mitnimmt, kann wiederum auf weitere Kursgewinne verzichten. Für langfristige Anleger kann es deshalb sinnvoller sein, einen klar definierten Anlageplan auch in turbulenten Marktphasen beizubehalten. Denn an den Kapitalmärkten gehören starke Schwankungen zum Risiko der Aktienanlage – ebenso wie die langfristigen Renditechancen. (jk)

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