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Die Vereinigten Staaten der Verzweiflung

Die Vereinigten Staaten der Verzweiflung
Die Vereinigten Staaten der Verzweiflung
07/2020
Anne Case und Angus Deaton
Project Syndicate

@ Feedback an Redaktion

Lange bevor es zum Ausbruch von Covid-19 kam, wurden die Vereinigten Staaten von einer anderen Epidemie heimgesucht, der 2018 mehr Amerikaner zum Opfer gefallen sind, als bisher dem Coronavirus. Von Anne Case und Angus Deaton.

28.07.2020 | 08:00 Uhr

Das Phänomen, das wir „deaths of despair“ nennen, Tode aus Verzweiflung – durch Suizid, alkoholbedingte Lebererkrankungen oder eine Überdosis Drogen – hat seit Mitte der 1990er-Jahre rapide zugenommen, von etwa 65.000 Todesfällen pro Jahr im Jahr 1995 auf 158.000 im Jahr 2018.

Der Anstieg der Todesfälle durch diese andere Epidemie ist fast ausschließlich auf Amerikaner ohne vierjährigen Hochschulabschluss beschränkt. Während die Gesamtmortalitätsrate bei denjenigen mit einem vierjährigen Abschluss gesunken ist, ist sie bei den weniger gebildeten Amerikanern gestiegen.

Die Lebenserwartung bei der Geburt ist für alle Amerikaner zwischen 2014 und 2017 gesunken. Das war der erste Rückgang der Lebenserwartung um drei Jahre seit der Spanischen Grippepandemie von 1918-19. Nun da zwei Epidemien gleichzeitig wüten, wird die Lebenserwartung erneut sinken.

Hinter diesen Sterblichkeitszahlen stehen ebenso düstere Wirtschaftsdaten. Wie wir in unserem Buch dokumentieren, sind die realen (inflationsbereinigten) Löhne für US-Männer ohne College-Abschluss seit 50 Jahren gesunken. Gleichzeitig ist das Einkommen von College-Absolventen um frappierende 80% höher als bei denjenigen ohne Abschluss.

Da die Wahrscheinlichkeit, dass weniger gebildete Amerikaner einen Arbeitsplatz haben, immer geringer wird, ist der Anteil der Männer im Haupterwerbsalter an der Erwerbsbevölkerung seit Jahrzehnten rückläufig, ebenso wie die Erwerbsquote der Frauen seit 2000.

Die Kluft zwischen gebildeten Amerikanern und der weniger gebildeten Mehrheit wird nicht nur in Bezug auf das Einkommen größer, sondern auch in Bezug auf die gesundheitlichen Folgen. Schmerzen, Einsamkeit und Invalidität sind unter den Menschen ohne Abschluss häufiger geworden.

So sah es in den USA vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie aus. Jetzt hat das Virus die bereits bestehenden Ungleichheiten erneut sichtbar gemacht.

Historisch gesehen haben Pandemien wohl zu mehr Gleichheit geführt. Am bekanntesten ist, dass der Schwarze Tod im Europa des vierzehnten Jahrhunderts so viele Menschen tötete, dass ein Arbeitskräftemangel entstand, der die Verhandlungsposition der Arbeiter verbesserte. Später, im 19. Jahrhundert, führte die Erforschung von Choleraepidemien zur Keimtheorie und die Voraussetzungen für die moderne Erhöhung der Lebenserwartung wurden geschaffen, zunächst in den reichen Ländern und dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, in der übrigen Welt. Eine große Divergenz der Lebenserwartung auf aller Welt wich einer großen Konvergenz.

Doch innerhalb der USA besteht seit zwei Generationen eine große Divergenz, und Covid-19 verspricht, die ohnehin schon großen Ungleichheiten im Gesundheits- und Einkommensbereich noch zu vergrößern. Die Auswirkungen des Virus schlagen sich entsprechend des Bildungsniveaus nieder, da diejenigen mit höherer Bildung eher in der Lage sind, von zu Hause aus weiter zu arbeiten und zu verdienen.

Wenn sie nicht zu den hochgebildeten Arbeitskräften im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen an vorderster Front im Kampf gegen Covid-19 gehören, können sie sich zurücklehnen und zusehen, wie der Aktienmarkt den Wert ihrer Rentenfonds immer weiter in die Höhe treibt.

Im Gegensatz dazu sind die zwei Drittel der Arbeitnehmer, die keinen vierjährigen College-Abschluss haben, entweder nicht systemrelevant, so dass sie Gefahr laufen, ihr Einkommen zu verlieren, oder sie sind systemrelevant und damit dem Risiko einer einem Infektion ausgesetzt. Während College-Absolventen sowohl ihre Gesundheit als auch ihr Vermögen weitgehend schützen konnten, müssen weniger gebildete Arbeitnehmer das eine oder das andere aufs Spiel setzen.

Aus diesem Grund wird die Kluft beim Einkommen und bei der Lebensdauer, die die zunehmende Zahl der Todesfälle aus Verzweiflung aufgedeckt hat, jetzt noch größer. Doch während weniger gebildete Weiße die Hauptlast der ersten Epidemie getragen haben, sind Afroamerikaner und Hispanics unverhältnismäßig häufig an Covid-19 gestorben. Infolgedessen klafft die frühere Konvergenz der Sterblichkeitsraten von Weißen und Schwarzen wieder auseinander.

Es gibt viele Gründe für diese Unterschiede nach Ethnie, darunter Wohnsegregation, beengte Wohnverhältnisse und das Pendlerverhalten. Während diese Faktoren in New York City besonders wichtig waren, spielten sie an anderen Orten weniger eine Rolle. In New Jersey etwa haben weder Afroamerikaner noch Hispanics unverhältnismäßig höhere Covid-19-Sterblichkeitsraten.

Das kostspielige amerikanische Gesundheitssystem wird die Auswirkungen der Pandemie weiter verschlimmern. Viele der zig Millionen Amerikaner, die in diesem Frühjahr ihren Arbeitsplatz verloren haben, haben auch ihre vom Arbeitgeber bereitgestellte Krankenversicherung verloren, und viele werden sich keinen alternativen Versicherungsschutz verschaffen können.

Zwar wurde niemandem mit Covid-19-Symptomen die Behandlung verweigert, aber einige der Nichtversicherten haben sich vermutlich nicht um eine Behandlung bemüht. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels beläuft sich die Zahl der Todesopfer des Virus in den USA auf mindestens 113.000, und mehr als 200.000 wurden ins Krankenhaus eingewiesen, was potenziell unbezahlbare Arztrechnungen (selbst für viele Versicherte) zur Folge hat, die die Kreditwürdigkeit der Patienten ein für alle Mal ruinieren werden.

Die Bundesregierung hat den Pharmaunternehmen Milliarden von öffentlichen Dollars für die Entwicklung eines Impfstoffs zur Verfügung gestellt und dank der Lobbyisten keine Bedingungen an die Preisgestaltung geknüpft oder öffentliche Ansprüche auf Patente gestellt.

Darüber hinaus treibt die Pandemie die Industriekonsolidierung weiter voran, indem sie die bereits dominierenden E-Commerce-Giganten auf Kosten angeschlagener traditioneller Firmen begünstigt. Der Anteil des Arbeitnehmerentgelts am BIP – der lange als unveränderliche Konstante galt – ist in den vergangenen Jahren gesunken, und die Marktmacht sowohl auf den Produkt- als auch auf den Arbeitsmärkten könnte ein Grund dafür sein.

Wenn die Arbeitslosenquote in den kommenden Jahren hoch bleibt, werden sich die Terms of Trade zwischen Arbeit und Kapital noch weiter in Richtung des letzteren verschieben, was die Analogie des Schwarzen Todes umkehrt und den Optimismus des Aktienmarktes angesichts der Katastrophe rechtfertigt.

Dennoch glauben wir nicht, dass die Post-Covid-19-Wirtschaft einen Anstieg der Toten aus Verzweiflung zur Folge haben wird. Die Hauptursache für diese Epidemie waren unserer Analyse zufolge nicht wirtschaftliche Schwankungen, sondern vielmehr der langfristige Verlust einer Lebensweise weißer Amerikaner aus der Arbeiterklasse.

Vor allem vor der Finanzkrise 2008 und der Großen Rezession, als die Arbeitslosigkeit in den USA von 4,5% auf 10% anstieg, nahm die Zahl der Toten aus Verzweiflung zu, und sie stieg weiter an, als die Arbeitslosigkeit in den Tagen vor der Pandemie allmählich auf 3,5% zurückging. Wenn es einen Zusammenhang zwischen Suizid und Arbeitslosigkeit gegeben haben sollte, ist dieser in den USA nicht mehr erkennbar.

Nichtsdestotrotz deuten frühere Begebenheiten darauf hin, dass diejenigen, die im Jahr 2020 in den Arbeitsmarkt eintreten, während ihres gesamten Arbeitslebens ein niedrigeres Einkommen erzielen werden, was möglicherweise in der Verzweiflung mündet, die Tod durch Suizid, Alkohol oder Drogen nach sich zieht. Anders gesagt wird das Amerika nach Covid-19 höchstwahrscheinlich dasselbe sein wie vor Covid-19, nur mit noch mehr Ungleichheit und Dysfunktion.

Die Empörung der Öffentlichkeit über Polizeigewalt oder die unverschämt teure Gesundheitsversorgung könnte natürlich zu einem strukturellen Bruch führen. Falls es dazu kommt, könnte eine bessere Gesellschaft entstehen. Oder vielleicht auch nicht. Es ist nicht immer ein Phönix, der aus der Asche steigt.


Über die Autoren

Anne Case ist emeritierte Professorin für Wirtschaft und Öffentliche Angelegenheiten an der Princeton University.

Angus Deaton, Nobelpreisträger 2015 für Wirtschaftswissenschaften.

Angus Deaton

Deaton ist emeritierter Professor für Wirtschaft und Internationale Angelegenheiten an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs in Princeton und Präsidentschaftsprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Southern California. Sie sind die Autoren von Deaths of Despair and the Future of Capitalism (Princeton University Press, 2020).

Copyright: Project Syndicate

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