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Die große Dienstleistungsillusion

Die große Dienstleistungsillusion
Die große Dienstleistungsillusion
09/2020
Célestin Monga
Project Syndicate

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Während sich die Welt auf die Zeit nach der Pandemie vorbereitet, intensiviert sich das Streben nach einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum immer stärker – insbesondere für die Entwicklungsländer.

20.10.2020 | 07:35 Uhr

Es ist verführerisch, diese Länder – den wichtigsten globalen Wachstumsmotor der letzten Jahrzehnte – aufzufordern, ihre Entwicklungsstrategien von der Industrialisierung auf Dienstleistungen zu verlagern. Da neue Technologien es zunehmend ermöglichen, Dienstleistungen genau wie Waren zu produzieren und zu handeln, schlagen einige Ökonomen sogar vor, dass einkommensschwache Volkswirtschaften die Stufe der industriellen Fertigung komplett überspringen und direkt von der traditionellen Landwirtschaft auf den neuen „Wachstumsbeschleuniger“ Dienstleistungen umstellen sollten.

Die Ansicht, wonach Dienstleistungen der neue heilige Gral für Entwicklungsländer sind, fußt u. a. auf empirischen Studien, die zeigen, dass der Handel mit Dienstleistungen seit dem Jahr 2000 und vor allem seit 2011 stärker zugenommen hat als der mit Fertigungswaren. Die von COVID-19 verursachte Störung der globalen Wertschöpfungsketten hat diese Sicht noch verstärkt.

Zudem spalten neue Technologien wie 5G-Netze und Cloudcomputing Dienstleistungsprozesse auf und eröffnen neue Möglichkeiten für das Outsourcing lohnkostenintensiver und teurer Aktivitäten. Diese Trends senken die Mobilitätskosten für Fachpersonal (das sogenannte „Third unbundling“), wodurch bisher nicht handelbare Dienstleistungen handelbar werden. Da die weltgrößten Volkswirtschaften Zollkriege führen und der Welthandel steil abnimmt, betrachten viele Dienstleistungen als geeignetsten Wachstums- und Beschäftigungsmotor, da sie digitalisiert werden können und weniger stark Zoll- und sonstigen logistischen Barrieren unterliegen.

Doch ist dieses blinde Vertrauen in ein dienstleistungsgestütztes Wachstum eine gefährliche Illusion, und die Argumente dafür sind zutiefst fehlerbehaftet.

Zweitens bleibt die industrielle Fertigung – nicht Dienstleistungen – die primäre Triebkraft für das globale Wachstum. Zwar lässt die Hightech-Innovation die Trennlinien zwischen physischen und neuen digitalen Produktionssystemen verschwimmen und verschiebt zudem die traditionellen Grenzen zwischen Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen. Neue Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) etwa erlauben es traditionellen Landwirten überall auf der Welt, sich mit globalen Wertschöpfungsketten im Bereich der industriellen Agrarproduktion und -dienstleistungen zu vernetzen.

Doch ändern diese Veränderungen nichts daran, dass die Industrialisierung beim Streben nach wirtschaftlichem Wohlstand noch immer von zentraler Bedeutung ist. Die digitale Revolution eröffnet hauptsächlich neue Chancen zur beschleunigten Innovation und zur Steigerung des Wertschöpfungsanteils der industriellen Fertigung. Ein aktueller Bericht der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung zeigt, dass die Wertschöpfung in der weltweiten industriellen Fertigung zwischen 1991 und 2018 jährlich um durchschnittlich 3,1% zugenommen hat – etwas mehr als die durchschnittliche Wachstumsrate beim BIP von 2,8%. Der Beitrag der industriellen Fertigung zum weltweiten BIP hat sich daher von 15,2% im Jahr 1990 auf 16,4% im Jahr 2018 erhöht.

Drittens beträgt der aktuelle Wert des weltweiten Handels mit Dienstleistungen nur ein Drittel des Handels mit Fertigungserzeugnissen, obwohl 75% vom BIP und 80% der Beschäftigung in den OECD-Ländern auf Dienstleistungen entfallen. Der größere Beschäftigungsanteil der hochentwickelten Volkswirtschaften bei den handelbaren Dienstleistungen ist lediglich ein logischer Schritt im Prozess der industriellen Modernisierung und des strukturellen Wandels, und er spiegelt zudem ihren komparativen Kostenvorteil wider, insofern als sie näher an der Front der technologischen Entwicklung sind und sich überwiegend auf relativ hochqualifizierte Arbeitskräfte und Finanzkapital stützen.

Der komparative Kostenvorteil der Entwicklungsländer dagegen beruht auf ihren preiswerten Arbeitskräften, und sie sollten nicht versuchen, die dienstleistungsgestützte Wachstumsstrategie, die derzeit in den hochentwickelten Ländern en vogue ist, nachzuahmen, ohne über das hierfür erforderliche Qualifikationsniveau zu verfügen. Die politischen Entscheidungsträger von Bolivien über Burundi bis nach Bhutan wären schlecht beraten, wollten sie versuchen, dem dienstleistungsgestützten Wachstum der Schweiz nachzueifern, bloß weil ihre Länder ebenfalls Binnenländer sind.

Zudem bleibt die Behauptung, dass die Industrialisierung weniger Arbeitsplätze schaffen wird als früher, weil Roboter menschliche Arbeitskräfte zunehmend verdrängen, reine Mutmaßung. Zwar wird die Automatisierung eine große Zahl an Arbeitsplätzen vernichten. Doch wird sie vermutlich auch neue Branchen und Arbeitsplätze in höher qualifizierten Tätigkeiten hervorbringen. Betrachten wir die indirekten Auswirkungen entlang der Wertschöpfungskette, so zeigt sich, dass die Zunahme der Zahl der in der globalen industriellen Fertigung eingesetzten Roboter tatsächlich Arbeitsplätze schafft und nicht vernichtet. Auch kann in Situationen, in denen technologische Verfahren und die Verbreitung der künstlichen Intelligenz (KI) zu Arbeitslosigkeit führen und die Ungleichheit verstärken, eine solide staatliche Politik (wie etwa nicht verzerrende Steuern, die erhoben werden, um jene zu entschädigen, die ansonsten ihre Arbeitsplätze verlieren) diese negativen Auswirkungen ausgleichen.

Viertens spiegelt der Status der Dienstleistungen als wichtigste Quelle des Wachstums in vielen Entwicklungsländern (zumindest laut offiziellen nationalen Statistiken zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung) hautsächlich Mängel der Industrialisierungsstrategien, die nicht auf die komparativen Kostenvorteile dieser Volkswirtschaften abgestimmt waren, sowie eine übermäßige Informalisierung im Bereich der traditionellen Landwirtschaft und relativ unproduktiver Aktivitäten wider. Geringqualifizierte Dienstleistungen können vielen Menschen helfen, der äußersten Armut zu entgehen, aber sie sind keine zuverlässigen Motoren für Wachstum und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.

Natürlich können handelbare Unternehmensdienstleistungen (z. B. ICT-Dienstleistungen, Finanzintermediation, Versicherungswesen und professionelle, wissenschaftliche, technische und medizinische Dienstleistungen) aufgrund des großen Lohngefälles zwischen unterschiedlichen Ländern Chancen für eine dienstleistungsgestützte globale Integration eröffnen. Doch um es noch einmal zu sagen: Dies wird nur passieren, wenn die Entwicklungsländer ihr Humankapital verbessern – ein langwieriger und kostspieliger Prozess.

In ähnlicher Weise eröffnet das Aufkommen fortschrittlicher digitaler Produktionstechnologien (darunter Robotik, KI, additive Fertigung und Datenanalyse) neue Möglichkeiten bei Dienstleistungen wie der Telemedizin und der Telerobotik. Doch erfordern diese Aktivitäten zugleich hochqualifizierte Arbeitskräfte, und unglücklicherweise verhindern die Bildungssysteme und -ergebnisse der meisten Entwicklungsländer, dass ein Großteil der Erwerbsbevölkerung dieser Länder erfolgreich im Wettbewerb besteht. Angesichts dieser Beschränkungen ist der Vorschlag, dass Volkswirtschaften mit schwachem Humankapital die Stufe der Industrialisierung überspringen sollten, ein Rezept für eine weitere Informalisierung und für Armut.

Für ärmere Länder bleibt die Industrialisierung der wichtigste Weg für eine erfolgreiche Entwicklung. Sie führt zu höherem Produktivitätswachstum und erzeugt und stärkt die Fertigkeiten und Kompetenzen, die Länder brauchen, um sich eine Nische innerhalb der Weltwirtschaft zu sichern, in der sie konkurrenzfähig sind. Neue Technologien erlauben es Nachzüglern zudem, ökologisch nachhaltige Fertigungsunternehmen aufzubauen. Verkürzt gesagt: Die Entwicklungsländer sollten Berichten über den Niedergang der industriellen Fertigung als Schlüssel zu künftigem Wohlstand keinen Glauben schenken. Anspruchsvolle Dienstleistungen können und müssen warten.

Über den Autor

Célestin Monga

Célestin Monga war geschäftsführender Direktor der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung und leitender Wirtschaftsberater bei der Weltbank. Er ist Gastprofessor für Public Policy an der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard und Verfasser mehrerer Bücher, darunter zuletzt The Oxford Handbook of Structural Transformation, sowie Mitverfasser (zusammen mit Justin Yifu Lin) von Beating the Odds: Jump-Starting Developing Countries.

Copyright: Project Syndicate

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