TikTok wird gerade für junge Menschen zur Anlaufstelle für Finanzwissen. Eine Analyse von 150 reichweitenstarken FinTok-Videos zeigt jedoch erhebliche Schwächen: Häufig fehlen Angaben zu Qualifikationen, Risiken werden zu wenig aufgezeigt und Werbung ist nicht immer eindeutig gekennzeichnet.
18.08.2026 | 12:15 Uhr
Finanzwissen wird zunehmend über soziale Medien vermittelt. Besonders TikTok hat sich zu einer wichtigen Plattform für kurze Erklärvideos zu Geldanlage, Sparen, Nebenverdiensten und persönlicher Finanzplanung entwickelt. Für viele junge Menschen sind solche Inhalte der erste Kontakt mit Finanzthemen. Das kann Vorteile haben: Komplexe Zusammenhänge lassen sich in kurzen Videos verständlich erklären und erreichen innerhalb kurzer Zeit ein großes Publikum. Gleichzeitig verschwimmen auf Social Media die Grenzen zwischen unabhängiger Finanzbildung, persönlicher Meinung und Werbung.
Eine Analyse von 150 TikTok-Videos mit jeweils mehr als 100.000 Aufrufen durch Brokerlistings.com zeigt, wo die Probleme liegen. Dabei wurden unter anderem die fachliche Genauigkeit, die Qualifikation der jeweiligen Creatern sowie die Transparenz bei Werbung und kommerziellen Interessen untersucht. Die Ergebnisse legen nahe, dass Anleger Finanztipps aus den sozialen Medien kritisch hinterfragen sollten.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: 74 Prozent der analysierten Videos enthielten keine eindeutigen Angaben zu einer professionellen finanziellen Qualifikation des Erstellers. Viele Creator bezeichneten sich stattdessen als selbst ausgebildete Anleger oder Unternehmer. Das bedeutet nicht automatisch, dass die vermittelten Informationen falsch sind. Auch erfahrene Anleger ohne formale Qualifikation können Finanzthemen verständlich erklären. Für Nutzer wird es dadurch allerdings schwieriger einzuschätzen, auf welcher fachlichen Grundlage eine Aussage beruht. Gerade bei Anlageentscheidungen ist diese Unterscheidung wichtig. Ein persönlicher Erfahrungsbericht ist etwas anderes als eine individuelle Anlageempfehlung – und ein werblicher Beitrag wiederum etwas anderes als unabhängige Finanzbildung.
Noch auffälliger ist der Umgang mit Risiken. Bei 68 Prozent der untersuchten Videos wurden laut Analyse mögliche Gewinne stärker hervorgehoben als Verluste, Schwankungen oder mögliche Fehlschläge. Das ist gerade bei kurzen Videos problematisch. Finanzielle Entscheidungen lassen sich nur selten auf eine einfache Formel reduzieren. Aussagen wie „diese Aktie wird steigen“, „passives Einkommen ohne Aufwand“ oder die Aussicht auf den nächsten großen Investmenttrend können zwar Aufmerksamkeit erzeugen, blenden aber wesentliche Aspekte aus. Ein Beispiel ist das häufig propagierte Konzept des passiven Einkommens. Dividenden, digitale Produkte oder Online-Geschäftsmodelle können grundsätzlich Einnahmen erzielen. Dahinter stehen jedoch häufig entweder Kapital, erheblicher Arbeitsaufwand oder beides. Aber auch Dividenden sind nicht garantiert.
Ein weiteres Problem ist die wirtschaftliche Motivation hinter vielen FinTok-Inhalten. Laut Untersuchung enthielten 61 Prozent der analysierten Videos eine Verbindung zu Brokern, Finanzprodukten, Affiliate-Programmen, Kursen oder anderen kommerziellen Angeboten. Dabei kann die Einnahmequelle eines Creators für den Zuschauer entscheidend sein. Wer beispielsweise für die Vermittlung eines neuen Kunden von einem Broker bezahlt wird, hat ein anderes wirtschaftliches Interesse als jemand, der ausschließlich Bildungsinhalte veröffentlicht. Besonders kritisch ist deshalb die Transparenz. In 53 Prozent der untersuchten Werbeinhalte fehlte laut Analyse eine klare und prominent sichtbare Kennzeichnung der kommerziellen Beziehung.
Der Erfolg von FinTok kommt nicht von ungefähr. Junge Erwachsene stehen früh vor finanziellen Entscheidungen: Sie müssen sparen, investieren, Kredite verstehen oder sich mit Inflation und Altersvorsorge auseinandersetzen. Gleichzeitig wird persönliche Finanzbildung in vielen Bildungssystemen nur begrenzt vermittelt. Social Media füllt diese Lücke. Ein kurzes Video über Zinseszinsen, ETFs oder einen Notgroschen lässt sich leichter konsumieren als ein ausführlicher Ratgeber. Hinzu kommt der Mechanismus sozialer Plattformen. TikTok belohnt Inhalte, die besonders viele Aufrufe, Kommentare und Interaktionen erzeugen. Selbstbewusste Aussagen, einfache Erklärungen und spektakuläre Erfolgsgeschichten funktionieren dabei häufig besser als differenzierte Ausführungen. Genau darin liegt das Dilemma: Was besonders gut funktioniert, muss nicht besonders zuverlässig sein.
Bestimmte Themen tauchen in Finanzvideos besonders häufig auf. Dazu gehören etwa die Suche nach der nächsten „explodierenden“ Aktie, schnelle Wege zu passivem Einkommen, lukrative Nebenjobs oder vermeintliche Chancen bei Kryptowährungen. Bei Aktienempfehlungen fehlt in kurzen Videos laut Analyse häufig der Kontext. Themen wie Diversifikation, Risikomanagement oder langfristige Anlageplanung lassen sich nur schwer in wenigen Sekunden abbilden. Ähnliches gilt für Kryptowährungen. Die Möglichkeit hoher Kursgewinne wird in entsprechenden Videos teilweise stark betont, während die erheblichen Schwankungen und Verlustrisiken weniger Raum bekommen. Die Untersuchung verweist darauf, dass Regulierungsbehörden wie die britische Financial Conduct Authority Kryptowährungen als hochriskante und sehr volatile Anlagen einstufen.
Trotz der Kritik wäre es falsch, Finanz-Influencer pauschal als unseriös einzustufen. Die Untersuchung von brokerlistings.com kommt ausdrücklich nicht zu dem Schluss, dass sämtliche Finanzinhalte auf TikTok unzuverlässig sind. Im Gegenteil: Gut gemachte Videos können einen niedrigschwelligen Einstieg in Finanzthemen ermöglichen. Wer beispielsweise erstmals von ETFs, Zinseszinsen oder einem Notgroschen hört, kann über Social Media einen wichtigen Anstoß erhalten, sich intensiver mit seinen Finanzen auseinanderzusetzen. Das eigentliche Problem liegt daher weniger in der Plattform selbst als in der Bewertung der dort verbreiteten Informationen.
Bevor man einen Finanztipp aus einem sozialen Netzwerk in eine Anlageentscheidung übersetzt, sollte man einige Fragen stellen: Wer gibt den Tipp? Prüfe, welche Ausbildung, Berufserfahrung oder sonstige fachliche Qualifikation der Creator besitzt. Wer verdient daran? Gibt es einen Affiliate-Link, eine Kooperation mit einem Broker oder ein kostenpflichtiges Angebot? Ein kommerzielles Interesse macht eine Aussage nicht automatisch falsch, sollte aber bekannt sein. Werden auch Risiken genannt? Ein seriöser Finanzbeitrag sollte nicht nur mögliche Gewinne beschreiben, sondern auch Verluste, Schwankungen und Unsicherheiten berücksichtigen. Kann man die Aussage überprüfen? Je größer die finanzielle Konsequenz, desto weniger sollte man dich auf eine einzelne Quelle verlassen. Die Analyse empfiehlt, Informationen aus sozialen Medien mit unabhängigen Quellen, wissenschaftlichen Untersuchungen oder Informationen von Behörden und Regulierungsorganisationen abzugleichen.
Der Erfolg von FinTok verweist letztlich auf ein größeres Problem: den weiterhin bestehenden Bedarf an Finanzbildung. Die Analyse verweist auf Untersuchungen von S&P Global, nach denen weltweit nur etwa ein Drittel der Erwachsenen über grundlegende Finanzkenntnisse verfügt. Themen wie Inflation, Diversifikation und Zinseszins bereiten vielen Menschen Schwierigkeiten. Social Media kann diese Wissenslücke teilweise schließen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass komplexe Finanzentscheidungen auf eingängige, aber zu einfache Botschaften reduziert werden. Für Anleger gilt deshalb: Ein TikTok-Video kann ein guter Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit einem Finanzthema sein – es sollte aber nicht automatisch die Grundlage einer Anlageentscheidung bilden. Gerade bei Aktien, ETFs, Kryptowährungen oder anderen Investments sind eigene Recherche und der Blick auf Chancen und Risiken unverzichtbar. (jk)
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