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Lebensversicherung: Wenn die Medizin zum Gift wird

Lebensversicherer müssen im laufenden Jahr neun Milliarden Euro für die Zinszusatzreserve aufbringen.

Die Zinszusatzreserve wird bis Ende 2015 auf fast 30 Milliarden Euro anwachsen. Auch in den Folgejahren rechnet Assekurata mit hohen Zuführungen. Die Rating-Agentur warnt: Der Patient dürfe am Ende nicht an der Medizin versterben. Moody’s hält seinen Ausblick für Lebensversicherer auf negativ.

09.02.2015 | 14:35 Uhr von «Patrick Daum»

Lebensversicherer werden 2015 voraussichtlich etwa neun Milliarden Euro für die Zinszusatzreserve aufbringen müssen. Zu dieser Einschätzung kommt Lars Herrmann von der Rating-Agentur Assekurata. Laut der neuen Assekurata-Studie zur Überschussbeteiligung deutscher Lebensversicherer, die Anfang Februar vorgestellt wurde, wäre das ein neuer Rekord. Der bisherige Höchstwert fiel 2014 mit gut acht Milliarden Euro an. Insgesamt befinden sich in dem seit 2011 zu bildenden Reservetopf mittlerweile mehr als 20 Milliarden Euro. „Damit haben die deutschen Lebensversicherer in den vergangenen vier Bilanzjahren bereits mehr als das Anderthalbfache ihres Eigenkapitalbestands als zusätzliche Zinsvorsorge nachreserviert“, so Herrmann. Inzwischen befürchten bereits einige Branchenkenner, dass es den Versicherern wegen der aktuellen Niedrigzinsphase schon bald nicht mehr gelingen könnte, wichtige Reserven aufzubauen. Erste Experten sorgen sich gar, dass es zu Leistungskürzungen kommen wird, wenn es bei den sehr niedrigen Zinsen bleibt. Dr. Carsten Zielke, Gründer der Zielke Research Consult, schätzt, dass es die ersten Fälle in ein bis zwei Jahren geben könnte.

Der Zusammenbruch eines oder mehrerer Akteure auf dem deutschen Markt könnte einen Reputationsschaden für die gesamte Branche bedeuten, befürchtet Moody’s. Die Rating-Agentur bleibt in ihrem Ausblick für die Lebensversicherungsbranche weiterhin negativ und begründet dies unter anderem mit den Vorbereitungen auf die künftige Solvency-II-Richtlinie, die für Kopfschmerzen in der Branche sorge. Zwar geht Moody’s davon aus, dass der Übergang zu diesem Regelwerk langfristig positiv für die Bonität deutscher Lebensversicherer ist. Allerdings merken die Analysten in ihrem aktuellen Research-Bericht auch an: „Einige kleinere Gesellschaften weisen aktuell eine zu geringe Kapitalausstattung auf, um die Anforderungen zu erfüllen.“  

Für zusätzlichen Gegenwind sorgen laut Moody’s die historisch niedrigen Zinsen und die quantitative Lockerung der Europäischen Zentralbank, die auf die Rentabilität drücken. „Viele Lebensversicherer senken die Zinsen, die sie den Versicherungsnehmern gutschreiben, um ihre Finanzkraft zu bewahren. Die Wirksamkeit dieser Maßnahme schwindet jedoch, da die Gesellschaften in zunehmendem Maße durch die hohe Garantieverzinsung, mit der sie ihre Policen in der Vergangenheit verkauft haben, in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind“, heißt es in dem Research-Bericht.

Wirkung der Zinszusatzreserve auf die Garantieverzinsung

Seit 2011 ist die Garantiezinsanforderung in den Beständen der Lebensversicherer um 18 Basispunkte auf rund 3,05 Prozent gesunken. Dieser Rückgang ist laut Assekurata auf Abläufe, Storni und Neuverträge mit geringerem Rechnungszins zurückzuführen. Ein anderes Bild ergibt sich unterdessen, wenn man die Wirkung der Zinszusatzreserve auf die Garantiezinsanforderungen in den Beständen berücksichtigt. Diese liegt laut Assekurata derzeit im arithmetischen Marktdurchschnitt bei 2,8 Prozent. „Daraus ergibt sich, dass die Zinszusatzreserve zu einer stärkeren Absenkung der Anforderungen in den Beständen geführt hat als die natürliche Bestandsveränderung“, erläutert Herrmann. Seit ihrer Einführung 2011 habe die Zinszusatzreserve für eine Absenkung um 25 Basispunkte gesorgt.  

Um einzuschätzen, wie sich die Zinszusatzreserve künftig entwickelt, hat Assekurata in ihrer Studie auch eine Referenzsimulation vorgenommen. Hierbei wurde der aktuell maßgebliche Zeitreihenwert des Bezugszinses auf Basis der gesetzlich verankerten Rechenmethodik als Konstante in die Zukunft fortgeschrieben. Unter der Annahme gleichbleibender Zinskonditionen – wovon allerdings eher nicht auszugehen ist, sonder viel eher von einem weiteren Absinken – würde der Referenzzins 2015 bei 2,97 Prozent liegen. Das bedeutet: Erstmals wären auch Verträge mit einem Rechnungszins von drei Prozent von der Zinsreservierung betroffen. Herrmann merkt in diesem Zusammenhang an: „Angesichts der pessimistischen Zinsperspektive bleibt der Nachreservierungsbedarf in Summe über alle betroffenen Tarifgenerationen hoch.“

Auch ein sprunghafter Zinsanstieg auf 2,5 Prozent würde kaum etwas ändern. Laut Assekurata-Berechnungen würde der Referenzzins auch in diesem Fall noch bis 2021 auf rund 2,3 Prozent sinken und entsprechend hohe Nettozuführungen zum Reservetopf nach sich ziehen. Erst ab einem Zinsanstieg auf mindestens 3,5 Prozent wäre ein positiver Effekt spürbar. Dies würde laut Herrmann den Referenzzins auf einem Niveau von drei Prozent stabilisieren und „ab 2019 zu einer nachhaltigen Reserveentlastung führen“.  

Darüber hinaus merkt die Rating-Agentur an, dass eine Finanzierung der Zinszusatzreserve bei fortwährenden Niedrigzinsen über die Ausschüttung von Bewertungsreserven die Substanz der Lebensversicherer und über notwendige Absenkungen der Überschussbeteiligung die Produktivität im Neugeschäft schwächt. Auch ein Zinsanstieg könne weitere Dotierungen der Reserve notwendig machen. „Steigende Zinsen führen zu einer Minderung der vorhandenen Bewertungsreserven“, gibt Herrmann zu bedenken. Im Extremfall könnte die Zinszusatzreserve dann nicht mehr aus den Rohüberschüssen finanzierbar sein. „Hier ist Vorsicht geboten, dass der Patient am Ende nicht an der Medizin verstirbt“, so Herrmann.  

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