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Rezessionsängste: Wann die nächste Krise kommt - Teil 1

Die Weltkonjunktur lahmt, die Warnungen vor einer neuerlichen Krise werden lauter. Was die Märkte belastet, welche Indikatoren gegen einen Börsen-Tsunami sprechen und was ein stabiles Depot ausmacht.

01.11.2019 | 11:00 Uhr von «Urban Jäkle»

Je länger eine Hausse dauert, umso größer wird die Gefahr, dass sie endet. Seit der Lehman-Krise sind mehr als elf Jahre ins Land gegangen. Nur zwischen 1988 und 2000 dauerte ein Bullenmarkt noch etwas länger, allerdings nur, wenn man die Kurseinbrüche von 1997 (Asienkrise) und 1998 (Russlandkrise, Platzen des Hedgefonds LTCM) noch unter der Kategorie "normale Korrektur" verbucht. Und wie ist es jetzt? Der bekannteste US-Index Dow Jones hat in diesem Jahr mit 27 000 Punkten einen neuen Rekord erreicht, der S & P 500 steht nahe 3000, der DAX um die 12 000 Punkte.

Neue Rekorde untermauern die These, dass es langfristig keine bessere Anlageform als Aktien gibt. Trotzdem mehren sich die kritischen Stimmen. Die Bewertungen sind hoch - zumindest in den USA. Die Verschuldung hat weltweit das Niveau der Finanzkrise 2008/09 weit überschritten. Prominente Börsianer wie Max Otte und Dirk Müller erwarten deshalb bereits seit geraumer Zeit Ungemach. Vergangene Woche erhielten sie prominente Unterstützung. Die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) warnte von einer schweren Finanzkrise. In ihrer ersten Rede als Nachfolgerin von Christine Lagarde sprach Kristalina Georgiewa von "massiven Gefahren durch die hohe Unternehmensverschuldung".

Sollte es zu einem heftigen Abschwung kommen, sind ihrer Ansicht nach Unternehmenskredite im Wert von 19 Billionen Dollar ausfallgefährdet. Stress an den Kapitalmärkten wäre demnach programmiert. Doch wie misst man Stress? Die US-Amerikaner Craig Hakkio und William Keeton von der Federal Reserve Bank of Kansas City haben nach der Finanzkrise im Jahr 2009 einen Indikator entwickelt, der eine Crash-Gefahr frühzeitig anzeigen soll, den "Kansas City Financial Stress Index" - kurz KCFSI oder einfach Stress-Index.

Kansas City Financial Stress Index
Kansas City Financial Stress Index
Kansas City Financial Stress Index

Quelle: BÖRSE ONLINE

Die beiden Finanzmarktforscher untersuchten Anlegerverhalten und Kapitalflüsse in den Anleihe- und Aktienmärkten vor und während großer Finanzmarktkrisen. Vereinfacht ausgedrückt sind dann drei Merkmale zu beobachten: 1. erhöhte Verunsicherung der Anleger, 2. Flucht in Qualität, 3. Flucht in Liquidität.

Ein weiterer Indikator ist die AdvanceDecline-Linie, die hierzulande während des Platzens der Technologieblase in den Jahren 2000 bis 2003 traurige Berühmtheit erlangte. Der erfolgreiche Fondsmanager Jens Ehrhardt hatte bereits 1998 viele Aktien abgestoßen und wurde deshalb zwei Jahre lang belächelt. Am Ende bekam er doch recht, was seine heutige Popularität nicht unwesentlich mitbegründet hat. Ehrhardt hatte als einer der Ersten festgestellt, dass seit 1998 die Anstiege an den Aktienmärkten nur noch von wenigen Aktien getragen wurden, aber nicht mehr von der Mehrzahl der Unternehmen.

Während Börsenlieblinge wie SAP, Nokia, Cisco und Microsoft weiter von Hoch zu Hoch kletterten, blieb die Mehrzahl der Firmen hinter dieser Entwicklung zurück. Die Advance-Decline-Linie (siehe Seite zwei) entwickelte sich also gegenläufig zu den Aktienindizes. Die Baisse hatte schon begonnen, nur hatte es kaum jemand bemerkt. Die gute Nachricht: Aktuell deutet weder der Stress-Index noch die Advance-Decline-Linie auf einen Bärenmarkt oder gar einen Crash hin.

Kurzfristig ist die Lage passabel 

Die Lage ist kurzfristig möglicherweise besser als die Stimmung. Mittel- bis langfristig sollte man jedoch die Warnung von IWF-Chefin Georgiewa nicht in den Wind schreiben. Die 19 Billionen US-Dollar an Unternehmenskrediten, die nach ihren Berechnungen im Feuer stehen, entsprechen fast der gesamten US-Wirtschaftsleistung eines Jahres, der mit Abstand größten Volkswirtschaft der Erde (das Bruttoinlandsprodukt betrug 2018 etwa 20,5 Billionen Dollar). Die Bulgarin geht außerdem davon aus, dass eine Rezession unmittelbar bevorsteht: "Die Vorhersagen für nächstes und übernächstes Jahr zeigen, dass dieser Abschwung das Bruttosozialprodukt von 90 Prozent aller Staaten betreffen wird." Dazu passt der Hinweis des Investmenthauses Crescat Capital, dass das Wort "Rezession" aktuell so oft gegoogelt wird wie zuletzt im Jahr 2008.

Die nächste Krise kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, die Frage ist nur: wann? Um eine Rezession zu verhindern, haben die Notenbanken in allen großen Volkswirtschaften massiv Liquidität in die Märkte gepumpt. Die Zinsen notieren fast überall nahe null (in Deutschland und der Schweiz sogar darunter). Die Zentralbanken haben in großem Umfang Anleihen von Staaten und Unternehmen aufgekauft und sich dadurch in eine Sackgasse manövriert. Sie können kaum die Zinsen anheben, da sie dadurch sogenannte Zombie-Firmen in die Pleite treiben würden. Ganz davon abgesehen, dass einige Staaten in massive Schwierigkeiten kämen.

Andererseits können viele Banken bei Nullzinsen kaum auf Dauer überleben, da ihr Geschäftsmodell dann nicht mehr richtig funktioniert. Die Banken finden auch im Stressindikator der Notenbank von Kansas City besondere Beachtung, da sie für eine funktionierende Volkswirtschaft eine unerlässliche Basis sind. Ein schlechtes Zeichen ist beispielsweise gegenseitiges Misstrauen zwischen Banken, wenn sie sich untereinander weniger Geld leihen. Zuletzt musste die US-Notenbank mehrfach eingreifen, um zu verhindern, dass der Interbankenmarkt (wie vor der Krise 2008) zum Erliegen kommt.

Eine Bankenkrise ist möglich 

Ein Alarmsignal ist aber vor allem, was sich in der europäischen Bankenlandschaft abspielt. Allein die Kurse von Commerzbank und Deutsche Bank geben genug Anlass zur Sorge. Finanzkrisen können verschiedene Gestalten annehmen: Staatsbankrott, Bankenpleiten und Währungskrisen. Derzeit sieht es am ehesten nach einer Bankenkrise aus.

Um nicht unvorbereitet in die nächste Krise zu schlittern, sollten Anleger neben dem Stress­-Index auch die Geldströme im Auge behalten. Typisch sind die im Kansas-Stress-Indikator genannten Fluchtbewegungen in Qualität und Liquidität. In den zurückliegenden Krisen floh das Kapital meist in die stabilsten Währungen in den am höchsten entwickelten Volkswirtschaften, früher oftmals in die D-Mark oder den Schweizer Franken - in der jüngeren Vergangenheit waren es aber meist der US-Dollar und Gold. Wie es bei der nächsten Krise sein wird, ist reine Spekulation, aber vermutlich wird am US-Dollar erneut kein Weg vorbeiführen.

Den Amerikanern gehört, gemessen am Börsenwert, mehr als die Hälfte des Produktivkapitals der Welt. Aus den USA kommen Amazon, Alphabet, Apple, Facebook, Microsoft und diverse Großbanken. Das Land besitzt zudem Öl, Gas und immer noch den größten politischen und militärischen Einfluss weltweit. Die USA sind zudem in ihrer eigenen Währung verschuldet und können im Prinzip so viel Geld erzeugen, wie sie wollen. Was für Gold spricht. Denn Gold gilt als klassische Krisenwährung und wird seit Monaten von Ray Dalio, einem der berühmtesten Hedgefondsmanager weltweit, zur Diversifizierung von Aktiendepots empfohlen. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich das Edelmetall vor allem in schwächeren Phasen des Aktienmarkts gut entwickelt. Wie Dalio Gold, Anleihen und Aktien zu einem weitgehend krisensicheren Portfolio mischt, erfahren Sie im unten stehenden Kasten. Mit seinem Allwetter-Portfolio können Anleger der nächsten Krise einigermaßen gelassen entgegensehen. Egal, wann sie kommt.

Wann die nächste Krise kommt - Teil 2, befasst sich mit der Zusammenstellung eines Portfolios, mit dem man selbst Krisenzeiten stressfrei überstehen kann.

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