TiAM FundResearch blickt auf die vergangenen Wochen zurück und gibt einen Ausblick auf die kommenden Tage. Diesmal im Fokus: Wie koreanische Privatanleger sich verzockt haben.
10.08.2026 | 07:15 Uhr von «Matthias von Arnim»
Es gab Wochen in diesem Frühjahr, da wirkte der koreanische Aktienmarkt wie ein Selbstbedienungsladen. Samsung Electronics und SK Hynix, die beiden Schwergewichte der heimischen Chipindustrie, ritten auf der KI- und Speicherchip-Welle. Und die Korea Exchange lieferte pünktlich zum Höhepunkt der Euphorie das passende Werkzeug: Ende Mai gingen die ersten Single-Stock-Hebel-ETFs auf die beiden IT-Aktien an den Start. Wer glaubte, dass es mit Samsung und SK Hynix immer nur weiter nach oben gehen könne, musste sich nicht mehr mit langweiligen Direktinvestments in die Aktien aufhalten. Ein gehebeltes Produkt versprach die doppelte Tagesrendite, ganz ohne Optionsschein-Wissen, ganz ohne Broker in Übersee.
Die Rechnung ging zunächst auf. Nach Zahlen von KB Financial Group flossen binnen weniger Wochen umgerechnet rund 9,4 Milliarden US-Dollar aus dem koreanischen Heimatmarkt in diese beiden Produkte – ein Volumen, das den Zufluss ausländischer Investoren deutlich übertraf. Vor allem koreanische Privatanleger hatten sich die Portfolios mit den beiden ETFs gefüllt, nicht wenige zockten bereits seit Monaten auf Pump. Das Volumen privater Wertpapierkredite verdoppelte sich innerhalb eines Jahres.
Dann drehte der Markt: Steigende Finanzierungskosten, eine Zinserhöhung der Bank of Korea und geopolitische Spannungen im Nahen Osten sorgten dafür, dass sowohl SK Hynix als auch Samsung Electronics innerhalb eines Monats rund ein Drittel ihres Wertes an der Börse verloren. In den vergangenen beiden Wochen beschleunigten sich die Kurskapriolen noch einmal.
Was nun zu beobachten war, liest sich wie aus dem Lehrbuch für Hebelwirkung. Überschrift des Kapitels: „So tut es richtig weh“. Während die SK-Hynix-Aktie im Juli um rund ein Fünftel einbrach, büßte der darauf ausgerichtete Hebel-ETF mehr als zwei Drittel seines Wertes ein. Die Investmentbank Citi taxierte die aufgelaufenen Verluste koreanischer Privatanleger aus Hebel-ETFs zuletzt auf umgerechnet knapp 39 Milliarden US-Dollar und warnte, dass die Entschuldung vieler Anleger noch längst nicht abgeschlossen sei. Der Unmut wurde so groß, dass Kritiker der Produkte zeitweise sogar vor dem südkoreanischen Parlament in Seoul öffentlich für ein Verbot der Hebel-ETFs demonstrierten. Die Aufsicht reagierte inzwischen und hob die Mindest-Bareinlage für den Handel mit diesen Produkten um das Zehnfache an.
Das für die Anleger Fatale war nicht nur die Größe der Kursbewegung der Aktien, sondern die Mechanik selbst: Ein 2x-Hebel-ETF setzt seine Positionierung jeden Tag neu zurück. In einem Markt, der stark schwankt, ohne klar in eine Richtung zu laufen, frisst dieses tägliche Reset über die Zeit Substanz – ein Effekt, den viele Anleger schlicht nicht auf dem Schirm hatten. Für deutsche Leser mag das nach einer fernen Episode klingen. Immerhin sind Single-Stock-ETFs hierzulande – und erst recht gehebelte Varianten auf Einzelaktien – aufgrund der UCITS-Regeln zur Risikostreuung gar nicht zugelassen. Ein durchschnittlicher deutscher Privatanleger kann also gar nicht in Versuchung geraten, sein gesamtes Depot auf eine gehebelte SAP- oder Siemens-Wette zu konzentrieren. Wollte er es trotzdem, müsste er dies mit Optionsscheinen oder Hebelzertifikaten tun und dafür seiner Bank explizit nachweisen, die Kompetenz für den Handel mit Hebelderivaten zu besitzen.
Das ist die gute Nachricht.
Die weniger gute lautet: Branchen-Hebel-ETFs, die auf ganze Sektorindizes wie Halbleiter, Biotech oder Öl und Gas gehebelt sind, sind auch am deutschen Markt erhältlich und funktionieren nach demselben Prinzip wie ihre koreanischen Verwandten – nur eben breiter gestreut über mehrere Aktien statt auf einen einzigen Titel konzentriert. Auch sie versprechen das Zwei- oder Dreifache der Tagesrendite eines zugrunde liegenden Index, und auch sie setzen dieses Verhältnis täglich neu zurück.
Dies ist der Punkt, den viele Anleger unterschätzen: Ein gehebelter Index-ETF verspricht keineswegs das Doppelte der Rendite über einen Monat oder ein Jahr, sondern ausschließlich über einen einzigen Handelstag. Läuft der zugrunde liegende Sektor seitwärts und schwankt dabei kräftig, kann der Hebel-ETF über die Zeit deutlich schlechter abschneiden als der einfache Index – selbst wenn dieser am Ende unverändert steht. Erst in klaren, anhaltenden Trends entfaltet der Hebel seine volle, beabsichtigte Wirkung.
Genau an dieser Stelle liegt die eigentliche Lehre aus Seoul, auch für den deutschen Markt: Viele Anleger, die zu Hebelprodukten greifen, verstehen die tägliche Rückstellung und ihre Konsequenzen schlicht nicht. Sie verwechseln einen Zwei-Tage-Hebel mit einem Zwei-Monate- oder Zwei-Jahre-Hebel und wundern sich dann, warum ihr Depot in einem volatilen Seitwärtsmarkt schrumpft, obwohl der Sektor, auf den sie gesetzt haben, am Ende kaum verloren hat. Und wenn es dann tatsächlich sogar einmal richtig nach unten geht, dann fühlt sich das an wie in einem Fahrstuhl, dessen Sicherheitsseil gerissen ist.
Anlageberater sollten diesen Mechanismus in Gesprächen aktiv ansprechen, bevor ein Kunde aus Enttäuschung über eine vermeintliche Fehlprognose des Sektors tatsächlich nur Opfer der Produktmechanik geworden ist. Lerne: Ein Hebel ist kein Verstärker für die eigene Marktmeinung über Monate – er ist ein Werkzeug für den einzelnen Handelstag. Anlageberater sollten das ihren Kunden klar kommunizieren. Auch aus Eigeninteresse. Verzweifelte Anleger sind selten gute Kunden.
Interessante Termine in den kommenden Tagen
Am Dienstag besucht der jüngst ins Amt gesetzte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger die Stadt Kiel und deren Umland. Er folgt damit einer Einladung von Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen. Vielleicht holt sich der neue Bundesminister bei seinem erfahrenen Bundesland-Amtskollegen ein paar wertvolle Tipps ab. Madsen gilt als jemand, der ohne parteipolitische Scheuklappen pragmatische Lösungen sucht.
Am Mittwoch gibt das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Details zur Inflationsrate für Juli 2026 bekannt. Aktueller Stand: Die Inflationsrate in Deutschland wird im Juli 2026 voraussichtlich +2,8 % betragen. Gemessen wird sie als Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI) zum Vorjahresmonat. Die Inflationsrate ohne Nahrungsmittel und Energie, oftmals auch als Kerninflation bezeichnet, beträgt im Juli 2026 voraussichtlich +2,4 %. Die Preise für Energie steigen gegenüber dem Vorjahresmonat voraussichtlich um 8,3 %. Damit nimmt die Teuerung für Energie im Juli wieder deutlich zu (Juni 2026: +3,4 % gegenüber Juni 2025; Mai 2026: +6,6 % gegenüber Mai 2025). Unterm Strich bedeutet das: Treiber der Teuerung sind die Energiepreise, hauptsächlich zurückzuführen auf den von den USA und Israel begonnnen Krieg am Golf. Alles in Allem war das dann wohl keine gute Idee.
Am Donnerstag lädt der Deutsche Weinbauverband (DWV) zu seiner Herbst-Pressekonferenz ein. Themen sind die aktuelle Lage des deutschen Weinbaus vor der Ernte 2026, die Situation im Export, die agrar- und weinbaupolitischen Positionen und Forderungen des DWV an die Politik. Na, dann mal Prost!
Am Freitag gibt Eurostat wichtige Kennzahlen zur Entwicklung in der Eurozone bekannt, unter anderem die aktuellen Zahlen zur Handelsbilanz, das Bruttoinlandsprodukt, die Entwicklung des Arbeitsmarktes sowie die Netto-Euro-Positionen an der Terminbörse in Chicago und New York. Die Forex Händler dort interessieren die sogenannten „nicht kommerziellen“ oder spekulativen Positionen, um zu entscheiden, ob ein Trend gesund ist oder nicht. Die Daten geben auch einen Hinweis über die allgemeine Stimmung gegenüber dem Euro.
Diesen Beitrag teilen: