Privatanleger, die glauben, mit eigenem Stock-Picking erfolgreicher als alle anderen Marktteilnehmer zu sein, irren sich – oder haben bisher Glück gehabt. Denn die meisten einzelnen Aktien generieren auf Dauer Verluste.
19.08.2026 | 14:00 Uhr von «Matthias von Arnim»
Anlageberater und Vermögensverwalter hören früher oder später von ihren Kunden oft eine ähnliche Geschichte: Deren Nachbar oder Freund habe mit eigenem Stock-Picking unglaubliche Gewinne im zwei- oder gar dreistelligen Prozentbereich erzielt. Und prompt folgt die Frage: Warum sei denn das eigene Portfolio nicht so performancestark, wenn sogar der gute Freund ohne ausgewiesene Finanzexpertise so erfolgreich sei? Der übliche Verweis darauf, dass „der gute Freund“ entweder nur Glück gehabt habe oder vielleicht seine Misserfolge nur unter den Tisch kehre, ist erfahrungsgemäß nicht die beste Replik.
Eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür, Anleger davon zu überzeugen, dass breit gestreutes Investieren nicht nur risikoärmer, sondern auch erfolgreicher ist als privates Stock Picking, sind nachweisbare Statistiken, die diese These mit konkreten Zahlen untermauern.
Eine aktuelle Langzeit-Untersuchung liefert Beratern genau dieses passende Argument, das schwer zu entkräften ist – und zwar mit einem Datensatz, der so groß ist wie kaum ein anderer in der Finanzmarktforschung: Für seine Studie „One Hundred Years in the U.S. Stock Markets“ hat der Finanzprofessor Hendrik Bessembinder von der Arizona State University sämtliche 29.754 an US-Börsen notierten Stammaktien der vergangenen 100 Jahre ausgewertet. Das Ergebnis widerspricht der landläufigen Vorstellung, wonach Aktien im Zeitverlauf grundsätzlich Vermögen mehren. Zwar lag die durchschnittliche Buy-and-Hold-Rendite über alle Titel hinweg bei mehr als 30.000 Prozent, doch dieser Mittelwert wird von wenigen Ausreißern nach oben verzerrt. Der Median-Wert – also die Rendite, die eine typische Aktie über ihre gesamte Notierungsdauer erzielte – lag bei minus 6,9 Prozent. Nur etwas mehr als 48 Prozent aller untersuchten Aktien haben im untersuchten Zeitraum von 1926 bis 2025 überhaupt einen positiven Ertrag erwirtschaftet, wie Bessembinder in seiner Untersuchung darlegt. Legt man die Latte höher und vergleicht die Einzeltitel mit der Rendite von US-Staatsanleihen, hatten sogar nur rund 41 Prozent der Aktien die Nase vorn. Und nur etwa 28 Prozent der Aktien schlugen über ihre jeweilige Haltedauer den marktbreiten, wertgewichteten Index.
Auch bei der aggregierten Vermögensbildung zeigt sich eine extreme Schieflage. Zwar haben Aktionäre über das betrachtete Jahrhundert hinweg insgesamt rund 91 Billionen Dollar mehr an Vermögen im Vergleich zu einer risikolosen Anlage in Staatsanleihen hinzugewonnen, doch dieser gigantische Betrag verteilt sich höchst ungleich: Laut der Studie waren es am Ende gerade einmal 1.082 Unternehmen – nur etwas mehr als drei Prozent aller je an der Börse notierten Firmen –, die für die gesamte Netto-Vermögensbildung verantwortlich zeichnen. Fast 60 Prozent aller Firmen haben demgegenüber über ihre gesamte Notierungszeit hinweg Vermögen vernichtet, gemessen am Vergleichsmaßstab Geldmarktzins. Und die Konzentration nimmt weiter zu: Während für den Zeitraum bis 2016 noch 89 Unternehmen für die Hälfte der Wertschöpfung standen, genügen inzwischen nur noch 46 Firmen, um die Hälfte der über das gesamte Jahrhundert geschaffenen 91 Billionen Dollar zu erklären.
Der Grund für diese Verzerrung liegt in der positiven Schiefe der Renditeverteilung: Nach oben ist bei Aktienkursen keine Grenze gesetzt, nach unten dagegen schon. Der Totalverlust markiert das Ende der Fahnenstange. Über lange Zeiträume verstärkt der Zinseszinseffekt diesen Effekt zusätzlich.
Der Trugschluss vieler Anleger könnte angesichts dieser Erkenntnis lauten: Wenn doch tatsächlich nur wenige Aktien erfolgreicher sind als der ganze Rest des Aktienmarktes, dann lohnt sich Stock-Picking mehr als breite Diversifikation. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer im Nachhinein weiß, dass Aktien von beispielsweise Nvidia, Apple oder Amazon in den vergangenen Jahren zu den großen Gewinnern gezählt haben, unterschätzt leicht, wie schwer es vor vielen Jahren war, genau diese Werte unter Zehntausenden Alternativen als mögliche Gewinner zu identifizieren – und wie viele vermeintlich aussichtsreiche Kandidaten im Rückblick heute zu den Verlierern zählen.
Für die Anlageberatung lässt sich aus der Studie eine klare Botschaft ableiten: Wer auf einzelne Aktien setzt, geht ein unnötiges Risiko ein. Denn die überwältigende Mehrheit der Einzeltitel bleibt hinter dem Markt oder sogar hinter dem risikolosen Zins zurück, während der eigentliche Vermögenszuwachs von einer sehr kleinen Zahl an Ausnahmeunternehmen getragen wird. Wer diese wenigen Gewinner im Portfolio verpasst, verpasst faktisch die gesamte Überrendite des Marktes.
Genau dieses Risiko lässt sich eliminieren, indem Anleger nicht auf einzelne Werte, sondern auf die Marktbreite setzen – etwa über einen global ausgerichteten Aktien-ETF, der alle relevanten Unternehmen automatisch berücksichtigt und damit sicherstellt, dass auch die wenigen künftigen Überflieger im Depot vertreten sind.
Wie sich diese Logik in der Praxis auszahlt, zeigt ein Blick auf breit aufgestellte Welt-Aktien-ETFs mit langer Historie. Die folgende Übersicht stellt gängige MSCI-World- und ACWI-Produkte mit ihrer Wertentwicklung über fünf und zehn Jahre sowie ihren laufenden Kosten gegenüber.
| ISIN | Name | Positionen | Auflegung | Volumen in Mio. Euro | Perf. 5 Jahre kum. | Perf. 10 Jahre kum. | TER |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| IE00B60SX394 | Invesco MSCI World ETF | 1.284 | 02.04.09 | 8.521 | 77% | 232% | 0,05% |
| IE00B4L5Y983 | iShares Core MSCI World ETF | 1.281 | 25.09.09 | 128.599 | 77% | 230% | 0,20% |
| IE00BJ0KDQ92 | Xtrackers MSCI World ETF | 1.454 | 22.07.14 | 20.664 | 77% | 230% | 0,12% |
| IE00B57X3V84 | iShares DJ Global Leaders Screened ETF | 575 | 25.02.11 | 1.931 | 74% | 214% | 0,60% |
| IE00B6R52259 | iShares MSCI ACWI ETF | 1.682 | 21.10.11 | 30.926 | 74% | 213% | 0,20% |
| IE00B44Z5B48 | State Street SPDR MSCI ACWI ETF | 2.261 | 13.05.11 | 15.630 | 74% | 213% | 0,12% |
| IE00B3YLTY66 | State Street SPDR MSCI ACWI IMI ETF | 4.975 | 13.05.11 | 7.101 | 71% | 205% | 0,17% |
Die Zahlen sprechen für sich: Über zehn Jahre hat sich der Wert eines Investments in einen der großen MSCI-World-ETFs in der Regel mehr als verdreifacht – ganz ohne die Notwendigkeit, im Vorfeld einzelne Gewinneraktien zu identifizieren. Der iShares Core MSCI World ETF etwa, mit knapp 129 Milliarden Euro Volumen das mit Abstand größte Produkt in der Übersicht, bringt es mit 1.281 Positionen auf eine enorme Streuung – von US-Technologiekonzernen über europäische Industriewerte bis zu japanischen Exportunternehmen. Auch die kostengünstigeren Varianten von Invesco und Xtrackers erzielen mit TER-Sätzen von 0,05 respektive 0,12 Prozent nahezu identische Ergebnisse, was zeigt, dass bei nahezu gleicher Indexabbildung auch die Gesamtkostenquote über die Nettorendite mitentscheiden kann.
Etwas moderater, aber immer noch deutlich positiv, fällt die Wertentwicklung der ACWI-Varianten aus, die zusätzlich Schwellenländer einbeziehen und damit auf noch mehr Positionen – bis zu 4.975 beim SPDR MSCI ACWI IMI ETF – gestreut sind. Die etwas niedrigere Zehn-Jahres-Performance dieser Produkte gegenüber den reinen Industrieländer-Indizes lässt sich mit der schwächeren Entwicklung vieler Schwellenmärkte im Betrachtungszeitraum erklären, ändert aber nichts am grundsätzlichen Befund: Auch mit zusätzlicher Emerging-Markets-Beimischung liegt die kumulierte Zehn-Jahres-Rendite bei mehr als 200 Prozent.
Die Kombination aus Bessembinders Langzeitstudie und der Praxisperformance der Welt-ETFs liefert Beratern im Privatkundengeschäft ein stichhaltiges Argument gegen das Stock-Picking: Wer auf einzelne Werte setzt, geht statistisch betrachtet eine Wette auf eine Underperformance ein – und nicht auf eine Outperformance. Ein breit diversifizierter Welt-ETF hingegen stellt sicher, dass die wenigen tatsächlichen Wertschöpfer der Zukunft automatisch im Portfolio landen – zu Kosten, die bei den günstigsten Produkten inzwischen im niedrigen einstelligen Basispunktbereich liegen. Für Kunden, die keine Zeit oder kein Interesse an der laufenden Beobachtung einzelner Unternehmen haben, bleibt der marktbreite ETF damit der überzeugendere Weg zum langfristigen Vermögensaufbau.
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