• DAX----
  • ES50----
  • US30----
  • EUR/USD----
  • BRENT----
  • GOLD----

„Bei Emerging Markets stehen wir erst am Anfang der Umschichtung“

Steve Sun
Emerging Markets

Schwellenländeraktien haben kräftig zugelegt. Doch Steve Sun, Senior Client Portfolio Specialist im Emerging Markets Equity Team von Morgan Stanley Investment Management, sieht noch weiteres Potenzial. Im Interview erklärt er, warum Indien nach wie vor von strukturellem Rückenwind profitiert, Polen weiterhin überrascht und KI weit mehr ist als eine Wette auf Halbleiter.

27.10.2026 | 14:00 Uhr von «Peter Gewalt»

TiAM FundResearch: Herr Sun, Emerging Markets haben bereits stark zugelegt. Ist nach der Rally noch genügend Potenzial vorhanden?

Steve Sun: Ja, davon sind wir überzeugt, allerdings kommt es stark auf den Anlagehorizont an. Wir betrachten Emerging Markets mindestens über einen Dreijahreszyklus. Interessant ist, dass die starke Performance 2025 und 2026 bislang zustande kam, obwohl zwei der größten Märkte, China und Indien, nur begrenzt dazu beigetragen haben. Gleichzeitig sind viele internationale Investoren in Emerging Markets nach wie vor untergewichtet. Im MSCI ACWI liegt der Anteil der Schwellenländer bei rund zehn bis elf Prozent, während viele Anleger nur niedrige bis mittlere einstellige Quoten halten. Deshalb glauben wir, dass die Umschichtung in Emerging Markets gerade erst beginnt.

Ein wichtiges Argument für Emerging Markets ist Diversifikation. Aber gerade die großen Indizes werden inzwischen stark von KI und Halbleitern geprägt. Wie viel Diversifikation bleibt da noch?

Man muss genauer hinschauen, was Diversifikation bedeutet. Wenn der US-Aktienmarkt um 20 Prozent fällt, würde ich nicht erwarten, dass Emerging Markets positive Renditen liefern. Aber die Wertschöpfungsketten unterscheiden sich erheblich. Die USA sind bei KI stark software- und modellgetrieben. In Asien sitzen dagegen viele Unternehmen, die für die physische Umsetzung von KI benötigt werden, etwa bei Halbleitern, Speicherchips, Batterien, Sensoren, Robotik und Automatisierung. Diversifikation bedeutet deshalb auch, Zugang zu anderen Teilen der globalen Wertschöpfungskette zu bekommen.

Wo sehen Sie jenseits der Chipindustrie Chancen durch den KI-Boom?

Ein Beispiel sind Rohstoffe, insbesondere Kupfer. Deshalb haben wir auch Engagements in Chile. Der steigende Strombedarf von Rechenzentren und der Ausbau der Infrastruktur treiben das strukturelle Nachfragewachstum voran. Wir glauben, dass die nächste Phase von KI stärker in die physische Welt führen: autonome Fahrzeuge, Robotik und industrielle Automatisierung. Gerade in Nordasien, wo Arbeitskräfte knapp sind, gewinnt die Automatisierung weiterhin an struktureller Bedeutung, was diesen koreanischen und chinesischen Unternehmen einen besonderen Vorteil verschafft. Viele Unternehmen aus Emerging Markets waren bisher wichtige Lieferanten für diese nächste Phase und werden es auch weiterhin bleiben.

Erinnert der enorme Kapitalbedarf für KI nicht an die Internetblase, als Milliarden investiert wurden, lange bevor entsprechende Gewinne entstanden?

Diese Sorge ist berechtigt. Gerade bei den großen Sprachmodellen wird sehr viel Kapital eingesetzt, und es ist noch offen, wer langfristig die Gewinner sein werden. Deshalb waren wir bei reinen Sprachmodell-Anbietern eher zurückhaltend. Bislang sind es vor allem die sogenannten „Picks-and-Shovels“-Unternehmen (Hardware- und Halbleiterunternehmen), die am meisten von diesen Investitionen profitiert haben. Entscheidend ist, dass sich der Schwerpunkt künftig stärker vom Training der Modelle auf deren Nutzung, also die Inferenz, verlagern dürfte. Gleichzeitig gehen wir nicht davon aus, dass die KI-Investitionen plötzlich drastisch einbrechen. Auch chinesische Technologiekonzerne erhöhen ihre Ausgaben, allerdings bislang deutlich stärker mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit.

Wie finden Sie in diesem Umfeld attraktive Aktien? Ist Ihr Ansatz eher Bottom-up oder Top-down?

Beides. Unser Team arbeitet seit 1986 mit einem integrierten Ansatz, bei dem Länder- und Themenallokation ausdrücklich Teil des Investmentprozesses sind. Wir suchen also nicht einfach nur nach den besten Bottom-up-Ideen, ohne dabei zu berücksichtigen, wo diese ihren Ursprung haben. Neben den Unternehmensanalysten verfügen wir über spezialisierte Analysten für makroökonomische und thematische Analysen. Das Verständnis der verschiedenen Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung, der Investitionszyklen und der regulatorischen Veränderungen ist dabei von besonderer Bedeutung. Besonders wichtig ist es, die verschiedenen Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung, Investitionszyklen und regulatorische Veränderungen zu verstehen. Das ist in Emerging Markets häufig entscheidend dafür, ob ein attraktives Geschäftsmodell auch für Aktionäre attraktiv bleibt.

Politische Risiken gelten traditionell als Schwäche der Emerging Markets. Wo sehen Sie derzeit die größten Unsicherheiten?

Interessanterweise ist die politische Unsicherheit derzeit nicht ausschließlich ein Emerging-Markets-Thema. In vielen größeren asiatischen Volkswirtschaften sind die Rahmenbedingungen vergleichsweise stabil. China bleibt allerdings ein Markt, bei dem politische Entscheidungen besonders wichtig sind. Gleichzeitig ist die langfristige Richtung dort häufig klarer, als viele denken, weil die Regierung ihre Prioritäten über Fünfjahrespläne kommuniziert. Zusätzlich beobachten wir sehr genau die Folgen von Zöllen und einer weniger globalisierten Weltwirtschaft. Der Handel zwischen Emerging Markets selbst, etwa zwischen China, dem Nahen Osten und Lateinamerika, wird immer wichtiger.

Welche Sektoren finden Sie neben Technologie besonders interessant?

Finanzwerte sind wichtig, weil sie häufig eine sehr direkte Möglichkeit bieten, am Wachstum einer Volkswirtschaft teilzuhaben. Ein gutes Beispiel ist Polen, das zeitweise unser größtes aktives Übergewicht in einem Land darstellte, und wir haben von der deutlichen Neubewertung führender Banken profitiert. Korea ist ein weiterer Markt, auf dem Finanzunternehmen ebenfalls von einer deutlichen Neubewertung profitiert haben, die durch das „Value-Up“-Programm des Landes vorangetrieben wurde. koreanische Finanzwerte haben stark von einer Neubewertung profitiert. Daneben sehen wir auch Chancen bei Industrieunternehmen. Korea ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Markt neben dem allseits bekannten Bereich der Speicherchips auch in verschiedenen anderen Branchen Chancen bietet, die von der Energieinfrastruktur bis hin zur Verteidigungstechnologie reichen.

Was ist aus Ihrer Sicht derzeit die am stärksten unterschätzte langfristige Chance in den Emerging Markets?

Indien. Der Markt wird momentan teilweise sehr kritisch gesehen, gerade wegen der möglichen Auswirkungen von KI auf IT-Dienstleistungen und Outsourcing. KI verändert zwar das Geschäftsmodell, schafft aber zugleich neue Einsatzmöglichkeiten, gerade für kleinere und mittelgroße Unternehmen. Zudem sprechen wir über eine Volkswirtschaft mit rund 1,5 Milliarden Menschen und einer enormen langfristigen Wachstumsbasis. Indien muss nicht in den kommenden ein oder zwei Quartalen zurückkommen. Über einen längeren Zyklus halte ich das Potenzial aber für erheblich, auch wenn wir derzeit noch mit kurzfristigen Herausforderungen wie hohen Energiekosten und einer steigenden Preisinflation zu kämpfen haben.

Emerging Markets gelten traditionell als günstig. Gilt dieser Bewertungsvorteil nach der Rally noch?

Grundsätzlich ja. Indien weist in absoluten Zahlen zwar nach wie vor eine hohe Bewertung auf, liegt im historischen Vergleich aber inzwischen eher im normalen Bereich. Besonders interessant ist Korea. Trotz der starken Kursentwicklung sind die Bewertungen aufgrund kräftiger Aufwärtskorrekturen der Gewinnprognosen günstiger geworden. Auch außerhalb des Technologiesektors erwarten wir dort starkes Gewinnwachstum, unter anderem bei Finanz- und Industriewerten. Insgesamt sehen Emerging Markets im Vergleich zu vielen entwickelten Märkten nach wie vor attraktiv aus.

Wenn die Bewertungen attraktiv sind, warum halten sich internationale Investoren trotzdem zurück?

Institutionelle Investoren ändern ihre strategische Asset Allocation nicht über Nacht. In den vergangenen rund zwölf Jahren waren die USA der dominante Aktienmarkt. Selbst wenn Emerging Markets gut liefen, waren US-Aktien häufig noch besser. Das prägt die Wahrnehmung. Erst jetzt erleben wir, dass Investoren ihre hohe Konzentration auf US-Aktien und US-Dollar-Anlagen stärker hinterfragen. Bei Emerging-Markets-Anleihen haben bereits erhebliche Zuflüsse eingesetzt. Wir halten es für wahrscheinlich, dass Aktien der nächste Schritt sein werden.

Droht dabei ein ähnlicher Zyklus wie beim Rohstoffboom Mitte der 2000er-Jahre, auf den ein langer Abschwung folgte?

Jedes Geschäft ist zyklisch, auch Technologie. Der Unterschied ist, dass Technologie heute vielfach weniger austauschbar ist als klassische Rohstoffe. Bei Speicherchips mit hoher Bandbreite wird die Lösung an die spezifischen Anforderungen der Kunden angepasst. Zudem schließen Hersteller inzwischen längerfristige Vereinbarungen mit ihren Kunden ab, in vielen Fällen einschließlich finanzieller Verpflichtungen. Angesichts der Dynamik unserer Branche achten wir jedoch weiterhin darauf, die technologischen Entwicklungen und Veränderungen in der Branche im Auge zu behalten.

Zum Schluss eine grundsätzliche Frage: Sind Länder wie Südkorea und Taiwan überhaupt noch Emerging Markets?

Rein wirtschaftlich und infrastrukturell ist diese Einordnung tatsächlich schwer nachzuvollziehen. Wer Seoul, Taipeh, Shenzhen oder Shanghai besucht, würde viele dieser Orte kaum als „Emerging“ Markets bezeichnen. Die Indexklassifizierung hängt jedoch nicht allein vom Pro-Kopf-Einkommen oder vom Entwicklungsstand der Infrastruktur ab. Entscheidend sind auch Kapitalmarktzugang, Regulierung, Marktstruktur und politische Rahmenbedingungen. FTSE stuft Korea bereits als entwickelten Markt ein, während MSCI bei einer anderen Einordnung bleibt. Für Investoren zeigt das vor allem eines: Emerging Markets sind heute keine homogene Anlageklasse mehr, sondern eine ausgesprochen vielfältige Gruppe sehr unterschiedlicher Märkte.


Informieren Sie sich in unseren Newslettern regelmäßig über die besten Fonds und ETFs. Dazu gibt es aktuelle News aus der Fondsbranche. Hier können Sie sich anmelden.

Weitere interessante Neuigkeiten erfahren Sie auf FundResearch TV. Dort stehen die Fonds-Experten Rede und Antwort zu aktuellen Entwicklungen an den Märkten und den besten Investment-Chancen.

Diesen Beitrag teilen: