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Warum die Finanzbranche auf eine Deregulierung hofft

Die zunehmende Regulierung zwingt Unternehmen der Finanzbranche dazu, massiv in Digitalisierung zu investieren. Die Gegenfinanzierung ist jedoch schwierig. Deshalb hoffen Viele, dass der gesetzgeberische Druck irgendwann nachlässt.

23.01.2020 | 07:30 Uhr von «Matthias von Arnim»

Die Finanzbranche dürfte mittlerweile die bestregulierte Branche überhaupt sein. Seit Jahren stehen Regulierungsthemen bei den Geldhäusern in der Prioritätenliste ganz oben. Vor allem MiFID II, Basel IV und eine Reihe von Verbraucherschutzvorschriften sind aus Sicht der Banken derart einschneidend für die aktuellen Geschäftsmodelle, dass sich die Manager von Finanzunternehmen neue, noch strengere Regeln kaum noch vorstellen können. 58 Prozent der Bankentscheider in Deutschland sehen den Zenit der Regulierung überschritten. Das zeigt die aktuelle Studie "Branchenkompass Banking" von Sopra Steria. 

Speziell kleine Institute leiden unter den aus ihrer Sicht harten Vorschriften und reklamieren mehr Ausnahmen bei Basel IV für sich. Das ist nachvollziehbar. Denn wie stark Regulierung auf das Geschäft auswirkt, fasste das Beratungsunternehmen Copenhagen Economics in einer Studie zusammen. Das Ergebnis: Die Baseler Eigenkapitalregeln (Basel IV) sorgen für einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes in der Europäischen Union von 0,4 Prozent. Eine Studie des Bankenverbandes hat zudem 2019 in einer Studie festgestellt, dass das risikoarme deutsche Baufinanzierungsgeschäft durch die Bestimmungen benachteiligt werde. 

Aussagen des französischen Finanzministers, die Kapitalbelastungen der französischen Banken im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit zu verringern, befeuern nun die Deregulierungshoffnungen der Banken auch in anderen Ländern. Dass es allerdings in absehbarer Zeit tatsächlich zu Deregulierungsmaßnahmen in Europa kommen wird, ist mehr als fraglich. Valdis Dombrovskis, Chef der Finanzmarktregulierung der EU, ist entschlossen, die 2017 beschlossenen Basel-III-Reformen konsequent durchzuführen. Zudem führen neue Geschäftsmodelle von Banken häufig zu mehr oder anderen Regulierungsvorschriften und nicht zu Deregulierung. 

Der Effekt: Aufgrund des hohen Kostendrucks lagern Finanzinstitute in Deutschland verstärkt Leistungen aus, die nicht zu ihrem Kerngeschäftsfeld gehören. Hier kommen Partnerunternehmen und Fintechs ins Spiel. Jedes dritte Institut möchte insbesondere IT-Dienstleistungen in großem Umfang an externe Anbieter übertragen, so die Sopra Steria-Studie.

Die Folge: Organisatorische Verflechtungen werden immer komplexer. Die Auslagerungsverhältnisse rücken damit stärker in den Fokus der Bankenaufsicht. Seit Oktober 2019 gelten die EBA Outsourcing Guidelines für systemrelevante Institute. Demnach müssen alle Auslagerungen beziehungsweise Fremdbezüge den detaillierteren Anforderungen genügen. So ist beispielsweise ein Auslagerungsregister zu führen. Oftmals fehlt genau dieser umfassende Blick des Managements auf sämtliche Auslagerungen und die damit einhergehenden Schwachstellen und Risikopotenziale. Besondere Anforderungen gelten zudem für die Auslagerung von kritischen oder wichtigen Funktionen, beispielsweise die Auslagerung der Meldewesen-Funktion oder der Betrieb geschäftsrelevanter Banksoftware von externen Dienstleistern.

Handeln statt vergeblich hoffen

"Statt auf Deregulierung zu hoffen, kommt es für die Banken 2020 und in den Folgejahren darauf an, ihre internen Regelwerke effizient und auf ihre jeweiligen Geschäftsmodelle sowie die Aufbau- und Ablauforganisation auszurichten", rät Dr. Ingo Schäl, Experte für Bankenregulierung bei Sopra Steria. Dazu gehört beispielsweise ein bis auf das Einzelgeschäft heruntergebrochener Datenhaushalt für flexible und wechselnde Reporting-Anforderungen. Zudem sollten Institute Prozesse und IT so gestalten, dass die Institute nicht bei jeder neuen Regulierungsvorschrift einen komplett neuen Rahmen schaffen müssen.

Darüber hinaus schöpften viele Banken moderne Werkzeuge beim Ausbau ihrer Governance nicht aus. Dazu zähle beispielsweise die stärkere Automatisierung von Abläufen, um aus Regulierungsvorschriften und Konsultationspapieren schneller Maßnahmen abzuleiten und den Governance-Rahmen samt schriftlich fixierter Ordnung mit weniger Aufwand anzupassen, so Schäl. Ein weiterer Schritt sei die Zentralisierung und mögliche Auslagerung von Tätigkeiten im Standard-Risikomanagement und Reporting. "Durch IT-unterstützte Regulatory Intelligence können Governance-Kosten von Banken signifikant eingespart, festgestellte Lücken dem Management transparent dargestellt und die Umsetzung der Vorgaben für die Aufsicht systematisch aufbereitet werden. Banken vermeiden damit überflüssige Maßnahmen und nutzen ihre Budgets deutlich besser", so Schäl.

Fazit: Zwar drückt die Regulierung der Finanzbranche erwiesenermaßen auf die Rentabilität, und viele Marktteilnehmer fühlen sich überfordert mit der Umsetzung der Vorschriften. Doch der Trend geht eher in Richtung weiter zunehmender Regulierung, nicht zuletzt auch wegen der neuen Initiativen zum „Green Deal“ der Europäischen Union. Deshalb ist die Hoffnung auf eine Deregulierung trügerisch. Jetzt geht es darum, die eigenen Strukturen und Abläufe zu optimieren. Die IT wird dabei zweifellos eine immer wichtigere Rolle einnehmen.

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