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Ein Regulierungs-Tsunami fegt durch China: Was das für Konzerne und Investoren bedeutet

Ein Regulierungs-Tsunami verunsichert Finanzprofis. Peking mischt sich massiv in Unternehmen ein, will so Fehlentwicklungen korrigieren.

10.09.2021 | 07:10 Uhr von «Jörg Billina»

Die bereits gut gefüllten Lehrpläne für chinesische Schulen werden um ein weiteres Fach ergänzt: Die Lehren Xi Jinpings helfen der Jugend, marxistisches Gedankengut zu entwickeln, begründet das chinesische Bildungsministerium. Chinas Staatspräsident hält Karl Marx für den größten Denker der modernen Zeit: "Seine Ideologie ist für China ein Werkzeug, die Zukunft zu gewinnen."

Internationalen Investoren fällt es schwer, die jüngsten Entwicklungen im Reich der Mitte einzuschätzen. Besinnt sich die Kommunistische Partei wieder stärker auf ihre ideologischen Wurzeln? Schränkt sie deshalb unternehmerische Freiheit ein, auch wenn dies Milliardenverluste an Chinas Börsen auslöst?

Klar ist: Über Chinas Unternehmen geht derzeit ein wahrer Regulierungs- Tsunami hinweg. Vor allem Tech-Unternehmen sind im Visier der Aufsichtsbehörden. Im November vergangenen Jahres traf es den E-Commerce-Riesen Alibaba. Der geplante Börsengang der Fintech-Tochter Ant wurde in letzter Minute untersagt. Es wäre einer der größten Börsendebüts weltweit geworden. Zudem musste das Unternehmen ein Bußgeld von 2,3 Milliarden Dollar zahlen. Die Online-Handelsplattform soll andere Händler gezwungen haben, ihre Waren nur über Alibaba anzubieten. Innerhalb eines Jahres verlor die Aktie 43 Prozent.

Eine noch höhere Geldstrafe droht dem Fahrdienstvermittler Didi. Kurz nach dem IPO in den USA warfen die Aufsichtsbehörden dem Unternehmen Verstöße bei der Erhebung und Nutzung personenbezogener Daten vor und sperrten die Didi-App für alle Neukunden. Muss Didi zahlen, ist ein Großteil der Einnahmen aus dem Börsengang verloren, analysiert Hagen Ernst von DJE Kapital.

Auch die Geschäftsmodelle von Tencent passen Chinas Führung nicht. Das Unternehmen bietet unter anderem Video-Spiele an. Diese wurden von Regierungsmedien als "geistiges Opium" bezeichnet. Das Management reagierte umgehend auf die Kritik. Jugendliche können ab sofort unter der Woche nur noch eine Stunde und an Wochenenden nur noch zwei Stunden spielen. Um die Regierung zu besänftigen, spendete Tencent sieben Milliarden Euro für soziale Zwecke. Es wird nicht genügen. Tencent warnte die Investoren bereits vor weiteren möglichen Auflagen.

Drastisch fallen auch staatliche Forderungen an börsennotierte Bildungsunternehmen wie TAL, New Oriental oder Gaotu aus. Sie erzielten bislang hohe Gewinne mit Online-Nachhilfekursen. Nun verlangt die Regierung, dass sie sich in Non-Profit-Organisationen verwandeln. Die Aktienkurse der Education-Unternehmen gingen daraufhin in den Keller. 16 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung wurden ausradiert, schreibt China-Experte Ernst in einer Studie.

Aufbruch von Monopolstrukturen

Nach Einschätzungen von China-Experten verfolgen die Regulierungsmaßnahmen mehrere Ziele. Die Regierung will die volle Kontrolle über alle Daten, die in den Unternehmen gesammelt werden. Sie sieht daher Börsengänge chinesischer Firmen im Ausland, vor allem in den USA, sehr kritisch, meint Ernst. Man habe Angst, chinesische Daten könnten abgegriffen werden.

"Chinas Regierung will zudem die Monopolstellung weniger Technologie-Unternehmen aufbrechen und wieder für mehr Wettbewerb sorgen", sagt Ingo Beyer von Morgenstern, Gründer des Analysehauses Qilin Capital und Fondsberater des Acatis Qilin Marco Polo Asien Fonds.

Vor allem aber will Peking Fehlentwicklungen eines lange Jahre ungebremsten Wachstums korrigieren. "Die Einkommensunterschiede im kommunistisch regierten China sind hoch. Die Regierung will mehr Gleichheit herstellen", sagt Beyer von Morgenstern. Gemeinsamer Wohlstand ist für Chinas Staatspräsident ein Kernelement des Sozialismus.

So erklärt sich auch die Attacke auf die Bildungsunternehmen: Deren Online-Nachhilfekurse kosten im Jahr bis zu 50.000 Euro. "Das können sich nur sehr gut verdienende Haushalte leisten. Wegen der Ausbildungskosten verzichten viele Paare auch auf ein zweites Kind", stellt Beyer von Morgenstein fest. Und das passt Peking nicht. Denn China droht langfristig in puncto Demografie schlechter abzuschneiden als die USA.

Auch wenn sich chinesische Technologie-Aktien in den vergangen Tagen ein wenig erholt haben: Die Regulierungsoffensive ist noch nicht abgeschlossen, weitere Korrekturen sind daher nicht auszuschließen. Investoren müssen sich jedoch nicht vollständig aus China-Werten zurückziehen. "Mittelfristig werden klare Regeln und mehr Wettbewerb in den von der Regulierung betroffenen Branchen die Attraktivität chinesischer Aktien wieder erhöhen", folgert Beyer von Morgenstern.

Zudem können Anleger alternative Schwerpunkte setzen und in ETFs investieren, die den CSI 300 abbilden. Der Index umfasst Aktien, die an den Börsen in Shenzen und Shanghai notieren. Techwerte sind nur mit rund neun Prozent gewichtet. Auf Konsumtitel entfallen 28 Prozent. Die profitieren von der Stärkung der Mittelschicht. In den vergangenen drei Monaten legte der CSI 300 rund 16 Prozent zu. Der ausschließlich Techwerte umfassende Hongkonger Hang Seng Tech Index verlor im selben Zeitraum 19 Prozent.

INVESTOR-INFO

Acatis Qilin Marco Polo Asien - China und mehr

Der von Acatis aufgelegte Fonds wird von den China-Experten Ingo Beyer von Morgenstern und Stefan Albrecht beraten. Der Fonds ist überwiegend in chinesischen Unternehmen investiert. Im Portfolio finden sich zudem Aktien aus Indien, Singapur, Taiwan und Südkorea. Alibaba zählt zu den Top-Ten-Werten, ist aber nur mit 3,4 Prozent gewichtet. Seit Jahresanfang verlor der Acatis Qilin Marco Polo Asien 14 Prozent. Mutige Investoren nutzen die Gelegenheit zum Einstieg.

UBS Equity China Opportunity - Regulierung schadet Rendite

Manager Bin Shi hat über neun Milliarden Euro lange Zeit sehr erfolgreich in chinesische Unternehmen investiert. Auf Sicht von fünf Jahren erzielte der Fonds 75 Prozent. Die hohe Gewichtung von Alibaba und Tencent hat sich im laufenden Jahr bislang jedoch als Nachteil erwiesen. Deren Kurse gaben in Folge von Regulierungsmaßnahmen deutlich nach. Seit Anfang Januar weist der Fonds ein Minus von 19 Prozent auf. Langfristig orientierte Anleger halten Manager Shi die Treue und setzen auf eine Erholung.

Dieser Artikel erschien zuerst am 09.09.2021 auf boerse-online.de

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