
Prof. Carissa Véliz analysiert die Risiken, die die Digitalisierung für die individuellen Freiheiten mit sich bringt.
11.08.2026 | 05:45 Uhr
Im Folgenden ist ein Vortrag zusammengefasst, den Prof. Véliz auf einer Kundenkonferenz von Pictet Wealth Management gehalten hat.
Datenschutz ist Macht. Die Wiedererlangung der Privatsphäre in einer Welt voller Daten ist möglich, aber es kommt auf die richtige Ausgestaltung an. Die meisten digitalen Technologien, über die wir heute verfügen, sind grundsätzlich unethisch. Das grundlegende Geschäftsmodell des Internets dreht sich um die Erfassung und den Verkauf von Daten. Auch wenn wir unsere Daten gar nicht weitergeben wollen, geschieht dies oft ohne unsere Zustimmung. Das untergräbt das Konzept der Einwilligung an sich. Anstatt gezwungen zu sein, uns abzumelden, sollten wir uns erst anmelden müssen.
Die Gefahr von Verzerrungen und Voreingenommenheit hängt eng mit dem Datenschutz zusammen. Ohne Daten ist man weniger voreingenommen. Historische Daten, die häufig zum Trainieren von Algorithmen verwendet werden, sind von Natur aus mit Fehlern behaftet – sie sind von Sexismus, Rassismus und anderen Vorurteilen durchzogen. So ist es beispielsweise noch gar nicht so lange her, dass Frauen keine Bankkonten eröffnen durften, und diese historische Ungleichheit spiegelt sich in den Daten wider. Wenn wir das Datenschutzproblem lösen, können wir einen erheblichen Teil des Verzerrungsproblems lösen.
Die Entscheidung, ob Daten erfasst werden sollen oder nicht, kann über Leben und Tod entscheiden. Während des Zweiten Weltkriegs marschierten die einfallenden Nazis direkt zu den örtlichen Einwohnermeldeämtern, um jüdische Bürgerinnen und Bürger zu identifizieren. In den Niederlanden kamen die obligatorischen Ausweise für Jüdinnen und Juden faktisch einem Todesurteil gleich, das sie ständig bei sich trugen. In Frankreich hingegen wurden Menschenleben gerettet, weil die Nationalsozialisten nach Daten suchten, die schlicht nicht erhoben worden waren. Diese historische Lektion verdeutlicht, welche Macht Datenschutz hat und wie wichtig es ist, die Datenerhebung zu begrenzen. Heute begehen wir genau dieselben Fehler, und das in einem noch nie dagewesenen Ausmass – das ist leichtsinnig.
Überall um uns herum wird das Analoge digital. Wenn Analoges digital wird, wird daraus Überwachung. Das nicht Nachverfolgbare wird nachverfolgbar, und das nicht Recherchierbare wird recherchierbar. Dieser Wandel ist nicht neutral. Kein Tool ist neutral. Alles ist auf einen Zweck ausgelegt. Die digitale Welt ist darauf ausgelegt, Daten zu sammeln, zu verfolgen und zu Geld zu machen.
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