Die Tech-Legende Steve Wozniak gibt einen Überblick über die IT-Landschaft

Die Tech-Legende Steve Wozniak gibt einen Überblick über die IT-Landschaft
Technologie

Es ist 50 Jahre her, dass Steve Wozniak den ersten Apple-Computer entwickelte und damit die moderne Technologie grundlegend veränderte. Seine Neugier und seine Einsichten sind heute noch genauso spannend wie 1976.

26.06.2026 | 09:31 Uhr

„Man kann heutzutage nichts mehr lesen, ohne auf KI zu stossen“, sagt er. „Das ist der Hype der Stunde. Ich glaube, das „K“ trifft zu, aber mit der Intelligenz hapert es. Wir wissen nicht, wie unser Gehirn funktioniert. Wir können unser Gedächtnis nicht entschlüsseln; wir wissen nicht wirklich, was es tut. Was ist eine Idee?"

Er kann auf eine Vielzahl von Erfolgen und Auszeichnungen zurückblicken, die ihn zu einer Tech-Koryphäe machen. Das hat ihm jedoch weder seine väterliche Art noch seine angeborene Freundlichkeit genommen. Man kann gut nachvollziehen, wie „Woz“ – wie er allgemein genannt wird – genau die Art von Kreativität und Energie wecken konnte, die nötig ist, um ein Unternehmen wie Apple voranzubringen. Seiner Ansicht nach muss echte Intelligenz eine emotionale Dimension haben.

„Computer sind Rechner. Es handelt sich weniger um künstliche Intelligenz als vielmehr um algorithmische Intelligenz. Für mich ist KI eine Sammlung von Superalgorithmen. In manchen Bereichen macht sie ihre Sache offensichtlich besser als wir Menschen. Sie kann ein und dasselbe Spiel neun Milliarden Mal spielen – was wir nicht können – und den Mensch dann im Schach schlagen. Aber sie hat keine Emotionen. Sie funktioniert auf einer rein mathematischen, rechnerischen Grundlage. Sie kann sich gut verkaufen. Die uns am besten bekannte Form der KI sind grosse Sprachmodelle (LLMs), bei denen die Technologie einfach lernt, wie man sich grammatikalisch korrekt ausdrückt. Die Leute verwechseln korrekte Grammatik mit Intelligenz; sie hinterfragen nicht. KI kann so klingen, als käme die Stimme aus dem Mund eines Menschen. Das schafft Vertrauen.“

Wie schaffen wir das? „Man hört oft, dass KI reguliert werden muss. Aber wie können wir etwas regulieren, das wir nicht wirklich definieren können? Wir verstehen nicht genau, was KI eigentlich ist. Die Regulierung, die wir brauchen, besteht darin zu wissen, womit das Modell trainiert wurde. Es ist sehr gut darin, Fragen zu beantworten. Aber es wird uns nie wirklich verraten, woher bestimmte Phrasen und Formulierungen stammen. Wir brauchen Quellenangaben. KI-Unternehmen sagen immer, dass sie transparent sind. Das Problem ist: Das Einzige, was transparent ist, ist die Preisgestaltung oder die Veröffentlichung einer neuen Version. Das ist keine Transparenz.“

Der Dotcom-Boom sei ein gutes Vergleichsbeispiel für die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Investitionen in KI. „Damals gab es auch einen grossen Hype. Aber die Menschen können sich nicht im gleichen Tempo verändern. Es dauert lange, bis sich diese Technologien im Alltag etablieren.“

Wird die Blase platzen? „Ich versuche gar nicht erst, solche Dinge vorherzusagen.“ Der Hype rund um den Dotcom-Boom – dass sich alles ins Internet und in die Cloud verlagern würde – bewahrheitete sich zwar, aber erst viel später. „Genaugenommen zwanzig Jahre später.“ Ein kultureller Wandel vollzieht sich jedoch in einem anderen Tempo.“

Und während der Rest der Welt vom Glanz der KI geblendet ist, passiert eine Menge, das auf keiner Titelseite steht. „Ich denke, dass es für Quantencomputing irgendwann echte, wertvolle Anwendungsmöglichkeiten geben wird. Niemand spricht über optisches Computing, bei dem anstelle von Elektronen ausschliesslich Photonen zum Einsatz kommen. Das bedeutet, dass Daten mit Lichtgeschwindigkeit im Inneren des Chips verarbeitet werden. Das ist unfassbar schnell.“

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Dies spielt in der virtuellen Realität (VR) und der erweiterten Realität (AR) eine Rolle. „Nehmen wir zum Beispiel KI-Brillen oder -Kontaktlinsen. Wir sprechen von einer Welt, in der sich das, was man sieht, augenblicklich verändert, sobald man den Kopf dreht. Dafür sind eine unglaubliche Rechenleistung und eine enorme Anzahl an Pixeln erforderlich. Ich würde mir etwas wünschen, das so einfach ist, dass man es fast gar nicht bemerkt.“

Auch bei der Batterietechnologie sind grosse Fortschritte erzielt worden, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, jetzt, wo Elektrofahrzeuge zunehmend den Verbrennungsmotor ablösen. „Autonomes Fahren ist interessant, aber hier bin ich skeptisch. Auf langen Fahrten oder auf einer Strecke, für die die KI gut trainiert wurde und auf der die Bedingungen vorhersehbar sind, kann das eine tolle Sache sein – auch wenn ich keinen grossen Unterschied zu einer Zugfahrt sehe. Aber selbstfahrende Fahrzeuge in Städten, wo sich ständig alles ändert ...? Wir warten immer noch auf etwas, das nicht versucht, uns umzubringen.“ Tesla habe einst behauptet, bis 2016 ein Auto auf den Markt zu bringen, das eigenständig quer durch die USA fahren könne. „Das war vor zehn Jahren. Und wir sind davon noch weit entfernt. Das System ist nicht gut darin, auf ungewöhnliche Situationen zu reagieren. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wir brauchen neue Gesetze, und leider müssen erst etliche Unfälle passieren, bevor wir wissen, was wir tun müssen.“

Auch wenn einige dieser Entwicklungen auf den ersten Blick gut für die Umwelt erscheinen, steht er den Behauptungen der führenden Technologieunternehmen, umweltfreundlich zu sein, skeptisch gegenüber. „Sie sind einfach nicht frei. Sie haben einen Boss, und dieser Boss ist der Aktionär. Es besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Kosten und Umwelt.“ Unternehmen müssen einerseits Gewinne machen, andererseits aber auch Rücksicht auf die Menschen nehmen, die ihre Produkte kaufen. „Früher reichte es aus, einfach nur gute Produkte herzustellen. Im Mittelpunkt stand der Dienst am Nutzer. Doch heute räumen wir dem Hersteller Vorrang vor dem Nutzer ein – auch in Bezug auf Ethik und Datenschutz. Wenn es andersherum ist, muss sich der Mensch an die Technologie anpassen. Wir müssen den Menschen über die Technologie stellen. Das ist schwer zu erreichen, wenn man versucht, Produkte gewinnbringend zu verkaufen. Aber es ist unverzichtbar, wird oft übersehen und ist immer seltener. Einige Unternehmen sind besser als andere.“ Die Aktionäre seien die treibende Kraft – entweder das oder die Regulierung. „Wir schicken unseren Müll sozusagen an andere Küsten. Wir machen uns keine Gedanken darüber, dass wir Länder verschmutzen, deren Namen wir nicht einmal kennen. Der Druck müsste von der Regierung ausgehen.“

Woz engagiert sich schon lange als Philanthrop und setzt sich für die Förderung digitaler Kompetenzen in den Schulen sowie für praxisorientiertes, experimentelles Lernen ein, das Innovation fördert. Vor neun Jahren war er Mitbegründer von WOZ U, einer Plattform für Hochschulbildung und Weiterbildung mit den Schwerpunkten Software- und Technologieentwicklung. Was denkt er über die Rolle der KI in diesem Bereich?

„Wie bei allem gibt es auch hier Vor- und Nachteile. Wenn ich mithilfe von KI einen tollen Artikel schreibe, habe ich das dann gelernt? Habe ich überhaupt meinen Grips angestrengt? Wir müssen darauf achten, dass wir uns nicht mit den Leistungen anderer schmücken und dass wir
nicht einfach nur etwas sagen, das gut klingt. Was uns die KI erzählt, klingt genauso echt, wie ein Traum echt erscheint. Aber woher wissen wir, was wahr ist? Man kann eine Frage stellen und bekommt Antworten, an die man vielleicht gar nicht gedacht hat. Aber es sind immer nur Teilantworten. Wir werden faul, überprüfen nichts mehr und denken auch nicht mehr selbstständig nach.“ Was können wir dagegen tun? „KI ist ein guter Reporter, aber wir sollten die Redakteure sein. Wir sollten selbst entscheiden, was Bedeutung und Ausdruck angeht. Das eigene Denken – das ist wahre Intelligenz.“

Selbst nach 50 Jahren im Geschäft ist er bemerkenswert bescheiden geblieben. „Die wichtigste Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist, dass jede Disziplin ihre Berechtigung hat. Marketing ist wichtig, Buchhaltung, Operations. Man kann nicht nur in einer Sache gut sein, und ich finde, man kann nicht der Nabel von allem sein. Man muss einfach ehrlich sein. Man muss sagen, was man wirklich denkt, das ist für mich Ehrlichkeit gegenüber den Kunden.“

Vor dem Hintergrund des herannahenden Zeitalters der KI sieht er die Zukunft der menschlichen Kreativität optimistisch. „Für mich ist Unternehmertum das Wichtigste auf der Welt. Das Gefühl, etwas erschaffen zu können – schon das allein setzt so viele Impulse. Unternehmertum ist der Motor für neuen Wohlstand auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die Volkswirtschaft jedes Landes wächst durch Innovation. Es ist noch nicht alles ausgeschöpft. Es sind nicht nur die grossen Techunternehmen, die das Sagen haben. Wir haben die Wahl. Manche Menschen sind von Natur aus neugierig. Dann haben sie eine Idee. Was wäre, wenn diese oder jene Sache anders wäre? Das ist etwas, was KI nicht macht. KI macht das, was es ohnehin schon gibt. Aber ein Mensch kann eine Idee aufgreifen und sie in die Tat umsetzen.“ Die einzige Frage, die Woz in Verlegenheit bringt, ist die Bitte um ein Pressefoto. „Da muss ich erst meine Frau fragen – sie hat die Antwort!" Was das grosse Ganze angeht, hat er die Technologielandschaft so klar im Blick wie eh und je.


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