| Warum tokenisierte Geldmarktfonds die Fondsindustrie verändern könnten | |
| 07/26 | |
| Moritz Stumpf | |
| TiAM FundResearch |
Die Tokenisierung galt lange als Zukunftsthema für Immobilienprojekte, Kunstwerke oder Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen. Inzwischen verschiebt sich der Fokus, analysiert Moritz Stumpf, CEO und Mitgründer von tokenforge für TiAM FundResearch. Ausgerechnet eine der konservativsten Anlageklassen rückt dabei in den Mittelpunkt der Entwicklung: Geldmarktfonds.
16.07.2026 | 16:15 Uhr
Dass US-Vorreiter wie BlackRock (BUIDL) und J.P. Morgan, aber auch europäische Anbieter wie Amundi erhebliche Ressourcen in tokenisierte Geldmarkt- und Treasury-Produkte investieren, ist kein Zufall. Dahinter steht weniger die Suche nach einem neuen Vertriebsargument als vielmehr die Erkenntnis, dass die technologische Infrastruktur des Kapitalmarkts vor einer grundlegenden Modernisierung steht. Für die Fondsindustrie könnte dies zu den größten infrastrukturellen Veränderungen seit der Einführung von ETFs oder digitalen Vertriebsplattformen zählen.
Die eigentliche Bedeutung der Tokenisierung liegt nicht in der Digitalisierung eines Fondsanteils als solcher. Ein Fondsanteil bleibt wirtschaftlich zunächst derselbe Fondsanteil – unabhängig davon, ob er in einem klassischen Register oder auf einer Blockchain geführt wird. Der Unterschied liegt vielmehr in den Prozessen dahinter. Die eigentliche Innovation besteht darin, dass sich erstmals die gesamte Wertschöpfungskette eines Finanzprodukts – von der Emission über die Registerführung und Verwahrung bis zur Abwicklung und Rückzahlung – digital und durchgängig abbilden lässt. Gerade Registerführung, Settlement, Corporate Actions oder Reporting gehören heute zu den aufwendigsten und teuersten Bestandteilen der Fondsadministration. Viele dieser Abläufe basieren auf einer Vielzahl von Intermediären, Medienbrüchen und manuellen Abstimmungen zwischen verschiedenen Marktteilnehmern. Blockchain-basierte Wertpapierstrukturen ermöglichen erstmals eine gemeinsame technische Infrastruktur für Emittenten, Verwahrstellen, Registerführer und Investoren. Transaktionen, die bislang zwei Tage oder länger für die finale Abwicklung benötigen, lassen sich perspektivisch nahezu in Echtzeit durchführen. Das beschleunigt nicht nur einzelne Prozesse, sondern verändert auch die Dynamik der Kapitalmärkte: Kapital steht schneller wieder zur Verfügung, Liquidität lässt sich effizienter steuern und Investment-entscheidungen können zunehmend automatisiert umgesetzt werden. Für Asset Manager geht es deshalb zunehmend um eine betriebswirtschaftliche Frage: Welche Auswirkungen haben automatisierte Prozesse und digitale Wertpapierregister künftig auf Kostenbasis und Margenstruktur?
Noch vor wenigen Jahren wurde Tokenisierung vor allem mit illiquiden Vermögenswerten in Verbindung gebracht. Immobilien galten als naheliegender Anwendungsfall, weil digitale Wertpapiere kleinere Mindestanlagesummen und eine höhere Handelbarkeit ermöglichen sollten. Die Dynamik hat sich inzwischen verschoben. Gerade standardisierte und hochliquide Produkte wie Geldmarktfonds eignen sich besonders gut für digitale Kapitalmarktstrukturen. Sie verfügen über hohe Transaktionsvolumina, standardisierte Prozesse und eine klare regulatorische Einordnung. Dadurch eignen sie sich besonders, um die Vorteile digitaler Wertpapierinfrastrukturen im institutionellen Maßstab zu nutzen.
Für Banken und Treasury-Abteilungen könnten tokenisierte Geldmarktfonds künftig eine Alternative zur klassischen Liquiditätshaltung darstellen. Überschüssige Mittel lassen sich potenziell rund um die Uhr investieren und bei Bedarf wieder verfügbar machen. Die Grenzen zwischen Cash Management, Zahlungsverkehr und Kapitalanlage beginnen damit zu verschwimmen. Gerade institutionelle Investoren beobachten diese Entwicklung zunehmend aufmerksam.
Die Diskussion über Tokenisierung wird häufig auf Kosteneinsparungen reduziert. Tatsächlich könnte die Entwicklung deutlich weiter reichen. Digitale Wertpapiere ermöglichen programmierbare Finanzprodukte. Ausschüttungen, Zeichnungen oder Restriktionen lassen sich direkt in die technische Logik eines Produkts integrieren. Regulatorische Anforderungen können automatisiert überprüft werden, wodurch sich Fehlerquellen reduzieren und Prozesse vereinfachen lassen. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für individualisierte Investmentlösungen. Wenn Fondsanteile künftig vollständig digital und automatisiert verarbeitet werden können, werden auch maßgeschneiderte Portfolios wirtschaftlich attraktiver. Die Grenzen zwischen klassischem Publikumsfonds, Spezialfonds und individueller Vermögensverwaltung könnten langfristig durchlässiger werden. Für Asset Manager stellt sich damit eine strategische Frage: Wo entsteht künftig der eigentliche Mehrwert? In der Administration und Distribution von Produkten – oder stärker in der Investmentexpertise und der Entwicklung neuer Strategien?
Auch bestehende Vertriebs- und Verwahrstrukturen werden sich anpassen müssen. Digitale Fondsanteile eröffnen grundsätzlich neue Zugangswege zu Investmentprodukten und könnten langfristig die Zahl der Intermediäre reduzieren. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Verwahrung, Identitätsmanagement und regulatorische Kontrolle. Dabei geht es nicht um die vollständige Ablösung bestehender Strukturen. Wahrscheinlicher ist das Entstehen einer zusätzlichen digitalen Ebene neben dem etablierten Kapitalmarkt. Ähnlich wie der Online-Handel den stationären Handel nicht ersetzt, sondern ergänzt hat, dürften auch digitale Wertpapiere zunächst parallel zu bestehenden Prozessen wachsen. Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob sich Tokenisierung durchsetzt, sondern welche Rolle einzelne Marktteilnehmer in dieser neuen Infrastruktur einnehmen werden.
Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Blockchain-Initiativen liegt im regulatorischen Umfeld. Mit dem Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWpG) und europäischen Regelwerken wie dem DLT-Pilotregime und MiFID II existiert inzwischen ein belastbarer Rechtsrahmen für digitale Finanzprodukte. Damit entstehen erstmals die Voraussetzungen für institutionelle Anwendungen im größeren Maßstab. Deutschland hat sich mit dem eWpG früh positioniert und verfügt heute über einen der fortschrittlichsten Rechtsrahmen für elektronische Wertpapiere in Europa. Dadurch verschiebt sich die eigentliche Herausforderung: Technisch gelten die zentralen Bausteine der Tokenisierung inzwischen als erprobt. Entscheidend ist heute nicht mehr die Machbarkeit, sondern die Integration in bestehende Marktstrukturen und die Bereitschaft von Banken, Asset Managern und weiteren Marktteilnehmern, etablierte Prozesse auf eine neue Infrastruktur zu verlagern. Viele Häuser beschäftigen sich derzeit intensiv mit Fragen rund um Verwahrung, Haftung, Governance oder Marktpositionierung. Das erinnert in vielerlei Hinsicht an die frühen Jahre des Internets: Technisch war vieles bereits möglich, bevor sich die breite Anwendung durchsetzte.
Die Fondsindustrie steht nicht vor einer abrupten Revolution. Vieles spricht jedoch dafür, dass sich die technische Basis des Kapitalmarkts in den kommenden Jahren schrittweise verändern wird. Tokenisierte Geldmarktfonds könnten dabei eine ähnliche Rolle spielen wie ETFs in den frühen 2000er-Jahren: zunächst ein Nischenprodukt, später ein fester Bestandteil institutioneller Portfolios und Marktinfrastrukturen. Für Asset Manager, Banken und Verwahrstellen geht es deshalb nicht mehr um die Frage, ob sich digitale Kapitalmarktstrukturen durchsetzen. Entscheidend wird vielmehr sein, wer die neue Infrastruktur früh integriert und daraus einen Wettbewerbsvorteil entwickelt.
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