• DAX----
  • ES50----
  • US30----
  • EUR/USD----
  • BRENT----
  • GOLD----

Der Preis, den niemand zahlen wollte – und alle zahlen: Rendite ohne Risiko ist eine Illusion

Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors S.A.
Research
Der Preis, den niemand zahlen wollte – und alle zahlen: Rendite ohne Risiko ist eine Illusion
05/26
Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors S.A.
TiAM FundResaerch

@ Feedback an Redaktion

Risiken lassen sich benennen, einordnen, modellieren. Aber der Moment, in dem sie sich gegenseitig verstärken – da versagen die meisten Modelle. Geopolitik trifft Inflation trifft Wachstumsschwäche. Drei Kräfte, eine Richtung. Genau das zeigt der aktuelle Ölpreisschock in aller Deutlichkeit. Was das für die Portfoliosteuerung bedeutet – und wie sich diese Risikoarten heute konkret managen lassen, analysiert Jörg Held für TiAM FundResearch.

06.05.2026 | 15:00 Uhr

Der Ölpreisschock hat eines klargemacht: Risiken ignorieren kostet. Sie zu verstehen, zahlt sich aus.

Die Eskalation am Ölmarkt infolge des Krieges zwischen den USA und dem Iran und der Blockade der Straße von Hormus hat die globalen Kapitalmärkte in kurzer Zeit grundlegend verändert. Öl der Sorte Brent stieg zeitweise auf mehr als 120 US-Dollar pro Barrel. Das war kein isolierter Energieschock. Es war ein systemisches Ereignis: Inflationserwartungen stiegen, Zinsen reagierten, Risikoprämien weiteten sich aus, Kapitalströme zwischen Sektoren verschoben sich. Und das alles geschah gleichzeitig.

Risiken lassen sich nicht wegdiversifizieren

Für Anleger war der sprunghafte Anstieg der Energiepreise mehr als ein kurzfristiger Schock – er war ein Stresstest für jedes Portfolio.

Energie ist kein isolierter Sektor. Energie ist ein Querschnittsfaktor, der Anleihen, Aktien und Währungen gleichzeitig bewegt. Klassische Diversifikation schützt davor nicht. Unternehmensspezifische Risiken lassen sich streuen – makroökonomische Risiken wie Ölpreise, Inflation und geopolitische Spannungen nicht.

Risiken müssen im Portfolio gesteuert werden

Systemische Risiken lassen sich nicht wegdiversifizieren. Entscheidend ist nicht, Risiken zu vermeiden, sondern sie zu verstehen und aktiv zu steuern.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Risiken treten selten isoliert auf. Sie verstärken sich gegenseitig, wirken über mehrere Kanäle und verändern die Lage schneller, als statische Portfoliostrukturen reagieren können. Flexibilität ist keine Option – sie ist die Voraussetzung.

Was Anleger jetzt im Blick behalten müssen

Am Ölmarkt zeigt sich das gerade in Echtzeit – und zwar auf zwei Ebenen gleichzeitig.

Steigende Energiepreise erhöhen die Inflationserwartungen – und setzen Zentralbanken unter Druck. Das verändert die Bewertung von Anleihen und Aktien. Reale Renditen geraten unter Druck, selbst wenn nominale Erträge stabil bleiben.

Gleichzeitig bremsen hohe Energiepreise das Wachstum. Lässt die wirtschaftliche Dynamik nach, dreht sich das Umfeld. Anleihen gewinnen als stabilisierender Portfoliobaustein wieder an Bedeutung. Durationsmanagement ist in diesem Umfeld keine taktische Instrument. Es ist das zentrale Steuerungsinstrument.

Die unterschätzte Dimension: Währungen

Energiepreisschocks sind Währungsereignisse. Ein steigender Ölpreis stärkt tendenziell rohstoffnahe Währungen und schwächt Importeure. Für den US-Dollar gilt: Ein anhaltender Ölpreisschock erhöht kurzfristig die Inflationserwartungen – und damit nominell die Dollar-Attraktivität. Gleichzeitig drückt er auf das Wachstum und damit auf die reale Zinsdifferenz, die den Dollar eigentlich stützt. Das Ergebnis ist keine klare Richtung, sondern erhöhte Schwankungsbreite. Genau das ist ein gefährliches Umfeld für ungesicherte Währungspositionen.

Was das für Portfolios bedeutet

Die Märkte belohnen langfristig nicht das Vermeiden von Risiko, sondern den bewussten Umgang damit. Wer Risiken systematisch analysiert und steuert, schafft die Grundlage für stabile Renditen. Das gilt auch und gerade in Marktphasen wie diesen.

Konkret bedeutet das: Hohe Qualität im Anleihebereich, ergänzt durch aktives Durationsmanagement. Selektive Aktienallokation mit klarem Fokus auf Widerstandsfähigkeit. Und Währungsrisiken im Blick - denn in der aktuellen Gemengelage werden sie schnell systematisch unterschätzt.

Volatilität ist kein Problem. Unverstandene Volatilität ist eines.

Diesen Beitrag teilen: