Pictet AM: Carbon Accounting findet immer mehr Verbreitung

Im ersten Schritt in Richtung Netto-Null müssen wir berechnen, wie viel CO2 wir überhaupt emittieren – und wo. Carbon-Accounting-Startups stellen sich dieser Herausforderung.

27.06.2022 | 08:24 Uhr

Die Berechnung der Kosten von Treibhausgasemissionen ist schwierig, insbesondere für Unternehmen. Wann fängt man an – wenn die Werksbeleuchtung eingeschaltet wird oder wenn die Mitarbeiter ihre Autos anlassen, um zur Arbeit zu fahren? Endet die Verantwortung, sobald die Waren das Werksgelände verlassen haben, oder spielt es auch eine Rolle, wie viel von dem Endprodukt auf dem Müll landet oder recycelt wird?

Das sind nicht nur philosophische Fragen. Um den Klimawandel kontrollieren zu können, muss klar sein, wie die CO2-Kosten gemessen werden. Das ist auch notwendig, um das immer engmaschigere Geflecht an Vorschriften und Vorgaben von Behörden, Investoren und Börsen einhalten zu können, nicht zu vergessen die immer höheren Erwartungen der Konsumenten. Auch ist das ein wesentlicher erster Schritt, um Emissionen zu reduzieren und die viel beschworene „Netto-Null“ zu erreichen.

Unternehmen haben die Rohdaten für ihre Produktionsanlagen und Lieferantenbeziehungen, schaffen es aber nicht, Technologie, Automatisierung, Datenanalytik und Klimawissenschaft zu nutzen, um daraus verwertbare Informationen zu machen, die ihnen bei der Dekarbonisierung helfen. Hier kommt eine neue Spezies von Carbon-Accounting-Startups ins Spiel.

„Gängige Praxis war bislang die CO2-Bilanzierung mithilfe von Tabellen. Die Unternehmen gaben irgendwelche Zahlen ein, erstellten einmal im Jahr einen Bericht und das war’s. Unternehmen hatten keine Lösung, wie sie die Dekarbonisierung angehen sollten“, sagt Mauro Cozzi, Mitbegründer von Emitwise, einem Carbon-Accounting-Startup, das unter anderem von dem ehemaligen Uber-CEO Ryan Graves unterstützt wird.

Indirekte Emissionen aus der Wertschöpfungskette eines Unternehmens – die sogenannten „Scope 3“-Emissionen – sind besonders schwer zu berechnen.1 Sie decken den kompletten CO2-Fussabdruck ab, von Geschäftsreisen und dem Weg zur Arbeit bis hin zu Unternehmensinvestitionen und den bezogenen Waren und Dienstleistungen. Für Unternehmen wie Amazon, Nike, Ford und Apple macht Scope 3 weit über die Hälfte ihrer gesamten Treibhausgasemissionen aus. Das ist ein deutliches Zeichen, dass es in ihren Lieferketten an Nachhaltigkeit mangelt (siehe Abbildung).

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Startups stehen parat

Das ist jedoch ein schwieriger Prozess.

„Unternehmen können Daten über Hunderte von Anlagen, Tausende von Lieferanten und Millionen von Rohstoffen für ihre Produkte haben“, sagt Cozzi. „Der Mensch allein schafft es nicht, all diese Daten schnell und präzise genug zu verarbeiten.“

Hier können Technologien wie maschinelles Lernen, Data Science und Software-Engineering genutzt werden, um die Grundsätze des Carbon Accounting in Code zu verwandeln, das Ganze im grossen Massstab zu automatisieren und der schnellen Entwicklung der Klimawissenschaft Rechnung zu tragen.

Carbon-Accounting-Startups wie Emitwise haben sich 2021 insgesamt finanzielle Mittel von fast 300 Mio. US-Dollar gesichert – das ist sechs Mal so viel wie 2020.2

Startups haben zwei Asse im Ärmel: Zum einen nutzen sie Tools für die Automatisierung und den Datenaustausch, um isolierte, verteilte Daten zu sammeln und zu harmonisieren. Zum anderen ermitteln sie die tatsächlichen Auswirkungen der Emissionen des Geschäftsbetriebs der Unternehmen, d. h. ihren CO2-Fussabdruck. Dabei werden sowohl die Aktivitäten an sich, wie z. B. die von der Transportflotte zurückgelegten Kilometer, als auch finanzielle Daten berücksichtigt, wie die Berechnung von CO2-Emissionen im Zusammenhang mit dem Kauf bestimmter Waren. Dabei wird das GHG Protocol zugrunde gelegt, die weltweit führende Methode zur Treibhausgasbilanzierung.

„Prinzipiell ist es so, dass die Daten irgendwo im Unternehmen liegen. Vielleicht in einer schön strukturierten Datenbank oder wahllos in einer Tabelle auf dem Desktop“, so Cozzi.

"Wir machen es so einfach wie möglich, die Daten zusammenzutragen, unabhängig davon, wo sie gespeichert sind. Wenn es sich um ein strukturiertes System handelt, können wir es über eine API anbinden. Sind die Daten chaotisch und unstrukturiert, bieten wir eine einfache Möglichkeit, sie zu übertragen."

Orange ist nicht gleich Orange

Als nächstes müssen die Zahlen in glaubwürdige Schätzungen umgewandelt werden. „Die Daten Ihres Unternehmens sagen uns ‚Ich habe letzte Woche zehn Orangen von einem Lieferanten in Florida gekauft‘. Und unser schlaues Brain sagt uns, dass der Kauf einer Orange aus Florida im Durchschnitt 10 kg CO2 produziert, während es bei einer Orange aus Chile vielleicht 20 kg sind“, erklärt Cozzi.

Dieses Wissen ist das Ergebnis der Einbeziehung aller Faktoren, die bei der Produktion einer Orange ins Gewicht fallen, einschliesslich der landwirtschaftlichen Methoden, der verwendeten Düngemittel und der Transportarten. Diese Informationen müssen gegebenenfalls bei Dritten bezogen werden. Die Plattform bietet auch visuelle Dashboards, die Unternehmen helfen können, den Fortschritt im Zeitverlauf zu verfolgen und Emissionsintensitäten in ihrem Lieferantennetzwerk zu identifizieren.

PlanA.Earth, ein Berliner Startup im Bereich CO2- und ESG-Reporting, nutzt vorhandene Daten von Unternehmen, sei es aus Data Warehouses oder ERP-Systemen, und erstellt daraus mithilfe klimawissenschaftlicher Tools das Emissionsprofil. Für die dänische Modemarke GANNI beispielsweise hat PlanA.Earth den gesamten CO2-Fussabdruck, mit besonderem Fokus auf den bezogenen Materialien wie Leder, Baumwolle und Nylon, sowie deren jeweilige CO2-Intensität berechnet. Durch die Partnerschaft konnte GANNI das Ziel festlegen, die CO2-Emissionen bis 2025 um 45% zu senken, eine individuelle Strategie entwickeln, um dies zu erreichen, und seine Dateneingabe, die Emissionsberechnungen und das externe Reporting vollständig automatisieren.

Watershed mit Sitz in San Francisco, ein Spin-off des Fintech-Unternehmens Stripe, das mit den Mitarbeitern aufgebaut wurde, die dessen CO2-Management-Tools entwickelt haben, bietet eine „CO2-Daten-Engine“, die Emissionen bis hin zur einzelnen Position quantifiziert. Dabei werden auch aktuelle Entwicklungen wie Homeoffice, Cloudcomputing und Kryptowährungen berücksichtigt.

Es mag überraschen, dass Startups so schnell einen Fuss in die Unternehmen bekommen, anstatt dass diese sich selbst um das Carbon Accounting kümmern. Vielleicht liegt das daran, dass die Unternehmen nicht genug Abstand haben, um den Wert ihrer Datenressourcen zu erkennen, und möglicherweise mehr klima- und datenwissenschaftliche Einblicke brauchen, um Zahlen in realistische quantifizierte Daten zu verwandeln, die nachhaltigere Praktiken unterstützen.

„Man muss mit einer weissen Leinwand anfangen“, sagt Lubomila Jordanova, Gründerin und CEO von PlanA.Earth. „Es muss jede Menge Wissenschaft in das Produkt eingebettet werden, jede Menge einzigartiges Know-how.“ Bestehende interne Buchhaltungs- und Datenabteilungen seien in den wenigsten Fällen alleine dazu in der Lage, aufgrund der Komplexität hinsichtlich Geografie, Branche und Emissionsintensität.

Als Aussenstehende können Startups Unternehmen auch dabei helfen, den Wert und die Relevanz ihrer Daten für die Dekarbonisierung zu erkennen. „Automobilunternehmen haben beispielsweise Daten über ihre Zulieferer in Lieferanten-Tracking-Systemen gespeichert. Es ist unsere Aufgabe herauszufinden, welche Datenpunkte benötigt werden, und dann unsere Software mit ihrer zu verbinden.“

Unternehmen benötigen vielleicht auch externe Experten, die sie bei der Zusammenarbeit unterstützen, auch mit ihren Wettbewerbern, wie z. B. beim Austausch von Daten und der Zusammenarbeit in der Lieferkette. „Um die Scope-3-Dekarbonisierung zu erreichen, muss alles angebunden werden, und es ist ziemlich schwierig, Konkurrenten dazu zu bringen, im Team zu arbeiten“, sagt Cozzi. Diese Offenheit ist jedoch unumgänglich, wenn Unternehmen ihren Einfluss auf das Klima wirklich in den Griff bekommen wollen. Und wenn die Regulierungsbehörden anfangen, das Scope-3-Reporting zur Pflicht zu machen – wie es der Staat Kalifornien in einem kürzlich vorgelegten wegweisenden Gesetz für grosse Unternehmen getan hat –, wird ihnen gar nichts anderes übrig bleiben. Hier einen Vorsprung zu haben, könnte sich als grosser Pluspunkt erweisen.

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