
Der ökologische Kollaps muss nicht zwangsläufig eintreten. Wie er sich aufhalten lässt, erklärt der britische Ökologe Tom Crowther.
29.10.2026 | 06:15 Uhr
Die Klimakrise ist mittlerweile allgegenwärtig. Kaum ein Tag vergeht ohne weitere Nachrichten über drohende Umweltkatastrophen. Optimistisch zu bleiben, fällt dabei ungemein schwer, insbesondere nach den extremen Hitzewellen im Jahr 2026, als die Londoner Parks ausgedörrt waren, die Wälder bei Bordeaux brannten und Sturzfluten in Nepal ganze Dörfer wegschwemmten.
Doch nicht jeder hält den ökologischen Kollaps für unvermeidlich. Einer dieser Optimisten ist der britische Ökologe Tom Crowther.
Dieser unkonventionelle Wissenschaftler – der oft als „Steve Jobs der Ökologie“ bezeichnet wird – zeigt in seinem Debütwerk „Nature’s Echo“ anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse und eigener Erfahrungen mit der Wiederherstellung überzeugende Wege auf, wie sich die Natur regenerieren kann und zugleich miteinander verbundene Bedrohungen durch Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und wirtschaftliche Ungleichheit angehen lassen.
Seinen Bericht beginnt Crowther mit einer düsteren Warnung: Knapp die Hälfte
aller Ökosysteme auf unserem Planeten steht kurz vor dem Kollaps. Anhand eines verblüffend einfachen Modells von Rückkopplungsprozessen erläutert er, wie wir an diesen Punkt gelangt sind.
Rückkopplungsmechanismen bestimmen das Schicksal komplexer natürlicher Systeme, seien es Wälder
, die Nahrungsmittelproduktion oder auch Gesellschaften und die globale Wirtschaft. Ein Beispiel ist das Bevölkerungswachstum, das einen selbstverstärkenden Kreislauf auslösen kann: Mehr Menschen bedeuten mehr Innovationen und Arbeitskraft, was wiederum eine höhere Produktivität und noch grössere Bevölkerungszahlen nach sich zieht. Auf diese Weise breitete sich die Menschheit von Nordafrika aus über den gesamten Planeten aus.
Gesunde Ökosysteme können erhebliche Störungen verkraften – selbst solche, die durch den wachsenden Einfluss des Menschen verursacht wurden. Wälder, Böden, Feuchtgebiete und Ozeane erholen sich von schweren Umweltschäden durch ihre Wechselwirkungen mit verschiedenen Arten, Nährstoffkreisläufen und Regenerationsprozessen.
Dennoch ist kein System dauerhaft stabil. Jedes noch so ausgeglichene System kann ins Negative kippen, wenn positive Rückkopplungsschleifen ausser Kontrolle geraten. Und genau das erleben wir aktuell.
„Mit der Ausbreitung der Menschen über den gesamten Planeten haben sich auch unsere Bedürfnisse – und unsere Auswirkungen – ausgeweitet“, schreibt Crowther. „Sobald sich ein neues Rückkopplungsmuster etabliert hat, lässt es sich meist nur äusserst schwer wieder umkehren.“
Diese Rückkopplungen sorgten ursprünglich für ein ökologisches Gleichgewicht. Doch viele davon lösen sich nun zunehmend auf und gelangen an den sogenannten negativen Kipppunkt, wie ihn Forscher bezeichnen, also die kritische Schwelle, ab der oft plötzliche und irreversible Veränderungen eintreten können. Zu diesen Phänomenen zählt ein internationales Forscherteam unter anderem die Entwaldung im Amazonasgebiet, Veränderungen in der Zirkulation des Atlantischen Ozeans und die Gletscherschmelze.
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