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Produktivität: Schwung verloren

Produktivität: Schwung verloren
01/2013
Martin Hüfner
Assenagon (Website)

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Spanien ist dabei, Deutschland in Sachen Produktivität abzuhängen. Wenn Deutschland so weiter macht, ist es auf dem besten Weg, erneut zum "kranken Mann Europas" zu werden.

08.01.2014 | 13:21 Uhr



  • Das Produktivitätswachstum hat sich in Deutschland zuletzt stark verlangsamt.
  • Das hängt zum Teil mit speziellen Arbeitsmarktmaßnahmen zusammen, zum Teil aber auch mit der Investitionsschwäche der Wirtschaft.
  • Kurzfristig wird sich das nicht auf das Wachstum auswirken. Es verschärft allerdings den Facharbeitermangel. Langfristig kann es den Standort Deutschland schwächen.

Mit Deutschland passiert im Moment etwas ganz Merkwürdiges. Auf der einen Seite wird es gefeiert wegen seiner hervorragenden Bilanz auf dem Arbeitsmarkt. Es ist das einzige große Industrieland, das es geschafft hat, seinen Arbeitsmarkt nach der großen Finanz- und Wirtschaftskrise wieder in Ordnung zu bringen. Es hat nach Österreich die niedrigste Erwerbslosigkeit in der Europäischen Gemeinschaft. Darüber kann man sich freuen.

Auf der anderen Seite hat es eine außerordentlich schwache Produktivitätsentwicklung. Bis zur Krise 2007/2008 erhöhte sich die Arbeitsproduktivität pro Jahr noch um durchschnittlich knapp 2 %. Seitdem geht es bergab. 2012/2013 dürfte die Produktivität in Deutschland fast gar nicht mehr zugenommen haben (siehe Grafik). Das wird in der Öffentlichkeit weniger beachtet, muss aber zur Sorge Anlass geben.

Nun sind die beiden Phänomene natürlich nicht unabhängig voneinander. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Wenn die Arbeitsproduktivität steigt, dann werden für die gesamtwirtschaftliche Produktion weniger Arbeitskräfte gebraucht. Der Arbeitsmarkt verschlechtert sich. Wenn umgekehrt die Produktivität niedrig ist, dann werden entsprechend mehr Arbeitskräfte benötigt.

Dass das Produktivitätswachstum trendmäßig sinkt, ist in Industrieländern nicht ungewöhnlich. Es hängt mit der steigenden Bedeutung des Dienstleistungssektors, in dem die Produktivität traditionell geringer ist, zusammen. In Deutschland geht die Entwicklung in letzter Zeit jedoch weit über das Normale hinaus.

Das hängt zum Teil mit aktiven Arbeitsmarktmaßnahmen zur Überwindung der Krise zusammen. Der Staat förderte Kurz- und Leiharbeit, um den Arbeitsmarkt vor den Folgen der Rezession zu schützen. Unternehmen beschäftigten Arbeitnehmer auch bei schlechter Auftragslage, weil sie fürchteten, diese später nicht wieder zu bekommen. Das erklärt die starken Schwankungen der Produktivität in den Jahren 2009/2010. Beides ist inzwischen ausgelaufen. Dafür spielte jetzt eine Rolle, dass Firmen aus Angst vor einer demographisch bedingten Arbeitskräfteknappheit schon jetzt Einstellungen vornehmen, die sie aufgrund der aktuellen Auftragslage noch gar nicht brauchen.

Zum Teil liegt die niedrige Produktivität aber auch daran, dass Schwung und Dynamik in der deutschen Wirtschaft nachgelassen haben. In der EU steht Deutschland mit einer Investitionsquote von 18 % an vorletzter Stelle (vor Großbritannien). In der technologischen Entwicklung liegt Deutschland in wichtigen Bereichen nicht mehr vorne. Es gibt hier kein Silicon Valley. Die Bildungspolitik wurde – trotz aller Fortschritte in den Pisa-Studien – vernachlässigt. Es ist klar, dass sich dies auf die Produktivitätsentwicklung auswirkt.

Die Folgen sind erheblich. In einer Gesellschaft wie der deutschen, in der die Bevölkerung nicht mehr wächst, beruht der Wohlstandszuwachs allein auf der Produktivitätsentwicklung. Wenn diese ausfällt, dann sind selbst die bisherigen Schätzungen für das Wachstumspotenzial von 1,0 % bis 1,5 % pro Jahr nicht mehr zu halten. Dann droht am Ende Stagnation.

Dann können auch die Reallöhne nicht mehr zunehmen. Bereits 2013 dürfte es nach Schätzung des Statistischen Bundesamtes einen leichten Rückgang der Reallöhne gegeben haben. Berücksichtigt man die mit steigenden Preisen zunehmende Steuerlast, dann sinkt die Kaufkraft der Arbeitnehmer.

Wenn es kein Wachstum gibt, dann sind auch die Lasten der demographischen Entwicklung schwerer zu tragen. Die Sozialversicherungen kommen in Finanzierungsschwierigkeiten. Der Fachkräftemangel wird immer stärker.

Schließlich verliert Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigt sich nicht so sehr im Export, weil die Produktion dieser Güter vielfach schon nicht mehr in Deutschland stattfindet. Es wirkt sich jedoch auf die Wirtschaftskraft innerhalb der Europäischen Gemeinschaft aus. Die Grafik zeigt den Vergleich der Entwicklung in Deutschland mit der in Spanien. Seit dem Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise und ganz besonders seit der Eskalation der Eurokrise hat sich die Produktivitätsentwicklung in Spanien anders als in Deutschland deutlich beschleunigt. Im letzten Jahr erhöhte sie sich um 2,4 %.

Spanien ist dabei, Deutschland in Sachen Produktivität abzuhängen. Die Prognose des Chefvolkswirts von Morgan Stanley, Joachim Fels, dass Spanien in Europa das "neue Deutschland" werden könnte, erscheint unter diesen Umständen nicht unplausibel. Umgekehrt spricht manches dafür, dass Deutschland, wenn es so weiter macht und wenn es sich wie im Koalitionsvertrag vorgesehen vornehmlich mit Verteilungs- statt mit Wachstumsfragen beschäftigt, auf dem besten Weg ist, erneut zum "kranken Mann Europas" zu werden. Ein Umsteuern nicht nur in den Unternehmen, sondern auch in der Politik ist dringend erforderlich.

Für den Anleger

Die Märkte sind mit viel Optimismus in das neue Jahr gestartet. Kaum einer rechnet damit, dass der deutsche Aktienindex DAX in diesem Jahr nicht steigen wird. Das ist im Hinblick auf das konjunkturelle und zinsmäßige Umfeld nicht unberechtigt. Blickt man aber hinter die zyklische Erholung, sieht das nicht mehr so gut aus. Gerade im Hinblick auf die Produktivität ist es gerechtfertigt, die weitere Entwicklung in Deutschland mit etwas mehr Skepsis zu betrachten.

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