Capital Group: Parlamentswahl in Indien beeinflusst Finanzmärkte

Nick Grace, Portfolio Manager bei Capital Group.

Investoren warten gespannt auf das Ergebnis der indischen Parlamentswahl, die insgesamt fünf Wochen andauert. Die entscheidende Frage ist: Werden die wirtschaftsfreundlichen Reformen fortgesetzt?

15.05.2019 | 10:43 Uhr

Die Auszählung wird am 23. Mai stattfinden und die entscheidende Frage ist: Werden Premierminister Modi und seine BJP-Partei ausreichend Wähler von sich überzeugen können, um die Mehrheit zu behalten und ihre wirtschaftsfreundlichen Reformen fortsetzen zu können? Nick Grace, Portfolio Manager bei Capital Group, beschäftigt sich mit dieser Frage und analysiert den indischen Markt. Seiner Meinung nach wird der Ausgang der Wahl die Stimmung in den Schwellenländern stark beeinflussen. Zwar habe Modi bisher nicht alle Erwartungen an ihn erfüllt, die Investoren hätten aber dennoch die bisherigen Fortschritte gewürdigt. Trotz ungleichmäßigen Wachstums und schwankender Ölpreise haben indische Aktien den Benchmark-Index der Schwellenländer outperformt.

Die indische Wirtschaft ist im Wandel

Indien befindet sich im Wandel und um diesen aufrechtzuerhalten, ist es wichtig, aktuelle Reformdynamiken beizubehalten. Beispielsweise hat Modi ein Konkursrecht eingeführt. Dieses besagt, dass Banken notleidende Kredite schneller erkennen müssen.  Außerdem hat er das ineffiziente Steuersystem auf föderaler Ebene durch eine nationale Umsatzsteuer ersetzt.
Zeitgleich gab es jedoch auch Gegenwind für den regierenden Premierminister. Sein abrupter Schritt im November 2016, 86 Prozent der Landeswährung zu entwerten, war äußerst unbeliebt. Er wollte damit die Korruption bekämpfen und so den langfristigen Zustand der indischen Wirtschaft verbessern. Außerdem sollte die Steuerbasis des Landes erhöht werden.   

Verschiedene Wahlausgänge sind denkbar

Im Ergebnis könnte Modi bei der Wahl weniger Unterstützung für seine Reformen erhalten, als dies noch bei der letzten der Fall war. Verschiedene Ausgänge, von einem absoluten Wahlsieg, über eine Koalitionsregierung bis hin zu einer Niederlage Modis, erscheinen Grace als realistisch. „Eine gesunde Mehrheit für die BJP ohne den Zwang eine Koalition einzugehen, ist meiner Meinung nach der beste Ausgang für die Märkte.“ Dennoch sollten sich Investoren auf eine gewisse Volatilität vorbereiten, falls die politische Macht von Modi und der BJP schrumpft.

Trotz Unsicherheiten investieren 

Durch ökonomische Disruptionen und hohe Ölpreise seien Investments in zyklische Unternehmen in der Vergangenheit schwer gewesen. Insgesamt seien die Bewertungen indischer Aktien für Anleger herausfordernd. „Indische Aktien werden mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18,2 gehandelt. Im Vergleich zur MSCI EM Benchmark ist dies sehr teuer – hier liegt das Verhältnis bei 11,8“, sagt Grace. Er empfiehlt daher in Unternehmen zu investieren, die nicht vom Ausgang der Wahl beeinflusst werden. Beispielhaft dafür sei der Mischkonzern Reliance Industries. Mit der Einführung des Mobilfunkdienstes Jio im Jahr 2016 hat dieser den indischen Telekommunikationssektor belebt. Heute ist Jio mit 306 Millionen Kunden einer der größten Mobilfunkanbieter in einem Land, in dem die Nutzung von Mobiltelefonen voraussichtlich erheblich zunehmen wird.
Das neueste Vorhaben von Reliance ist eine mobile Plattform, die Produzenten mit Einzelhändlern und Konsumenten verbinden möchte. Diese Initiative befindet sich zwar noch in einem frühen Stadium, verspricht aber ebenfalls vielversprechende Wachstumschancen.

Revolution im Einzel- und Onlinehandel 

Weitere grundlegende Veränderungen würden laut Grace durch amerikanische Konzerne wie Amazon oder Wallmart entstehen. Sie drängen auf den indischen Markt und könnten so den Einzel- und Onlinehandel revolutionieren, der aktuell noch zu großen Teilen auf traditionellen Vertriebskanälen wie Nachbarschaftsläden und Produzentenmärkten beruht. Dieser Markt wird mit einer Größe von 800 Milliarden US-Dollar beziffert. Zwar will die Regierung indische Unternehmen durch Regulierungen des Onlinehandels schützen, allerdings war Modi schon immer ein Befürworter des „digitalen Indiens“ und die amerikanischen Investitionen sind umfangreich. Amazon hat zugesagt, 5 Milliarden US-Dollar zu investieren und Wallmart hat für 16 Milliarden US-Dollar eine Mehrheitsbeteiligung an einem indischen Onlinehändler erworben.
„Unternehmen wie Reliance, Amazon und Wallmart verfolgen Strategien, die den indischen Markt grundlegend restrukturieren könnten. Mögliche Folgen sind in erster Instanz niedrigere Preise, effizientere Lieferketten und weniger Müll sowie in zweiter Instanz eine niedrigere Inflation und geringere Zinsen“, sagt Grace.

Opportunitäten im Bankensektor 

Ebenfalls positiv bewertet Grace den Bankensektor. Mit HDFC und Kotak Mahindra sieht er zwei Privatbanken, die in der Vergangenheit rasant gewachsen sind, über ein erstklassiges Management verfügen und qualitativ hochwertige Kreditvergabestandards haben. „Sie sollten ihren Marktanteil weiter ausbauen können“, sagt Grace. Außerdem sollte das neue Konkursrecht das Kreditsystem und die Unternehmensführung weiter stärken.  „Bereits jetzt sind deutliche Verbesserungen zu erkennen.“

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