Wo KI wirklich spürbar sein wird

Wo KI wirklich spürbar sein wird
Künstliche Intelligenz

Carl Frey, Mitglied unseres Themenbeirats, wirft einen Blick in die Vergangenheit, um zu verstehen, wie KI die globale Wirtschaft verändern wird.

29.01.2026 | 10:33 Uhr

Jedes Mal, wenn die Sorge aufkommt, dass KI Arbeitsplätze vernichten könnte, hat jemand eine beruhigende Antwort parat: Künstliche Intelligenz sei schliesslich „nur“ ein Tool zur Produktivitätssteigerung. Eines, das uns hilft, E-Mails schneller zu schreiben, Dokumente zusammenzufassen und schneller zu programmieren. Es heisst, wir hätten nichts zu befürchten, schliesslich werde nur das beschleunigt, was wir ohnehin bereits tun.

Dabei wird jedoch etwas Wesentliches übersehen, nämlich wie wichtige Technologien die Wirtschaft in der Vergangenheit verändert haben. Die eigentliche Geschichte handelt davon, was passiert, wenn eine bestehende Technologie neue, leistungsfähige Anwendungen findet. Die Dampfkraft war nicht interessant, da jemand einen besseren Antrieb erfand. Interessant wurde sie erst, als dieser Antrieb in Lokomotiven und Schiffen eingesetzt wurde. Strom hat die Welt nicht verändert, weil er die Öllampe ersetzt hat. Das tat er erst, als Leitungen in den Fabriken verlegt und Wohnungen mit neuen Geräten ausgestattet wurden. In ähnlicher Weise wurde der Verbrennungsmotor erst dann zu einer wirtschaftlichen Kraft, als er als Antrieb für Autos, Lastwagen und Flugzeuge eingesetzt wurde.

Wenn wir verstehen wollen, wie sich KI auf die Produktivität auswirkt, sollten wir weniger auf ihre reinen Fähigkeiten achten, sondern vielmehr darauf, wo genau sie eingesetzt wird. Die gute Nachricht ist, wie wir sehen werden, dass sie Produktivitätssteigerungen in Sektoren verspricht, die bisher stagnieren.

Von der Dampfkraft zum Computer

Nehmen wir als Beispiel die Dampfkraft. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren Dampfmaschinen clevere, aber nur begrenzt einsetzbare Geräte, die hauptsächlich dazu dienten, Wasser aus Kohlebergwerken zu pumpen. Das haben sie viel besser gemacht als Pferde und Eimer, aber die breitere Wirtschaft hat davon kaum Notiz genommen. Fabriken wurden weiterhin mit Wasserrädern betrieben. Auch für die Haushalte änderte sich nichts. Wäre die Dampfkraft in den Bergwerken geblieben, wäre sie nur eine Fussnote in den Geschichtsbüchern gewesen und nicht eine transformative Kraft. Die Produktivität stiegt erst dann sprunghaft an, als die Dampfmaschine auf die Strasse und die Schiene kam. Durch die Eisenbahn wurden die Reisezeiten verkürzt und die Frachtkosten gesenkt, die Handelsrouten und die Arbeitsmärkte veränderten sich und sie war sogar der Haupttreiber für die Standardisierung der Zeit. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Dampfkraft veränderten sich im Zuge ihrer breiteren Anwendung – von einer stationären Pumpe unter der Erde hin zu einem beweglichen, vernetzten Transportsystem über der Erde.

Strom folgt einem ähnlichen Muster. Im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert war Strom meist Ersatz für etwas anderes: Elektromotor statt Dampfmaschine, Glühbirne statt Gaslampe und so weiter. Dies wirkte sich positiv aus – die Motoren wurden flexibler, die Glühbirnen sicherer und sauberer –, aber eine Zeit lang erschien Strom wie eine nützliche, schrittweise Verbesserung, nicht wie eine Revolution. Der wirkliche Wandel kam, als Strom neue Anwendungen fand, die die Produktion, die Städte und die Haushalte neu organisierten. Fabriken wurden mit kleinen, dezentralen Motoren anstelle eines einzigen grossen Motors umgebaut, was neue Grundrisse und eine höhere Produktion ermöglichte. Dank Strom wurden Strassenbahnen und U-Bahnen zu urbanen Mobilitätslösungen, die Pendlerwege wurden länger und die Städte veränderten sich. In den Haushalten gab es auf einmal Kühlschränke, Waschmaschinen, Staubsauger, Bügeleisen, Radios und Fernsehgeräte. Jede Anwendung war nur eine weitere Anwendung ein und derselben Technologie; alle zusammen haben sie das tägliche Leben verändert und riesige neue Märkte eröffnet.

Der Verbrennungsmotor ist ein weiteres Beispiel. Für sich genommen ist er nur eine Maschine, die Kraftstoff in Bewegung umwandelt – nützlich, aber nicht wirklich transformativ. Seine wahre wirtschaftliche Stärke zeigt sich, wenn man sich anschaut, wie er Eingang in die verschiedenen Anwendungsbereiche gefunden hat. Zunächst wurden Autos damit angetrieben. Das Automobil hat das Pferd und die Kutsche bei weitem nicht nur ersetzt: Es hat unsere Lebenswelt, das heisst die Wohn- und Arbeitsorte, verändert, das Wachstum der Vorstädte gefördert, den Einzelhandel in die Dörfer und Städte gebracht und neue Pendlerströme hervorgebracht. Dann wurden diese Motoren in Lastwagen eingebaut, die den Langstreckenverkehr und die Just-in-Time-Fertigung ermöglichten. Dann erhoben sie sich in die Lüfte. Durch das Flugzeug wurde das Reisen zur Normalität und der Tourismus nahm Ausmasse an, die man sich im 19. Jahrhundert nicht hätte vorstellen können.

Bei Computern und dem Internet wiederholte sich die Geschichte, allerdings in viel schnellerem Tempo. Lange Zeit standen die Computer in den Backoffices, wo sie für die Gehaltsabrechnung und die Lagerverwaltung eingesetzt wurden. Sie waren zwar wertvolle Hilfsmittel, dienten aber vor allem dazu, bestehende Prozesse effizienter zu gestalten. Die dramatischen Produktivitätssteigerungen in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren kamen zustande, als die Computertechnik auf neue Weise eingesetzt wurde: vernetzte PCs in den Büros, aber auch E-Commerce-Websites, digitale Marktplätze, Suchmaschinen und später dann Smartphones und App-Stores.

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Wohin führt uns also die KI?

Gegenwärtig wird ein Grossteil der heutigen KI auf bekannte Weise genutzt, nämlich als leistungsstarker Assistent innerhalb des bestehenden Workflows. KI hilft den Mitarbeitenden, E-Mails zu verfassen, Marketingtexte zu verbessern, Code zu schreiben, lange Dokumente zusammenzufassen und Kundenanfragen zu beantworten. Diese Anwendungen lohnen sich. Erste Ergebnisse belegen eine grosse Zeitersparnis, insbesondere bei textlastigen Routineaufgaben. Arbeitnehmer berichten, dass sie ihre Posteingänge schneller abarbeiten können. Nachwuchskräfte können hochwertigere Erstentwürfe erstellen. Supportmitarbeiter können in der Stunde mehr Anfragen bearbeiten.

Selbst wenn das alles wäre, wofür KI genutzt wird, wäre das schon sehr viel. Die Elektrifizierung damals oder die frühe Computertechnik brachten klare Vorteile, und das gilt auch für diese KI-Welle, bei der künstliche Intelligenz als Tool für die Produktivitätssteigerung eingesetzt wird. Die Geschichte zeigt jedoch, dass sich eine Technologie erst dann wirklich auszahlt, wenn sie in Bereichen eingesetzt wird, in denen lange Zeit keine Produktivitätsfortschritte erzielt wurden.

Nehmen wir den Dienstleistungssektor. Seit Jahrzehnten machen sich Ökonomen Gedanken über das, was William Baumol als „Kostenkrankheit“ bei Dienstleistungen bezeichnete. Viele Dienstleistungen – Pflege, Reinigung, Hotel- und Gaststättengewerbe, Einzelhandel, Logistik – sind schwer zu automatisieren und haben nur langsam an Produktivität gewonnen. Ein Lehrer steht noch immer vor der Klasse. Ein Kellner trägt noch immer Speisen an den Tisch. Eine Pflegekraft hilft noch immer jemandem ins Bett und aus dem Bett. Diese Tätigkeiten sind sehr wichtig, aber auch sehr arbeitsintensiv. Die Folge ist, dass in einem grossen Teil der modernen Wirtschaft das Produktivitätswachstum auf einem niedrigen Niveau stagniert.

KI hat das Potenzial, dies zu ändern, nicht nur wegen ihrer Fähigkeit, Wissensarbeit zu automatisieren, sondern auch aufgrund der ganz konkreten Anwendungen, bei denen KI mit Sensoren, Aktuatoren und mobiler Hardware verbunden wird. Die Rede ist von Robotern.

Jahrzehntelang hatten Roboter vor allem in Fabriken zu tun, wo sie in sorgfältig choreografierten Fertigungsstrassen Autokarosserien schweissten und Elektronik zusammenbauten. Diese Umgebungen sind kontrolliert und vorhersehbar, was den traditionellen Industrierobotern sehr entgegenkommt. Sie machen aber nur einen Bruchteil der Gesamtwirtschaft aus. Dank der jüngsten Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz entwickelt sich gerade eine andere Roboter-Spezies: Eine, die in der Lage ist, sich in zugestellten Räumen zurechtzufinden, Objekte zu erkennen, Anweisungen in natürlicher Sprache zu interpretieren, sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen und sich mit Menschen abzustimmen.

In dem Masse, wie diese Roboter in Supermärkten, Lagerhäusern, Krankenhäusern, Hotels und Privathaushalten Einzug halten, können wir davon ausgehen, dass die KI-Erfolgsgeschichte in puncto Produktivität weitergeht. Ein Reinigungsroboter, der sicher Hand in Hand mit menschlichem Personal in einem Einkaufszentrum oder auf einem Flughafen arbeiten kann, ist ein neuer Anwendungsbereich von KI. Das Gleiche gilt für einen Roboter, der Regale auffüllen, Waren ohne vorgegebene Führung durch ein Lager transportieren oder eine Pflegekraft bei körperlich anstrengenden Aufgaben unterstützen kann. Hinzu kommen autonome oder halbautonome Fahrzeuge, Drohnen für Lieferungen und Inspektionen sowie KI-Systeme zur Koordinierung von Maschinenflotten – spätestens jetzt wird deutlich, wie tief die Technologie in den bislang unproduktiven Kern der Dienstleistungswirtschaft vordringen kann.

Einblicke für Investoren

Von Anjali Bastianpillai, Senior Client Portfolio Manager, Themenaktien, Pictet Asset Management

Wir sind überzeugt, dass Produktivitätssteigerungen aufgrund von Automatisierung und Robotik im Zuge der breiten Einführung von KI einen Schub bekommen, was unserer Robotics Strategie zugute kommen dürfte. Darüber hinaus dürfte eine neue Generation von Robotern grosse Auswirkungen auf den Dienstleistungssektor haben, der traditionell ein langsames Produktivitätswachstum verzeichnet. Ausserdem, so Carl Frey, zeige die Geschichte, dass ergänzend auch in bestehende Sektoren investiert werden müsse und der Fokus nicht nur auf neuen Sektoren liegen dürfe.


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