Capital Group: China - von der globalen Produktionsstätte zum Technologiepionier

Capital Group: China - von der globalen Produktionsstätte zum Technologiepionier

Lesen Sie, wie man aus Sicht der erfahrenen Portfoliomanager Rob Lovelace und Chris Thomsen am besten in chinesische Aktien investiert.

12.05.2021 | 13:41 Uhr

Wir haben hier zusammengefasst, wie die neuesten Entwicklungen ihre Investmenteinschätzungen, und die bestehenden Marktchancen beeinflusst haben – und warum lokale Kompetenz bei der Analyse chinesischer Unternehmen so wichtig ist.

Im Überblick

  • China hat sich von der globalen Produktionsstätte zu einer innovativen Technologiewirtschaft entwickelt.
  • Grundsätzlich wird sich am Verhältnis zwischen den USA und China unter Biden wohl nichts ändern, aber wir erwarten, dass die Verhandlungen weiter fortgesetzt werden.
  • Dynamische Unternehmen der nächsten Generation kommen an den Markt und bieten enorm viele Chancen für Investoren – sowie in der Fertigung als auch im Gesundheitswesen und
  • im Onlinehandel.


Wie hat sich China in der letzten Zeit wirtschaftlich verändert, und was bedeutet das Ihrer Meinung nach für die nächsten Jahre?

Rob Lovelace: Ohne Übertreibung - In China hat sich in letzter Zeit enorm viel getan. Der chinesische Kapitalmarkt hat sich in kleinen Schritten vorwärtsbewegt. Beispielsweise wurde er für ausländisches Kapital geöffnet. Innerhalb Chinas wurde allerdings viel über das Wirtschaftsmodell und wie der chinesische Kapitalmarkt der Zukunft aussehen soll diskutiert. Mit der internationalenFinanzkrise kam die Wende. Sie hat das Vertrauen in das westliche Modell, also das der USA und Europas, erschüttert, sodass seitdem das nationalistische Modell auf dem Vormarsch ist.

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Als Xi Jinping Parteivorsitzender und Präsident wurde, setzte er das Modell um, das in Chinas Fünfjahresplan von 2015 vorgesehen war. Es war völlig anders als die früheren Ansätze, bei denen China offener für eine Beteiligung an der Weltwirtschaft über den Handel und die Finanzmärkte war. In gewisser Weise war der neue Plan eine Unabhängigkeitserklärung von der Weltordnung.

Erst kürzlich hat China signalisiert, dass es die Integration der Märkte fortsetzen wolle und ausländisches Kapital willkommen heiße, aber zugleich verfolgt das Land eine insofern recht nationalistische Wirtschaftspolitik, als es sich von anderen Ländern so wenig wie möglich abhängig machen will. Deshalb haben sich die Beziehungen Chinas zu einigen Ländern verschlechtert.

Ich denke, die Rhetorik der Trump-Administration (Ablehnung einer uneingeschränkten Zusammenarbeit und der gemeinsamen Nutzung geistigen Eigentums etc.) wird sich unter Biden fortsetzen. Ich würde die derzeitige Phase als „bewusste Abkopplung“ bezeichnen: China übernimmt mehr Kontrolle in einigen Hochtechnologiebereichen, und die USA diversifizieren ihre Lieferketten.

Um diese Schwierigkeiten zu lösen, geht China sehr gezielt vor. China will stark und unabhängig sein und seine Anfälligkeit für externe Einflüsse begrenzen. Die US-Politik ist weniger gut strukturiert. Dort diskutiert man noch immer darüber, wie man die Beziehung gestalten sollte. Europa steht vor einem ähnlichen Problem. Die Beziehungen der beiden Regionen sind miteinander verflochten. China ist über die Finanzen mit dem Westen verbunden. Das Land ist Gläubiger von etwa 1 Billion Dollar US-Schulden, und der Westen treibt Handel mit China. Diese Verflechtungen zeigen, dass es im wirtschaftlichen Interesse aller Beteiligten ist, die Gespräche fortzusetzen. Eine komplette Abkopplung wird nicht möglich sein.

Für die nächsten Jahre steht China wirtschaftlich gut da. Es hat die Pandemie gemeistert. Wachstumsprogramme in einem Ausmaß wie in allen anderen Ländern waren nicht nötig. Deshalb ist der Haushalt stabil, sodass weitere Wachstumsspritzen gegebenenfalls möglich wären. Die chinesische Binnenwirtschaft hat sich stark erholt, weil früh strenge Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus getroffen wurden. Das Land ist gut aufgestellt, um nicht nur ausländisches Kapital anzuziehen, aber auch für eine Expansion seiner Wirtschaft und Märkte. Andererseits scheinen wir uns in einer Phase der globalen Entkopplung und der insgesamt schwierigeren internationalen Beziehungen zu befinden.

Chris Thomsen: Auch ich halte China näher betrachtet für komplex, aber ich bleibe optimistisch. Mit Xi Jinping an der Spitze spricht alles für Stabilität. Politisch dürfte China weiter viel Selbstbewusstsein an den Tag legen, und ich gehe nicht davon aus, dass die USA unter der Biden-Administration ihren Standpunkt zu den Handelsbeziehungen ändern.

Aber China hat gezeigt, dass es seine Wirtschaft im Griff hat und hat in den letzten Jahren einige Krisen gemeistert. Als es 2008 nötig war, verabschiedete die Regierung ein Wachstumsprogramm, war aber auch fähig, Exzesse zu stoppen, indem sie beispielsweise das Problem mit den Schattenbanken gelöst hat. Aus meiner Sicht ist diese Strategie geeignet, um in nächster Zeit sowohl mit Handelsspannungen umzugehen als auch inländische Probleme zu lösen.

In den letzten Jahren hat sich China von einer globalen Produktionsstätte und einem staatlichen Wirtschaftsmodel in eine moderne Volkswirtschaft entwickelt, die auf Technologie und Innovationen setzt und deren Mittelschicht wächst. Die enormen Summen, die China im Vergleich zu anderen Ländern in Forschung und Entwicklung investiert, zeigen, wie stark es sich verändert hat. Bei jedem meiner Besuche in China bin ich erstaunt über den schnellen Wandel. Besonders deutlich zeigt sich der Fortschritt bei Immobilien und Infrastruktur. Die chinesischen Skylines, Flughäfen und U-Bahnen sind modern und erstklassig.

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Ich gehe davon aus, dass sich China weiter zu einer modernen Wirtschaft entwickeln und sich die Dynamik in den nächsten drei bis fünf Jahren fortsetzen wird. Was bedeutet das für Investoren? Mehr Chancen in China. Die Capital Group investiert jetzt in dynamische private Unternehmen aus Sektoren wie Gesundheit, Software und Logistik. Tatsächlich sind wir zurzeit in Dutzende von Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehreren Milliarden US-Dollar investiert, die vor fünf bis zehn Jahren noch nicht einmal börsennotiert waren.

Wenn man einschätzen will, wie sich die chinesische Wirtschaft jetzt entwickelt, sollte man daran denken, dass China das erste Land war, dass die Pandemie überwunden hat. Im Inland wird wieder so viel gereist wie vor der Coronakrise, und der Anstieg der Preise von Kupfer und Eisen ist ein Zeichen für die große Nachfrage aus China. Nach der Einschätzung von Stephen Green, Volkswirt bei der Capital Group, wird das chinesische BIP in diesem Jahr locker um mehr als 6% wachsen, weil die Zahlen mit einem schwachen Jahr 2020 verglichen werden. Aber er erwartet auch für die nächsten Jahre ein Wachstum von etwa 5%–6%.

Vor Ort findet man dafür noch mehr Hinweise, beispielsweise die vielen Wohnungs- und Autokäufe, was bestätigt dass es der Mittelschicht nach wie vor gut geht. Allerdings verschlechtert sich die Vermögensverteilung zunehmendund die Löhne von Arbeitern gehen zurzeit sogar zurück.1 Ein Risiko, das China noch angehen muss, sind die hohen Schulden chinesischer Immobilienunternehmen. Sie müssen 2021 53 Milliarden US-Dollar zurückzahlen (nach 25 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020), und 90% der Schulden sind in US- Dollar.

Hinzu kommen chinesische Anleihen in Höhe von 34 Milliarden US-Dollar mit Renditen von zurzeit über 15%, wovon wiederum 25 Milliarden auf chinesische Immobiliengesellschaften entfallen.2 Wenn die refinanziert werden müssen, kann es schwierig werden. Aber man muss auch sagen, dass lokale und Unternehmensschulden in China schon immer ein gewisses Problem waren.

Die langfristige Planung war und ist ein Vorteil Chinas und spielt eine enorme Rolle für den Konjunkturausblick. Wichtig ist das nicht nur, um den wirtschaftlichen Hintergrund für in China ansässige Unternehmen zu verstehen, sondern auch für multinationale Unternehmen, die zum Teil zwischen 20% und 40% ihres Umsatzes in China erzielen. China ist ein enormer Markt, und die langfristigen Pläne der Regierung haben Folgen für die ganze Welt.

Die politische Reaktion Chinas auf die Handelsspannungen mit den USA und der Europäischen Union zum Thema Beschränkungen der Investitionen in der Industrie wird auch „Strategie des doppelten Kreislaufs“ genannt. Dabei geht es vor allem darum, wichtige inländische Lieferketten zu integrieren und weniger abhängig von Importen zu werden. Dazu werden zum einen Investitionen in wichtige Sektoren unterstützt und gefördert und zum anderen inländische Unternehmen als Zulieferer und Dienstleister bevorzugt. Zugleich plant China mehr Auslandsinvestitionen in wichtige Sektoren wie Energie und Rohstoffe.

Das vollständige Interview finden Sie hier als PDF.


1. Quellen: Credit Suisse, CSLA, März 2021.
2. Quelle: Wall Street Journal, 16. Januar 2021

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