
„Ein Ölpreis von 100 US-Dollar ist die beste Werbung für Elektrofahrzeuge“, sagt der ehemalige philippinische Energieminister Vince Pérez. Nach seiner Ansicht beschleunigt der Krieg im Iran die Energiewende in Asien.
16.07.2026 | 08:36 Uhr
Im November 2002 begleitete der philippinische Energieminister Vince Pérez seine Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo zu einem schicksalhaften Treffen im Weissen Haus. Bei diesem Treffen deutete Präsident George W. Bush seinen ahnungslosen Gästen an, dass die USA kurz davor stünden, gegen den Irak in den Krieg zu ziehen.
Pérez erinnert sich, dass sich ihm der Magen umdrehte. Er wusste, dass dieser Konflikt für ein Land, das über 90% seines Erdöls importierte und stark von Rohöl aus dem Nahen Osten abhängig war, zu Energieknappheit, hoher Inflation und wirtschaftlicher Instabilität führen könnte.
Pérez erinnert sich: „Meine Präsidentin flüsterte mir zu: „Vince, du bist der Energieminister. Du musst dafür sorgen, dass wir über ausreichend Erdölvorräte verfügen.“
Die folgenden Monate verbrachte er damit, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Er reiste in die Nachbarländer Indonesien und Brunei, zu den Ölproduzenten am Golf – Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar – sowie bis nach Moskau, um bilaterale Öllieferabkommen zu schliessen. Gleichzeitig baute er Sicherheitsvorräte auf und setzte auf alternative Energiequellen wie erneuerbare Energien und Geothermie.
Pérez’ Anstrengungen haben sich gelohnt. Die Philippinen blieben vom Schlimmsten verschont.
Auch mehr als zwei Jahrzehnte später ist klar, welche Lehre sich daraus ziehen lässt: Energiesicherheit erfordert Vorbereitung, Diversifizierung und eine schnelle Reaktion.
„Diesmal sind die asiatischen Länder ohne Vorwarnung ins Kreuzfeuer geraten und waren völlig unvorbereitet“, so Pérez, als der Iran-Krieg die Philippinen und den Rest Asiens in die schwerste Energiekrise seit 1973 stürzte.
Derzeit ist Asien die am stärksten von dem Konflikt betroffene Region, da dort mehr als 80% der 30 Millionen Barrel Öl, die täglich die Strasse von Hormus passieren müssen, verbraucht werden.
Abgesehen von den kurzfristigen Massnahmen in der Region vollzieht sich laut Pérez – mittlerweile Chairman des Unternehmens Alternergy, einem Entwickler für erneuerbare Energien – ein tiefgreifender struktureller Wandel im Energiebereich, von dem Länder, Branchen und Unternehmen profitieren, die sich mit innovativen Lösungen anpassen können.
Der Konflikt dauert nun schon drei Monate an, und bislang waren die Sofortmassnahmen alles andere als sauber.
Als reflexartige Reaktion, um die Versorgungslücke zu schliessen und Stromausfälle zu verhindern, kauften China, Indien und die Philippinen russisches Öl, sobald das Embargo aufgehoben wurde, und nahmen stillgelegte Kohlekraftwerke wieder in Betrieb.
„Das ist eine Energiepolitik, bei der das Überleben an erster Stelle steht, was zu einer kurzfristigen Rückkehr zur Kohle führt. Ich nenne das einen schmutzigen Umweg“, sagt Pérez.
Andere setzen auf Kernenergie – eine CO2-arme, aber politisch umstrittene Option. Japan hat stillgelegte Kernreaktoren wieder in Betrieb genommen, China und Indien haben ihre Kapazitäten ausgebaut, und Taiwan hat seine Strategie des Ausstiegs aus der Kernenergie aufgegeben.
Langfristig wird seiner Meinung nach der Krieg die Bemühungen der Länder um Energieunabhängigkeit durch erneuerbare Energien beschleunigen, insbesondere in den Bereichen Offshore-Windkraft, Grosssolaranlagen, Batteriespeicher und Elektrofahrzeuge.
Er glaubt, dass China wahrscheinlich als grösster Gewinner hervorgehen wird.
Das Land hat es nicht nur geschafft, den Energieschock dank seiner reichlichen Ölreserven, die für 100 Tage reichen, und des Zugangs zu russischem und iranischem Öl zu überstehen, sondern seine jahrzehntelangen Investitionen in erneuerbare Energien zahlen sich nun bereits innerhalb weniger Monate aus.
„China wurde früher dafür kritisiert, 1.200 GW an Solar- und Windkraftkapazität aufgebaut zu haben – was als übertrieben und unnötig verspottet wurde. Aber jetzt ist das die perfekte Absicherung gegen Schocks in der Strasse von Hormus. „Die in den letzten zehn Jahren vorausschauend getätigten Investitionen wirken wie ein Stossdämpfer“, sagt Pérez.
Ein weiterer Vorteil für China ist, dass das Land über einen schnell wachsenden und hoch entwickelten Markt für Elektrofahrzeuge verfügt, auf den 65% des weltweiten Absatzes entfallen.
„Ein Ölpreis von 100 US-Dollar ist die beste Werbung für Elektrofahrzeuge“, sagt Pérez. „Nichts beschleunigt die Einführung eines alternativen Kraftstoffs mehr als ein anhaltender Ölpreisschock. Das ist die wirkungsvollste Marketingkampagne, die die weltweite Elektrofahrzeugbranche jemals erhalten hat – und zwar kostenlos.“
In China ist der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Neuwagenverkäufen in diesem Jahr auf 62% gestiegen (2025: 52%), und die Exporte von BYD, Geely-Zeekr, Xpeng, Nio und Chery haben sich im April 2026 gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt.
Auch im Bereich Batteriespeicher ist China führend. Das Land hat kürzlich einen Dreijahresplan vorgestellt, der den Aufbau einer Kapazität von 180 GWh bis 2027 vorsieht. Dabei sollen Lithium-Ionen-Systeme zum Einsatz kommen, um Erzeugung und Verbrauch in Übereinstimmung zu bringen, Energie zu speichern und Systemdienstleistungen zu erbringen.
Auf chinesische Batteriehersteller, darunter CATL, BYD und Eve Energy, entfallen 70% des weltweiten Angebots an Batteriezellen. Doch nicht nur China macht Fortschritte im Bereich der Batterietechnologie, sondern die gesamte Region.
Japan, Korea und andere Länder bauen ihre Batteriekapazitäten aus, und dank ihrer Bemühungen wird der Asien-Pazifik-Raum im Jahr 2026 70% des weltweiten Marktes für Batterieenergie-Speichersysteme (BESS) ausmachen.
Laut Pérez wird die Ölkrise dazu beitragen, ein ehrgeiziges Projekt zur Vernetzung der Stromnetze der ASEAN-Länder bis zum Jahr 2045 voranzutreiben, wodurch der grenzüberschreitende Stromhandel ermöglicht, der Anteil erneuerbarer Energien erhöht und die Energiesicherheit in dieser schnell wachsenden Region verbessert wird.
So treibe Singapur beispielsweise seinen Plan voran, erneuerbare Wasserkraft aus Laos über grenzüberschreitende HGÜ-Verbindungsleitungen (Hochspannungs-Gleichstrom) zu beziehen, und prüfe gleichzeitig den Zugang zu Offshore-Windenergie aus Vietnam über ein Unterseekabel.
„Der Asien-Pazifik-Raum liefert den Beweis, dass die Energiewende machbar ist“, sagt Pérez.
„Energiesicherheit ist heute gleichbedeutend mit nationaler Sicherheit. Für den Asien-Pazifik-Raum sollte die Abhängigkeit vom Nahen Osten, der sehr unbeständig ist, keine Option mehr sein – alle setzen zunehmend auf erneuerbare Energien und Batteriespeicher. Der Krieg wird die Energieunabhängigkeit dieser Region in den nächsten zehn Jahren forcieren.“
Von Yi Shi, Client Portfolio Manager und Impact-Spezialist, Pictet Asset Management
Der Iran-Krieg hat die geopolitischen und wirtschaftlichen Risiken der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen deutlich gemacht und viele dazu veranlasst, ihre langfristigen Energiestrategien zu überdenken. Erneuerbare Energien bieten Energieunabhängigkeit zu geringeren Kosten und sind damit die naheliegende Wahl für Regierungen, Unternehmen und Investoren.
Investoren können von den attraktiven Chancen der Energiewende profitieren, indem sie das Rückgrat des Stromnetzes finanzieren, das eine elektrifizierte Wirtschaft am Laufen hält. Die Clean Energy Transition Strategie von Pictet zielt auf langfristige Wachstumschancen ab, indem sie in führende, innovative Unternehmen in der gesamten Wertschöpfungskette für saubere Energie investiert, darunter Stromerzeugung, Elektrifizierungslösungen, fortschrittliche Werkstoffe, Leistungshalbleiter, umweltfreundliche Gebäude und Modernisierung der Stromnetze.
Diese Strategie ist hinsichtlich Sektoren, Branchen, Regionen und
Marktkapitalisierungen nicht beschränkt und bietet Investoren somit
Diversifizierung durch ein High-Conviction-Portfolio.
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