Schlechte Stimmung, hohe Energiepreise und zu viel Bürokratie: Deutschland steht wirtschaftlich unter Druck. Dennoch hält Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha, den Standort für unterschätzt. Auf dem Lupus alpha Investmentfokus 2027 in der Frankfurter Alten Oper begründete er seinen Optimismus mit der industriellen Substanz des Landes – und forderte von der Politik mehr Tempo bei Investitionen, Energie, Bürokratieabbau, Digitalisierung und Altersvorsorge.
05.11.2026 | 12:10 Uhr von «Jörn Kränicke»
Deutschland schlechtzureden, ist derzeit leicht. Die Wirtschaft stagniert, Unternehmen klagen über hohe Kosten und immer neue Vorschriften, während marode Infrastruktur und politische Unsicherheit die Stimmung belasten. Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha, hält dagegen. Seine Botschaft bei der Eröffnung des Lupus alpha Investmentfokus 2027 in der Frankfurter Alten Oper: „Wenn Deutschland eine Aktie wäre, ich würde sie kaufen.“
Der Vergleich mit dem Aktienmarkt ist bewusst gewählt. Schließlich komme es bei einer Anlageentscheidung nicht allein darauf an, wie sich ein Wert gerade entwickle. Entscheidend seien auch die Substanz und das langfristige Potenzial. Genau darin liege Deutschlands Stärke, argumentierte Lochmüller. Das Land werde derzeit deutlich schlechter wahrgenommen, als es seine wirtschaftlichen Voraussetzungen rechtfertigten.
Als Beleg führte er unter anderem die industrielle Basis an. Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung liege in Deutschland bei rund 20 Prozent und damit deutlich höher als in Frankreich mit etwa zehn Prozent. Hinzu kämen eine ausgeprägte Innovationskraft, eine starke Patentaktivität und mehr als 1.600 sogenannte Hidden Champions – Unternehmen, die in ihren jeweiligen Nischen zu den Weltmarktführern zählen.
Auch die Attraktivität des Standorts für ausländische Investoren spreche aus seiner Sicht eine andere Sprache als die verbreitete Krisenstimmung. Lochmüller verwies auf das gestiegene Volumen ausländischer Unternehmensübernahmen in Deutschland sowie auf das Investitionspotenzial, das die Initiative „Made for Germany“ identifiziert habe. Investoren kämen schließlich nicht allein aus Sympathie, sondern weil sie wirtschaftliche Chancen und Substanz sähen.
Dass Lochmüller die Probleme des Standorts keineswegs kleinredet, machte er ebenfalls deutlich. Seit 2019 sei die deutsche Wirtschaftsleistung real kaum gewachsen. Wäre die Volkswirtschaft auf ihrem früheren Wachstumspfad geblieben, läge das Bruttoinlandsprodukt heute rund zehn Prozent höher. Das entspreche einer Differenz von etwa 450 Milliarden Euro.
Diese Lücke zwischen wirtschaftlicher Substanz und tatsächlich ausgeschöpftem Potenzial zeige sich im Alltag. Unternehmer und Investoren beklagten hohe Steuern, Energiekosten und bürokratische Belastungen. Hinzu kämen ein unflexibler Arbeitsmarkt, Defizite bei der Infrastruktur und Probleme im Bildungswesen. Die Folge sei ein ausgeprägter Pessimismus, der Investitionen zusätzlich erschwere.
Dennoch sieht der Lupus-alpha-Chef erste Anzeichen einer Veränderung. Die Konjunktur erhole sich allmählich, Forschungsinstitute hätten ihre Wachstumsprognosen angehoben. Auch die geplanten Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung könnten Impulse setzen. Für einen nachhaltigen Aufschwung reiche das allerdings nicht. Entscheidend sei, dass die politischen Vorhaben tatsächlich umgesetzt würden.
Lochmüller sieht fünf konkrete Handlungsfelder, in denen die Bundesregierung aus seiner Sicht vergleichsweise schnell Fortschritte erzielen könnte.
Erstens: Investitionen erleichtern. Mit dem Deutschlandfonds habe der Staat ein Instrument geschaffen, das privates Kapital mobilisieren und Investitionen anschieben solle. Rund 30 Milliarden Euro stünden dafür bereit. Zusammen mit privaten Mitteln sollten Investitionen von insgesamt etwa 130 Milliarden Euro ermöglicht werden. Bislang werde das Angebot von den Unternehmen jedoch nur zurückhaltend genutzt. Ein Grund dafür sei neben dem schwierigen Investitionsumfeld vor allem die Eigenkapitalausstattung vieler Unternehmen. Das entsprechende Förderprogramm für den Mittelstand solle erst Ende 2027 starten. Das sei zu spät, kritisierte Lochmüller. Die Eigenkapitalbausteine müssten vorgezogen werden, damit Unternehmen schneller investieren könnten.
Zweitens: Energiekosten senken. Bei den Strompreisen habe Deutschland im internationalen Wettbewerb einen erheblichen Nachteil. Lochmüller plädierte deshalb für eine Absenkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau für rund 600.000 Unternehmen sowie für Entlastungen durch einen Industriestrompreis. Auch langfristige Stromlieferverträge könnten helfen. Unternehmen erhielten dadurch mehr Planungssicherheit, wenn sie sich Strom über einen längeren Zeitraum zu festen Preisen direkt beim Erzeuger sichern könnten. Allerdings scheuten Anbieter häufig das Risiko eines Zahlungsausfalls. In anderen europäischen Ländern übernehme der Staat deshalb entsprechende Ausfallrisiken. Ein solches Modell könne auch in Deutschland helfen, ohne dass der Staat unmittelbar Rechnungen bezahlen müsse.
Drittens: Bürokratie abbauen. Hier sieht Lochmüller eine besonders große Diskrepanz zwischen politischen Ankündigungen und dem Alltag der Unternehmen. Als Unternehmer könne er die Entwicklung aus eigener Erfahrung beurteilen: Der Aufwand für Regulierung und Bürokratie sei seit der Gründung von Lupus alpha erheblich gestiegen. Das belaste insbesondere den Mittelstand, erschwere Neugründungen und binde Personal, das an anderer Stelle produktiver eingesetzt werden könnte. Das ifo-Institut beziffere die jährlichen Bürokratiekosten auf rund 146 Milliarden Euro. Lochmüller begrüßte zwar geplante Erleichterungen bei Genehmigungsverfahren. So solle ab 2027 bei bestimmten Entscheidungen von Bundesbehörden eine Genehmigung als erteilt gelten, wenn innerhalb von vier Monaten keine Entscheidung falle. Für einen grundlegenden Wandel brauche es aber mehr: Er forderte ein konsequentes „One-in-two-out“-Prinzip. Für jede neue Vorschrift sollten zwei bestehende Regelungen entfallen.
Viertens: Digitale Souveränität stärken. Europa müsse unabhängiger von den großen Technologiekonzernen aus den USA werden. Dafür seien Investitionen in eigene digitale Infrastruktur notwendig. Lochmüller verwies auf die geplanten europäischen KI-Gigafabriken und den Ausbau von Rechenzentren. Deutschland könne davon profitieren. Allerdings dürften Genehmigungsverfahren und fehlende Netzanschlüsse den Aufbau nicht ausbremsen. Sein Vorschlag: Gigafabriken und Rechenzentren sollten als Projekte von überragendem öffentlichem Interesse eingestuft werden. Das würde Verfahren beschleunigen und den Ausbau der digitalen Infrastruktur erleichtern.
Fünftens: Die Altersvorsorge kapitalgedeckt ausbauen. Ein weiteres wichtiges Anliegen Lochmüllers ist die Reform der Altersvorsorge. Eine intelligente Kombination aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge könne nach seiner Einschätzung jährlich bis zu 90 Milliarden Euro an Kapitalströmen auslösen. In der gesetzlichen Rente solle laut den Vorschlägen der Rentenkommission eine kapitalgedeckte Komponente die Umlagefinanzierung ergänzen. Bei der privaten Vorsorge komme nun endlich die flexible, kostengünstige Lösung mit höheren Aktienquoten durch das Altersvorsorgedepot, damit Sparer langfristig stärker vom Kapitalmarkt und dem Zinseszinseffekt profitieren können. Noch Nachholbedarf sieht er bei der betrieblichen Altersversorgung: Bislang hätten lediglich 52 Prozent der Beschäftigten einen entsprechenden Anspruch. Um die Verbreitung zu erhöhen, müsse die betriebliche Vorsorge verpflichtend werden. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen seien dafür einfache und praktikable Lösungen erforderlich.
Die fünf Vorschläge zeigen aus Lochmüllers Sicht, dass Deutschland nicht bei null anfangen müsse. Viele der notwendigen Maßnahmen seien bereits angestoßen oder lägen zumindest auf dem Tisch. Was fehle, sei vor allem die Geschwindigkeit bei der Umsetzung. Es brauche deshalb eine mentale Wende – in der Politik ebenso wie in Wirtschaft und Gesellschaft. Sichtbare Fortschritte könnten die Stimmung schnell verändern: wenn Genehmigungen innerhalb von Wochen statt Jahren erteilt würden, Unternehmen verlässlicher mit ihren Energiekosten kalkulieren könnten und Investitionen tatsächlich in Gang kämen.
Sein Fazit fiel entsprechend deutlich aus: Die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland sei schwach, die Substanz des Landes aber nicht. Deutschland werde derzeit unter Wert gehandelt. Für Investoren, die nicht nur auf die aktuelle Lage, sondern auch auf die langfristigen Perspektiven blickten, könne gerade darin eine Chance liegen.
Diesen Beitrag teilen: