Während sich viele Investoren auf wenige KI-Gewinner konzentrieren, eröffnen ASEAN-Staaten, Japan und Korea attraktive Chancen abseits der großen Technologiewerte. Joshua Crabb, Head of Asia Pacific Equities und Lead Portfolio Manager bei Robeco, erläutert, warum die Bewertungsunterschiede in Asien weiterhin Potenzial bieten und welche langfristigen Trends die Region antreiben.
02.11.2026 | 09:50 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM FundResearch: Asien hat sich im Jahr 2026 trotz des Energieschocks deutlich besser entwickelt als die USA und Europa. Wie viel Aufwärtspotenzial sehen Sie nach dieser starken Performance noch?
Joshua Crabb: 2025 markierte das Ende einer rund 15-jährigen Phase, in der US-Aktien die globalen Märkte dominierten. Aus unserer Sicht steht die Umkehr dieses Trends jedoch noch am Anfang.
Die Bewertungen im asiatisch-pazifischen Raum bleiben attraktiv. Der starke Gewinnzyklus hat dazu geführt, dass die Kurs-Gewinn-Verhältnisse trotz der guten Marktentwicklung vergleichsweise niedrig geblieben sind. Für langfristig orientierte Investoren eröffnet dies die Möglichkeit, ihr Engagement in der Region auszubauen.
Kurzfristig wird die Risikobereitschaft allerdings durch mehrere Faktoren belastet: den anhaltenden Energieschock, weltweit steigende Anleiherenditen sowie die aktuelle Stärke des US-Dollars.
Grafik 1: Positive Gewinnrevisionen im asiatisch-pazifischen Raum

Quelle:Die Daten stammen aus Bloomberg BQL und umfassen Vergleiche zwischen den tatsächlichen Ergebnissen pro Aktie (EPS) und den Konsensschätzungen für wichtige Indizes im asiatisch-pazifischen Raum (APAC). Hier sind die wesentlichen Datenparameter: Berichtszeitraum: Quartal mit Abschluss zum 30. Juni 2026. Stichtag: 29. September 2026.
Sie haben auf einen Rekord-Bewertungsabschlag für asiatische Aktien im Vergleich zu den USA hingewiesen. In welchen Märkten ist dieser Abschlag Ihrer Meinung nach durch die Fundamentaldaten am wenigsten gerechtfertigt?
Japan und Korea galten lange als Märkte, die aufgrund von Corporate-Governance-Themen und einer vergleichsweise geringen Berücksichtigung von Aktionärsinteressen dauerhaft mit einem Bewertungsabschlag gehandelt werden sollten.
Die umfassenden Reformen der vergangenen fünf Jahre haben jedoch in beiden Bereichen deutliche Fortschritte gebracht. Entsprechend hat sich dieser Abschlag bereits reduziert und dürfte sich aus unserer Sicht weiter verringern.
KI ist in Asien zu einem zentralen Anlagethema geworden. Abgesehen von Halbleitern: Wo sehen Sie die nächste Welle von Nutznießern?
Ähnlich wie das Internet um die Jahrtausendwende wird KI weit über den Technologiesektor hinaus Auswirkungen haben. Das Anlagethema hat sich bereits von GPUs, Halbleiterfertigung und Speicherlösungen auf Server, Rack-Systeme, optische Netzwerktechnik, Leiterplatten, Kabel und Steckverbinder, Stromversorgungskomponenten, Transformatoren, Flüssigkeitskühlung und entsprechende Vorprodukte ausgeweitet.
Die nächste Entwicklungsstufe dürfte die physische KI sein, von der Asien aufgrund der hohen Hardware-Intensität besonders profitieren könnte.
Noch größer könnte jedoch das Potenzial bei Unternehmen sein, die KI nutzen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder ihre Kostenstrukturen nachhaltig zu verbessern. Da neue Technologien in Asien traditionell sehr schnell adaptiert werden, suchen wir gezielt nach Unternehmen, die KI erfolgreich in ihre Prozesse integrieren und daraus Wettbewerbsvorteile erzielen.
Wie groß ist das Risiko, dass das KI-Thema auch in Asien zu überhöhten Bewertungen und neuen Konzentrationsrisiken führt?
Teilweise beobachten wir diese Entwicklung bereits. Ein wesentlicher Unterschied zu den USA besteht jedoch darin, dass viele Bewertungen in Asien weiterhin keineswegs überzogen sind. Koreanische Speicherhersteller wurden beispielsweise Ende September lediglich mit etwa dem Fünffachen der erwarteten Gewinne bewertet.
Gleichzeitig waren KI und IT in den vergangenen Jahren die mit Abstand stärksten Sektoren. Anleger haben dies erkannt. Irgendwann wird sich dieser Zyklus jedoch drehen.
Vor diesem Hintergrund sind wir im IT-Sektor derzeit neutral positioniert und konzentrieren uns stärker auf die Alpha-Komponente. Die starke Fokussierung vieler Investoren auf KI eröffnet inzwischen in zahlreichen anderen Bereichen attraktive Alpha-Chancen.
Japan und Korea versuchen, ihre Bewertungslücken durch Reformen der Unternehmensführung und höhere Ausschüttungen an die Aktionäre zu schließen. Wo haben Sie bislang die überzeugenderen Fortschritte gesehen?
Wir betrachten beide Märkte als überzeugende Beispiele und sehen die Reformen als wichtige Unterstützung für die jeweiligen Aktienmärkte.
Letztlich zeigen sich die Auswirkungen jedoch auf Unternehmensebene. Mit einer zunehmenden Diversifizierung weg von reinen Technologieinvestments rücken Themen wie höhere Dividenden, Aktienrückkäufe und eine stärkere Kapitaldisziplin stärker in den Fokus.
In Japan ist diese Entwicklung bereits sichtbar. Die Rekordwerte bei Aktienrückkäufen im Jahr 2026 sind ein deutliches Zeichen dafür. In Korea konzentrieren sich internationale Investoren häufig auf die bekannten Technologiekonzerne. Wir betrachten dagegen das gesamte Anlageuniversum, einschließlich Bereichen wie Elektrokomponenten, Verteidigung und Kosmetik.
Indien bietet enormes strukturelles Wachstum, doch die Bewertungen sind anspruchsvoll. Wie vermeiden Sie es, zu viel für Wachstum zu bezahlen?
Vor zwei Jahren stellte Indien unsere größte Untergewichtung dar. Damals lagen Bewertungsprämien, Investorenpositionierungen und Gewinnerwartungen auf Höchstständen.
Indien bleibt eine hervorragende langfristige Wachstums- und Transformationsgeschichte. Gleichzeitig ist es entscheidend, bei der Bewertung diszipliniert zu bleiben.
Die relativen Bewertungen haben sich inzwischen etwas normalisiert, sind aber nach wie vor nicht günstig. Gleichzeitig sind viele internationale Investoren derzeit untergewichtet, während die Gewinnerwartungen zurückgegangen sind.
Zusätzliche Impulse ergeben sich durch die Senkung der GST sowie durch Handelsabkommen mit der EU und möglicherweise auch mit den USA. Dadurch entstehen heute wieder attraktive Einzeltitelchancen, die auf dem Höhepunkt der Bewertungseuphorie kaum zu finden waren.
Die ASEAN-Staaten profitieren vom „China-plus-eins“-Trend. Welche Länder sehen Sie als die größten langfristigen Nutznießer der Verlagerung globaler Lieferketten?
Die offensichtlichsten Nutznießer sind Indonesien und Vietnam, grundsätzlich dürfte jedoch die gesamte Region von diesem Trend profitieren.
Sowohl Indonesien als auch Vietnam verfügen über ähnliche strukturelle Voraussetzungen wie Indien: eine günstige demografische Entwicklung und Regierungen, die den wirtschaftlichen Wandel aktiv vorantreiben. Gleichzeitig werden die Märkte im Vergleich zu Indien auf deutlich niedrigeren Bewertungsniveaus gehandelt.
Beide Länder verfügen über erhebliches Potenzial in den Bereichen Infrastruktur, ausländische Direktinvestitionen und Konsum. Zudem besitzen sie die wirtschaftliche und strategische Relevanz, um von der geopolitischen Rivalität zwischen den USA und China auf beiden Seiten zu profitieren.
Indonesien bringt darüber hinaus einen wichtigen Rohstoffreichtum mit, während Vietnam in bemerkenswert kurzer Zeit einen äußerst leistungsfähigen Exportsektor aufgebaut hat.
China hat sich im Jahr 2025 überraschend gut entwickelt. Was müsste geschehen, damit Sie Ihre Allokation in China strategisch – und nicht nur taktisch – erhöhen würden?
Ende 2023 erschienen chinesische Aktien sehr günstig bewertet, gleichzeitig galt der Markt aus Sicht vieler Investoren als kaum investierbar. Bis Ende 2025 hatten die Bewertungen deutlich angezogen, begleitet von Diskussionen über den sogenannten „DeepSeek-Moment“ und dessen Bedeutung für den chinesischen Technologiesektor. Trotz dieser positiven Entwicklung bestanden weiterhin erhebliche strukturelle Herausforderungen, insbesondere im Immobiliensektor, weshalb wir China untergewichtet hielten.
Inzwischen sind die Bewertungen wieder zurückgekommen, und wir nutzen dies für selektive Positionsaufstockungen. Für eine strategisch höhere Allokation würden wir jedoch eine breiter angelegte Erholung der Binnenwirtschaft sehen wollen. Derzeit wird das Wachstum vor allem durch den Exportsektor getragen. Sollte die Inlandsnachfrage spürbar an Dynamik gewinnen, wäre das für uns ein wichtiger Grund, China wieder stärker in den Fokus zu rücken.
Darüber hinaus bleibt die Performance-Streuung innerhalb dieser großen und äußerst heterogenen Region erheblich. Genau darin sehen wir weiterhin attraktive Chancen für aktive Manager.
Grafik 2: Performance-Streuung an den Märkten im asiatisch-pazifischen Raum seit 2018

Quelle: MSCI China, MSCI India, MSCI Japan, MSCI Korea, MSCI Taiwan, MSCI Australia und MSCI AC ASEAN. Bruttogesamtrenditen des Kalenderjahres in US-Dollar. Stand: 31. Juli 2026. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Der Wert Ihrer Anlagen kann schwanken.
Eine anhaltende Phase hoher Ölpreise wäre für viele asiatische Volkswirtschaften problematisch. Welche Märkte und Sektoren wären besonders betroffen, und welche könnten sogar davon profitieren?
Die Auswirkungen steigender Ölpreise fallen heute deutlich weniger stark aus als in früheren Krisenphasen. Das liegt unter anderem daran, dass sowohl die Energiekosten gemessen am BIP als auch die Ölintensität vieler Volkswirtschaften in der Region über die Jahre gesunken sind. Der technologische Fortschritt sowie die fortschreitende Energiewende haben die Abhängigkeit vom Öl reduziert.
Hinzu kommt, dass Länder wie China und Indien ihre Energieimporte zunehmend diversifizieren und nicht mehr in gleichem Maße vom Nahen Osten abhängig sind. Dadurch konnten sich die Lieferketten in Asien besser auf höhere Preise für Raffinerieprodukte und Erdgas einstellen.
Am stärksten betroffen bleibt Indien. Aufgrund der hohen Importabhängigkeit, der nach wie vor vergleichsweise hohen Energieintensität und der Fiskalsituation ist die Volkswirtschaft sensibler gegenüber steigenden Ölpreisen. Allerdings hat diese Verwundbarkeit in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Selbst bei einem Ölpreis von 100 US-Dollar wächst die indische Wirtschaft heute weiterhin robust, während ein vergleichbares Preisniveau früher deutlich größere Probleme verursacht hätte.
Zu den potenziellen Profiteuren zählen dagegen Australien, Malaysia und Indonesien. Diese Länder verfügen über bedeutende Öl- und Gasressourcen und können von höheren Energiepreisen entsprechend profitieren.
Die Unterschiede zwischen den einzelnen asiatischen Aktienmärkten sind erheblich. Wo sehen Sie derzeit die besten Chancen, durch aktive Aktienauswahl ein Alpha gegenüber dem Index zu erzielen?
Aktuell sehen wir besonders attraktive Chancen in den ASEAN-Staaten. Diese Märkte haben bislang deutlich weniger vom KI-getriebenen Technologieboom profitiert. Angesichts der niedrigen Bewertungen und des vergleichsweise geringen Anlegerinteresses ist das nachvollziehbar, da viele Investoren derzeit den nordasiatischen Technologiesektor bevorzugen.
Langfristig bieten die ASEAN-Länder jedoch interessante Perspektiven. Die schnelle Einführung neuer Technologien trifft dort auf günstige demografische Entwicklungen und solide strukturelle Wachstumstreiber.
Auch in Märkten wie Korea, die 2025 und 2026 stark im Fokus standen, konzentrieren sich internationale Anleger häufig auf einige wenige bekannte Technologiewerte. Unser Ansatz ist breiter angelegt. Wir betrachten das gesamte Anlageuniversum und identifizieren Chancen auch in Bereichen wie elektronischen Komponenten, Verteidigung oder Kosmetik. Gerade dort sehen wir heute attraktive Möglichkeiten, zusätzliches Alpha zu generieren.
Welche Anlagethese in Ihrem Portfolio weicht derzeit am stärksten vom Marktkonsens ab, und warum sind Sie davon überzeugt, dass der Markt falsch liegt?
Der Marktdiskurs wird derzeit nahezu vollständig von Künstlicher Intelligenz dominiert. Die Debatte bewegt sich häufig zwischen zwei Extremen: Entweder werden Kursrückgänge als Kaufchance interpretiert und das KI-Thema bleibt uneingeschränkt attraktiv, oder man spricht von einer platzenden Blase.
Wir halten diese Sichtweise für zu stark vereinfacht. Für beide Argumentationslinien gibt es nachvollziehbare Gründe, und zudem sind längst nicht alle KI-bezogenen Unternehmen überbewertet.
Die aus unserer Sicht wichtigere Frage lautet: Wie viel Risikokapital möchte man angesichts der gestiegenen Volatilität und der enorm gewachsenen Marktkapitalisierung diesem Thema tatsächlich zuweisen? Unsere Positionierung ist derzeit neutral.
Unser Fokus liegt klar auf der Alpha-Generierung und weniger auf Beta-Exposure. Dieser Ansatz funktionierte besonders gut, solange die Technologiebranche die nahezu einzige Quelle signifikanter Outperformance war. Inzwischen erscheint es uns sinnvoll, verstärkt nach neuen Alpha-Quellen in Bereichen zu suchen, die derzeit deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Wenn Sie nur drei strukturelle Anlagethemen in Asien für die nächsten drei bis fünf Jahre auswählen müssten, welche wären das und warum?
Erstens: ASEAN mit Fokus auf Vietnam und Indonesien.
Diese Märkte bieten attraktive Bewertungen, starke langfristige
Wachstumsperspektiven und sind vergleichsweise unabhängig von den großen
geopolitischen Konfliktlinien. Aus unserer Sicht ergibt sich daraus ein
interessantes Chance-Risiko-Profil.
Zweitens: Diversifizierung und Resilienz globaler
Lieferketten.
Die Neuordnung von Lieferketten steigert nicht zwangsläufig die Effizienz.
Dennoch verfolgen viele Staaten dieses Ziel aus Gründen der wirtschaftlichen
und strategischen Widerstandsfähigkeit. Dieser langfristige Trend eröffnet
zahlreiche Möglichkeiten für aktive Investoren, Alpha zu generieren.
Drittens: Elektrifizierung und Digitalisierung.
Getrieben von Klimazielen, Energiesicherheit, alternder Infrastruktur und dem
steigenden Energiebedarf neuer Technologien wie KI bleibt dieses Thema auf
Jahre hinaus relevant. Es umfasst Bereiche wie Transport, Energiespeicherung,
Stromnetze und Infrastruktur.
Ein aktuelles Beispiel ist die Vereinbarung von Google mit DTE Energy über eine langfristige Stromversorgung. Sie verdeutlicht, wie Energieinfrastruktur zunehmend zu einem zentralen Investitionsthema für private und öffentliche Akteure wird. Auch wenn das konkrete Projekt in den USA angesiedelt ist, wird es in erheblichem Umfang auf Technologien zurückgreifen, die in Asien entwickelt und produziert werden. Das unterstreicht die strategische Bedeutung der Region für diesen langfristigen Trend.
Mehr über die Robeco Asia-Pacific Equities Strategie erfahren Sie hier.
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