Die Dekarbonisierung der DAX-Konzerne kommt kaum noch voran. Zwar halten viele Unternehmen an ambitionierten Klimazielen fest und verankern Klimakriterien in der Vorstandsvergütung. Doch bei der tatsächlichen Reduktion der CO₂-Emissionen und der Transparenz zeigen sich deutliche Schwächen. Das zeigt die vierte Klimastudie von Union Investment. GEA liegt erneut an der Spitze, während neun Konzerne als Nachzügler gelten.
06.11.2026 | 11:00 Uhr
Der deutsche Leitindex kommt bei der Dekarbonisierung nicht voran. Zwar bekennen sich zahlreiche DAX-Konzerne weiterhin zu ambitionierten Klimazielen, doch bei der Umsetzung hapert es. Vor allem die tatsächlichen CO₂-Einsparungen bleiben hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig lässt die Transparenz in der Klimaberichterstattung nach. Zu diesem Ergebnis kommt die vierte Klimastudie von Union Investment, für die der Fondsanbieter die 40 DAX-Unternehmen anhand ihrer Klimastrategien und Fortschritte untersucht hat.
„Der DAX ist in Sachen Klima stehen geblieben“, sagt Dr. Henrik Pontzen, Chief Sustainability Officer bei Union Investment. Um die Klimaziele zu erreichen, brauche es mehr politischen Druck und vor allem konkrete wirtschaftliche Anreize. Aus Investorensicht sei es keine Option, dass Unternehmen beim Klimaschutz in eine Art Apathie verfielen.
Wie bereits im Vorjahr führt GEA das Ranking an und erreicht erneut die volle Punktzahl. Dahinter folgen SAP, Mercedes-Benz, Deutsche Telekom, Merck KGaA, Vonovia, Beiersdorf und BMW. Insgesamt acht Unternehmen stuft Union Investment damit als Klima-Vorreiter ein. Besonders bemerkenswert: SAP und Vonovia haben sich gegenüber der Vorjahresstudie deutlich verbessert und gehören nun zur Spitzengruppe. GEA und Deutsche Telekom konnten ihre bereits sehr guten Ergebnisse bestätigen. Auch im Mittelfeld gibt es positive Entwicklungen. Heidelberg Materials, Daimler Truck und Deutsche Bank verbesserten ihre Gesamtbewertungen deutlich.
Auf der anderen Seite identifiziert die Studie neun DAX-Konzerne als Klima-Nachzügler. Das Schlusslicht bildet Hannover Rück. Dem Rückversicherer bescheinigt Union Investment zwar gute Klimaanreize in der Vorstandsvergütung, sieht aber erhebliche Defizite bei der Transparenz und den Klimazielen. Schwach schneiden außerdem Rheinmetall, Siemens Energy, Airbus und Commerzbank ab. MTU und Scout24 konnten ihre Bewertungen zwar verbessern, bleiben aber ebenfalls in der Gruppe der Nachzügler. Besonders deutlich fiel die Deutsche Börse zurück: Sie rutschte vom Klima-Vorreiter des Vorjahres in die Schlussgruppe. Ausschlaggebend waren schwächere Ergebnisse bei den Kriterien Anreiz und Emissionsreduktion.
Ein besonderes Augenmerk legt die Studie auf die Transparenz der Klimaberichterstattung. Hier hat sich die Lage gegenüber dem Vorjahr deutlich verschlechtert. Nur noch neun DAX-Unternehmen erzielen eine gute oder sehr gute Bewertung. 2025 waren es noch 21. Lediglich BMW, Siemens Energy und Infineon konnten sich verbessern. Bei 16 Unternehmen ging die Bewertung dagegen zurück. Für Investoren ist das ein problematisches Signal. Denn ohne nachvollziehbare Angaben zu Klimarisiken, Emissionsentwicklungen und Fortschritten bei der Dekarbonisierung lässt sich kaum beurteilen, ob Unternehmen ihre selbst gesteckten Ziele tatsächlich erreichen können. „Klimatransparenz ist kein Selbstzweck – sie stärkt das Investorenvertrauen“, betont Johannes Kreim, ESG-Analyst bei Union Investment. Unternehmen müssten Klimarisiken klar quantifizieren und ihre Fortschritte bei der Dekarbonisierung messbar machen.
Weniger kritisch fällt die Bewertung der Klimaziele aus. Insgesamt 13 DAX-Konzerne haben nach Einschätzung von Union Investment Ziele definiert, die über sämtliche Emissionsbereiche hinweg den zeitlichen Vorgaben des deutschen Klimaschutzgesetzes entsprechen. Dazu gehören auch Zwischenziele für die sogenannten Scope-3-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette. Weitere 17 Unternehmen erfüllen mit ihren Klimaneutralitätszielen die EU-Vorgaben und verfügen ebenfalls über entsprechende Scope-3-Zwischenziele. Allerdings gibt es auch hier Ausreißer. Rheinmetall hat bislang keine Scope-3-Ziele definiert. Continental erreicht bei den Klimazielen lediglich einen Punkt, Hannover Rück sogar null Punkte. Beim Rückversicherer fehlen im aktuellen Geschäftsbericht konkrete Reduktionsziele, die im Vorjahr noch vorhanden waren.
Ein vergleichsweise positives Bild ergibt sich bei den Anreizen für das Management. 24 der 40 DAX-Unternehmen – also 60 Prozent – erhalten bei diesem Kriterium die volle Punktzahl. Bei ihnen sind Klimaziele in der Vorstandsvergütung verankert. Besonders positiv bewertet Union Investment die Vergütungsmodelle von GEA, Daimler Truck, RWE und Heidelberg Materials. Bei diesen Unternehmen stehen die finanziellen Anreize auch in einem angemessenen Verhältnis zur jeweiligen Emissionsintensität des Geschäfts. Es gibt jedoch Nachzügler: Bei Scout24 und der Deutschen Börse enthält die Vergütung der Vorstandsvorsitzenden keine variablen Komponenten mit Klimabezug. Beide Unternehmen erhalten deshalb in dieser Kategorie null Punkte.

Das eigentliche Defizit der DAX-Unternehmen liegt jedoch bei der Entwicklung ihrer Emissionen. Nur sieben Konzerne reduzieren ihren CO₂-Ausstoß nach Einschätzung von Union Investment ausreichend. Neben GEA und Siemens gehören SAP, Mercedes-Benz, Merck KGaA und Daimler Truck zur Spitzengruppe. Besonders kritisch ist die Entwicklung bei den Scope-3-Emissionen. Bei der Hälfte der DAX-Konzerne sind diese gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Zudem haben Unternehmen mit ohnehin hohen absoluten Emissionen wie Siemens Energy, Volkswagen und Airbus ihren CO₂-Ausstoß weiter erhöht. Deutliche Zuwächse verzeichnet die Studie auch bei Symrise, Hochtief und Rheinmetall. Damit zeigt sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen den langfristigen Klimaversprechen und der tatsächlichen Entwicklung. „Klimaziele allein senken noch keine Emissionen“, sagt Jakob Haerle, ESG-Analyst bei Union Investment. Viele DAX-Konzerne hielten zwar an ihren Ambitionen fest, die tatsächlichen Einsparungen blieben jedoch häufig dahinter zurück.
Die Ergebnisse zeigen ein widersprüchliches Bild: Die grundsätzliche Bereitschaft der DAX-Unternehmen, sich Klimaziele zu setzen und entsprechende Anreize für das Management zu schaffen, ist weiterhin vorhanden. Doch bei der Umsetzung, der Transparenz und vor allem den tatsächlichen Emissionsminderungen fehlt es an Fortschritten. Für Investoren ist das mehr als eine Frage der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Der Klimawandel kann Geschäftsmodelle, Kostenstrukturen und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen langfristig beeinflussen. Wer seine Emissionen nicht ausreichend reduziert oder Klimarisiken nicht transparent macht, könnte deshalb auch wirtschaftlich unter Druck geraten. Pontzen sieht daher dringenden Handlungsbedarf: Die Folgen des Klimawandels würden zunehmend spürbar und kostspieliger – auch für Unternehmen. Der DAX müsse bei der Dekarbonisierung wieder mehr Dynamik und Durchhaltevermögen entwickeln. (jk)
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