Zinswende in den USA: Warum höhere Zinsen nicht nur Gegenwind bedeuten

Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group
Zinsen

Die US-Notenbank Fed hat bei ihrer jüngsten Sitzung den Leitzins unverändert bei 3,75 bis 4,00 Prozent belassen. Nach der vorangegangenen Zinserhöhung legt sie damit zunächst eine Pause ein. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass der Kampf gegen die Inflation noch nicht gewonnen ist und weitere Zinserhöhungen möglich bleiben.

03.11.2026 | 12:05 Uhr

Für Anleger bedeutet dies jedoch nicht zwangsläufig ein schwierigeres Marktumfeld, erklärt Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group. Die US-Wirtschaft habe sich bislang widerstandsfähig gezeigt. Zugleich könnten höhere Anleiherenditen sowie ein stärkerer Fokus auf Qualität und laufende Erträge neue Anlagechancen eröffnen.

Höhere Zinsen sind historisch keine Ausnahme
Nach Jahren außergewöhnlich niedriger Finanzierungskosten könne die aktuelle Entwicklung auch als Rückkehr zu normaleren Verhältnissen verstanden werden. Über längere historische Zeiträume seien deutlich höhere Renditeniveaus keineswegs ungewöhnlich gewesen. Auch die Fed zeichnet weiterhin ein positives Bild der US-Konjunktur. In ihrer jüngsten Stellungnahme verweist sie auf ein starkes Wirtschaftswachstum, robuste Konsumausgaben, steigende Produktivität und eine rege Investitionstätigkeit. Der Arbeitsmarkt zeige sich ebenfalls stabil. Zugleich bleibe die Inflation erhöht.

„Entscheidend ist deshalb, höhere Zinsen nicht isoliert zu betrachten“, sagt Tölsner. „Wenn Unternehmen investieren, Beschäftigung und Konsum stabil bleiben und die Produktivität steigt, kann eine Volkswirtschaft auch ein höheres Zinsniveau verkraften. Für Anleger stellt sich daher vor allem die Frage, welche Unternehmen und Anlageklassen für ein solches Umfeld gut aufgestellt sind.“ Weitere Zinserhöhungen seien durchaus denkbar. Capital Group rechnet mit drei bis vier zusätzlichen Schritten bis Ende 2027. Damit könnte der US-Leitzins von derzeit 3,75 bis 4,00 Prozent auf rund fünf Prozent steigen.

Aktien: Cashflows und Dividenden gewinnen an Bedeutung
Ein höheres Zinsniveau verändere auch die Anforderungen an Aktienanlagen. Besonders Unternehmen, deren Bewertung stark von weit in der Zukunft liegenden Gewinnerwartungen abhängt, könnten empfindlicher auf steigende Zinsen reagieren. Dagegen könnten Unternehmen mit gut planbaren Cashflows und geringer Abhängigkeit von Fremdkapital robuster aufgestellt sein. „Steigende Zinsen machen Fundamentaldaten wieder wichtiger“, erklärt Tölsner. „Unternehmen müssen stärker aus eigener Kraft überzeugen. Damit rücken solide Bilanzen, verlässliche Cashflows und die Fähigkeit, Aktionäre nachhaltig am Unternehmenserfolg zu beteiligen, stärker in den Vordergrund.“ Chancen sieht Tölsner unter anderem bei ausgewählten Unternehmen aus dem Gesundheitssektor, deren Geschäft vergleichsweise wenig vom Konjunkturzyklus abhängt und die sich teilweise weitgehend selbst finanzieren können.

Höhere Anleiherenditen schaffen einen Puffer
Auch für Anleiheinvestoren sei die Zinspause kein Signal für eine dauerhafte Entwarnung. Solange der Inflationsdruck hoch bleibe, müssten sie mit weiteren Zinsschritten rechnen. Selbst wenn die Fed die Zinsen stärker anhebe als derzeit von den Märkten erwartet, könnten die bereits höheren Renditen einen Teil möglicher Kursverluste abfedern. Sollte die Fed dagegen weniger stark straffen als eingepreist, könnte zusätzliches Kurspotenzial entstehen. „Für Anleiheinvestoren macht das heutige Renditeniveau einen wesentlichen Unterschied zu den Jahren extrem niedriger Zinsen“, sagt Tölsner. „Laufende Erträge können wieder einen spürbaren Beitrag zur Gesamtrendite leisten und zugleich einen gewissen Puffer gegen weitere Marktbewegungen bieten. Damit können Anleihen auch bei weiteren Zinserhöhungen eine wichtige Rolle im Portfolio spielen.“

Qualität und Widerstandsfähigkeit rücken in den Mittelpunkt
Die jüngste Einschätzung der Fed unterstreicht zudem, wie schwierig es bleibt, die Bremswirkung höherer Zinsen auf die US-Wirtschaft einzuschätzen. Trotz der bereits erfolgten Straffung der Geldpolitik wächst die Wirtschaft nach Einschätzung der Notenbank weiterhin kräftig. Ein möglicher Grund dafür sei der massive KI-Investitionszyklus: Der Ausbau von Rechenzentren und anderer Infrastruktur sorge für eine hohe Kapitalnachfrage und könne damit zu höheren Finanzierungskosten beitragen. Auch historisch seien Phasen hoher Investitionen häufig mit höheren Zinsen einhergegangen. „Für Anleger kommt es deshalb umso stärker auf die Auswahl an“, resümiert Tölsner. „Nicht jedes Unternehmen und nicht jede Anlageklasse reagiert gleich auf höhere Zinsen. Entscheidend sind Qualität, Widerstandsfähigkeit und laufende Erträge – sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen.“

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