
Die globale Konjunktur bewegt sich in einem Spannungsfeld aus geopolitischen Risiken, hohen Energiepreisen, geldpolitischer Unsicherheit und strukturellem Rückenwind durch künstliche Intelligenz.
30.06.2026 | 09:39 Uhr
Zu diesem Schluss kommt Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group. Für Anleger entstehe daraus ein Marktumfeld, das weder klar defensiv noch eindeutig risikofreudig zu beurteilen sei.
„Anleger sollten die aktuelle Lage nicht eindimensional betrachten“, sagt Tölsner. Die Weltwirtschaft werde einerseits durch den Krieg im Iran, mögliche Störungen der Energieversorgung und anhaltende Handelskonflikte belastet. Andererseits könne der starke Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz das Wachstum vor allem in den USA stärker stützen, als viele Marktteilnehmer derzeit erwarten.
Künstliche Intelligenz bleibt ein zentraler Treiber
Nach Einschätzung Tölsners sei künstliche Intelligenz einer der wichtigsten
Wachstumsmotoren der kommenden Jahre. Der Ausbau von Rechenzentren, digitaler
Infrastruktur und neuen Anwendungen führe bereits heute zu erheblichen
Investitionen. Gerade in den USA könne dieser Trend dazu beitragen, die
Konjunktur zu stabilisieren, selbst wenn andere Wirtschaftsbereiche an Dynamik
verlören.
Gleichzeitig sollten Anleger sorgfältig prüfen, welche Unternehmen tatsächlich langfristig von diesem Trend profitierten. Nicht jedes Geschäftsmodell, das mit künstlicher Intelligenz verbunden sei, werde automatisch nachhaltige Erträge liefern. „Künstliche Intelligenz ist ein starker Wachstumstreiber. Aber nachhaltiges Wachstum sollte nicht allein von einem Sektor abhängen“, so Tölsner.
Ölpreis als Belastungsfaktor
Der Krieg im Iran zeige, wie sensibel Märkte weiterhin auf Energiepreisrisiken
reagierten. Besonders relevant sei die Straße von Hormus, da eine Störung der
Transporte dort den Ölpreis deutlich erhöhen könnte. Höhere Energiepreise
würden Unternehmen belasten, die Kaufkraft der Verbraucher schwächen und den
Inflationsdruck wieder verstärken.
„Ölschocks können Märkte kurzfristig erheblich belasten. Entscheidend ist aber, ob daraus dauerhafte Lieferausfälle und eine breitere Inflationswelle entstehen“, sagt Tölsner. Historisch hätten Aktienmärkte geopolitische Schocks oft verarbeitet, sofern die Energieversorgung nicht dauerhaft beeinträchtigt worden sei. Für Anleger spreche dies dafür, kurzfristige Ausschläge als solche einzuordnen, ohne die Risiken zu unterschätzen.
Geldpolitik bleibt schwer berechenbar
Auch die Zinsaussichten seien aus Sicht Tölsners weniger eindeutig geworden.
Die amerikanische Notenbank müsse abwägen, ob sie stärker auf Inflationsrisiken
oder auf eine mögliche Wachstumsabkühlung reagiere. Steigende Energiepreise
könnten die Inflation erhöhen, während schwächere Nachfrage und ein
nachlassender Arbeitsmarkt für Zinssenkungen sprechen könnten.
„Die Fed bewegt sich in einem Umfeld, in dem jedes Signal von Inflation, Beschäftigung und Konsum neu gewichtet werden muss“, sagt Tölsner. Anleger sollten deshalb nicht nur auf einzelne Zinsentscheidungen achten, sondern auf die Frage, ob die Geldpolitik in den kommenden Monaten eher stabilisierend oder bremsend wirke.
Selektivität wird wichtiger
Für Portfolios bedeute dieses Umfeld, dass breite Streuung und
Qualitätsorientierung wichtiger würden. In Europa könnten höhere Energiepreise
und schwächeres Wachstum belasten, während fiskalische Impulse und höhere
Verteidigungsausgaben einzelne Bereiche stützen könnten. In Asien bleibe das
Bild gemischt, da China weiterhin unter strukturellen Herausforderungen leide
und Japan anfällig für höhere Energiekosten sei.
„In diesem Umfeld ist breite Streuung wichtiger als ein einzelnes Makroszenario“, fasst Tölsner zusammen. Anleger sollten Portfolios so ausrichten, dass sie kurzfristige Volatilität aushielten, aber langfristige Wachstumsquellen nicht verpassten. Entscheidend sei, Qualität von bloßer Markteuphorie zu unterscheiden.
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