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Round Table Politik & Finanzen: „Politik muss Blick auf Wachstumstreiber richten“

Die neue Bundesregierung ist mit dem Versprechen angetreten, frischen Wind in Politik und Wirtschaft zu bringen und verkrustete Strukturen aufzubrechen. Im TiAM Round Table diskutieren Investmentprofis, mit welchen Änderungen sie rechnen und was das für die Fondsbranche und Anleger mit sich bringt.

05.04.2022 | 06:50 Uhr von «Peter Gewalt, Alfons Niederländer»

TiAM: In Berlin ist eine neue Bundes­ regierung im Amt. Welche Bedeutung hat die Bundestagswahl für Kapitalmarkt und Investoren?

Philipp von Königsmarck, Legal & General Investment Management: Aus unserer Sicht ist die Bedeutung der Wahl marginal. Die neue Regierung verfolgt eine ähnliche Linie wie die alte. Mit anderen Worten, wir erwarten keine großen Änderungen, wie das etwa beim Wechsel von Obama zu Trump zu Biden oder von Hollande zu Macron der Fall war. Die Frage ist, ob die neue Regierung tatsächlich eine Bedeutung für einen international denkenden und handelnden Investor hat. Das wäre möglicherweise der Fall, wenn die Schuldenbremse verändert oder Deutschland eine viel stärkere Fiskalpolitik mit Blick auf Europa betreiben würde.

Matthias Mohr, Capital Group: Der Regierungswechsel fällt möglicherweise nicht so stark ins Gewicht wie in den USA oder Frankreich, aber es stehen einige interessante Dinge auf der Agenda. Stichwort Digitalisierung. Das wird einen starken Einfluss auf die Märkte und die Investoren haben. Die Erhöhung des Sparerpauschbetrags und der Einstieg in die kapitalgedeckte Rente werden unserer Meinung nach ebenfalls Impulse bringen.

TiAM: Beim Thema kapitalgedeckte Rente hake ich gleich mal nach. Was erhoffen Sie sich hier?

Mohr: Schauen Sie sich Schweden an. Dort ist man uns auf dem Weg in Richtung Aktienrente ein großes Stück voraus. Für Deutschland reden wir immerhin über Investitionen in Höhe von zehn Milliarden Euro. Das ist für den Kapitalmarkt und die Investoren auf jeden Fall interessant.

TiAM: Das klingt gut, aber auch sehr nüchtern. Eine echte Aufbruchstimmung sehen Sie nicht?

Walter Liebe, Pictet Asset Management: Um das zu beurteilen, ist es noch etwas zu früh. Dazu ist die neue Regierung schlicht noch nicht lange genug im Amt. Es ist Stabilität vorhanden, das ist schon mal gut, und es werden auch Schritte unternommen, um Deutschlands außenpolitischen Status in Sachen Nachhaltigkeit zu stärken. Alles in allem habe ich den Eindruck, dass im Gegensatz zur letzten Großen Koalition ein großer Veränderungswille vorhanden ist, strukturelle Versäumnisse aufzuholen. Das kann ein positiver Auslöser für das allgemeine Sentiment im Land sein.

Dominik Issler, Jupiter Asset Management: Einen wichtigen Punkt hat Herr Liebe gerade genannt, nämlich die starke klimapolitische Ausrichtung des Koalitionsvertrags. Das ist für uns etwas sehr Spannendes, weil es zeigt, dass der politische Wille zu einer grünen Transformation der Wirtschaft vorhanden ist. Das wird zusätzlich gestärkt durch die EU-Taxonomie aus Brüssel und bedeutet, dass uns Nachhaltigkeit auch in Zukunft als Megatrend begleiten wird. Und wir als Fondsmanager begrüßen diese Richtung. Jupiter hat bereits 2008 die Principles for Responsible Investment der Vereinten Nationen unterzeichnet und gehört zu den Mitbegründern des Carbon Disclosure Project 2000.

TiAM: Also doch kein Non­-Event?

Johannes Mayr, Eyb & Wallwitz: Die zeitliche Perspektive ist entscheidend. Dass eine solche Wahl kurzfristig keine Bewegung an den Märkten bringt, hat uns nicht weiter überrascht. Wichtig ist, dass der Koalitionsvertrag und die ersten konkreten Schritte erkennen lassen, dass die Politik die grundsätzlichen Wachstumstreiber in Deutschland wieder stärker in den Blick nimmt. Es geht vor allem darum, einen geeigneten Rahmen zu schaffen, in dem insbesondere die Investitionstätigkeit wieder anspringen kann. In den letzten Jahren waren private wie öffentliche Investitionen im internationalen Vergleich doch sehr unterdurchschnittlich. Es muss darum gehen, die Innovations- und Risikofreude zu stärken.

TiAM: Wie kann das konkret geschehen?

Mayr: Die skizzierten Projekte zur Energiewende und zur Digitalisierung sind sicherlich geeignet, das zu leisten. Allerdings, und hier komme ich auf die zeitliche Perspektive zurück, wird sich das erst mittel- bis langfristig auszahlen. Kurzfristig sollte man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Die fiskalpolitischen Fesseln, die die neue Regierung übernimmt, sind doch erheblich, der Haushalt ist wegen der Corona-Maßnahmen und der Weichenstellungen infolge des Russland-Ukraine-Konflikts ausgereizt, Ausgabensteigerungen sind nur begrenzt möglich. Es wird eher um Umschichtungen gehen müssen.

Christoph Schwarzmann, Bantleon: Aus der Vogelperspektive betrachtet fallen zwei Dinge auf. Zum einen gibt es tatsächlich eine gewisse Aufbruchstimmung. Unabhängig von der persönlichen und politischen Bewertung war Angela Merkel 16 Jahre im Amt und es war einfach an der Zeit, dass jetzt ein Wandel kommt. Zum anderen liegen die Herausforderungen aber auch klar auf der Hand. Wir haben zum ersten Mal ein Dreierbündnis...

TiAM: … was es wohl eher schwieriger macht, sich auf politische Entscheidungen zu verständigen…

Schwarzmann: … was aber an einigen Stellen im Koalitionsvertrag schon angelegt ist. Schauen Sie sich beispielsweise das Thema Rente an. Die SPD hat es geschafft, dass sich am Renteneintrittsalter nichts ändert, und für die FDP wurde die Möglichkeit geschaffen, ein Kapitalmarktprodukt für die gesetzliche Altersvorsorge einzuführen.

TiAM: Vor Kurzem wurde eine ehemalige Greenpeace-Aktivistin Klimabeauftragte im Außenministerium. Steht die neue Re­ gierung vor allem dafür? Für den grünen Aufbruch?

Schwarzmann: Was man im Koalitionsvertrag lesen und in der Öffentlichkeit beobachten kann, scheint genau das zu sein: Klimapolitik, Energiewende. Nun ist das kein neues Thema. Die CDU hat vor Jahren den Atomausstieg beschlossen, aber mit den Grünen in der Regierung kommt nochmal eine ganz neue Dynamik hinein. Und die braucht es auch. Wenn wir die Umweltziele erreichen wollen, braucht es einen noch schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien. Ob uns ein grünes Label für Atomkraft weiterhilft, wage ich zu bezweifeln.

Mohr: Mit den Grünen in der Regierung ist das Thema Klima und Nachhaltigkeit sehr viel visibler. Man packt es an. Auffallend ist, dass in Deutschland ESG häufig mit grün gleichgesetzt wird. In anderen Ländern ist der Blick ausgeglichener, dort werden auch die beiden anderen Aspekte Soziales und Unternehmensführung stärker berücksichtigt. Für uns ist das deshalb wichtig, weil wir Unternehmen als aktiver Investor bei ihrem Transformationsprozess begleiten – hin zu besseren Strukturen, zu besserer Governance. Wir haben das Thema Nachhaltigkeit als Inklusions- und Engagementansatz drin. Nur Umweltfragen zu berücksichtigen, wäre hier kontraproduktiv.

TiAM: Gibt es in diesem Zusammenhang irgendetwas wirklich Neues, das für Investoren relevant ist?

Liebe: Ich denke schon. Erstmals ist jetzt der Wille erkennbar ,imBereich Agrar und Ernährung einenParadigmenwechsel herbeizuführen. Cem Özdemir hat das bereits klargemacht. Ein CDU-geführtes Ministerium scheut sich eher, der Landwirtschaft klare Ansagen und zeitlich Druck für nachhaltige Veränderungen zu machen. All das hat kurzfristig zwar keine Auswirkung auf die Entwicklung am Kapitalmarkt, aber viele dieser Maßnahmen, wie höhere Preise für nachhaltig produzierte Lebensmittel heizen die Inflation weiter an – und verschärfen eine Frage, die zurzeit viel virulenter ist – nämlich, ob die Inflation länger andauern wird.

TiAM: Falls ja, welche Folgen könnte das haben?

Liebe: Bei allem gesellschaftlichen und ökologischen Wunschdenken kann natürlich die Akzeptanz in der Bevölkerung leiden, wenn die Inflationszahlen hoch bleiben oder die EZB zu Gegenmaßnahmen gezwungen ist – und dabei möglicherweise die Wirtschaft abwürgt.

Mayr: Für Investoren hat ESG aber noch eine andere Bedeutung. Gerade weil das Thema schon seit Jahren an den Kapitalmärkten gespielt wird, müssen wir uns fragen, welche neuen Impulse jetzt kommen. Denn im Gegensatz zur Finanzbranche haben wir in der Realwirtschaft seit 2020 keine Fortschritte mehr gemacht. Schauen Sie sich die Energieerzeugung an. Hier sind wir zurzeit eher rückwärts unterwegs. Das zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist, nicht nur Dinge grün anzustreichen, sondern wirklich grüne Investitionen umzusetzen. Die übergeordnete Frage lautet, ob das ein Feld ist, das uns in Deutschland auf einen höheren Wachstumspfad bringen kann.

TiAM: Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Mayr: Bei der Beurteilung muss man vorsichtig sein, denn zunächst verursacht die Energiewende vor allem Kosten. Am Ende wird es natürlich Branchen und Wirtschaftszweige geben, die davon profitieren, aber ob es dem Wirtschaftsstandort Deutschland als Ganzem nutzt, bleibt abzuwarten.

von Königsmarck: Ich bin hier etwas optimistischer. Was bisher in dem Bereich geschehen ist, ist gar nicht so wenig. Der Bundestag hat den von der Regierung vorgeschlagenen Nachtragshaushalt gebilligt, durch den der Klima- und Energiefonds um 60 Milliarden Euro aufgestockt wird, um zusätzliche Investitionen in dem Bereich zu finanzieren. Oder nehmen Sie die acht Milliarden Euro für den Bereich Wasserstoff, die Investitionen in Höhe von 33 Milliarden Euro auslösen werden. Das sind alles in allem große Summen und Fördergelder, von denen zum einen die Unternehmen profitieren, die in diesem Bereich tätig sind, zum anderen auch die Investoren, die in solche Themen investieren.

Issler: Wir reden hier über Anlagechancen über Jahrzehnte hinweg. Das Ausmaß der erforderlichen Veränderungen, um etwa die globale Erwärmung einzudämmen, schafft fortlaufend neue Möglichkeiten. Wir gehen ganz klar davon aus, dass das Anlageuniversum an Unternehmen, die Umweltlösungen bieten, weiter wächst – in Deutschland, aber auch in Europa und weltweit. Nachhaltigkeit ist und bleibt ein Megatrend. Wir registrieren ein wachsendes Interesse an Themenfonds, wobei die Nachfrage insbesondere von intermediä- ren und institutionellen Investoren kommt – nicht zuletzt, weil hier regulatorische Maßnahmen starke Anreize geschaffen haben.

TiAM: Das Stichwort Wasserstoff fiel bereits. Was erwartet Investoren bei anderen erneuerbaren Energien?

Schwarzmann: Die aktuelle Entwicklung der Energiepreise zeigt, wie wichtig es ist, erneuerbare Energieträger auszubauen. Und das eröffnet eine signifikante Chance für Unternehmen, Wirtschaft und Anleger gleichermaßen. Das wird einerseits durch staatliche Fördermaßnahmen wie Next Generation EU oder den EU Green Deal angestoßen werden. Aber es ist auch klar, dass der Löwenanteil der Investitionen aus der Privatwirtschaft kommen muss. Und insofern wird das Thema ein sehr starker Treiber für die Finanzmärkte.

TiAM: Privatwirtschaftliche Investitionen sind das eine, Initiativen der Politik das andere. Reichen die Impulse?

Schwarzmann: Die Gretchenfrage ist wie immer die Finanzierung. Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder gelingt es, in dem bestehenden Rahmen Gelder intelligent umzuverteilen, indem man ganz hart priorisiert und dann die Chuzpe hat, in anderen Bereichen Ausgaben oder Subventionen zu streichen. Oder man lockert zusätzlich auch die Schuldenbremse und finanziert Innovationen durch neue Schulden. In diesem Spannungsfeld wird sich zeigen, wie viele Impulse möglich sind.

von Königsmarck: Wenn der politische Wille da ist, funktioniert es auch. Nehmen Sie die Subventionen, die Solarenergie bekommen hat und damit durchstarten konnte. Heute ist sie günstiger als traditionelle Energieformen. Einen solchen Anschub brauchen auch andere erneuerbare Energien. Grüner Wasserstoff wird für industrielle Anwendungen produziert und eingesetzt, wenn er entsprechend gefördert wird, und die Industrie wird von grauem auf grünen Wasserstoff umstellen, sobald der CO2-Preis weiter steigt.

TiAM: Eine sehr optimistische Einstellung.

Mayr: Mich stimmt optimistisch, dass ein Teil des Bundeshaushaltes künftig für Forschung und Entwicklung reserviert ist, also für Innovationsförderung. Und das ist auch dringend notwendig. Wir haben ein Wachstumspotenzial, das zwischen ein und eineinhalb Prozent liegt. Das ist im in- ternationalen Vergleich niedrig und reicht nicht aus, um Infrastrukturprojekte zu realisieren und die sozialen Sicherungssysteme zu erhalten. Natürlich ist es schwierig, sich Wachstum erkaufen zu wollen. Aber es ist sicherlich ein Hebel, den die Politik in der Hand hat und der in der Privatwirtschaft Kräfte freisetzen kann.

TiAM: Neben dem Klimawandel ist auch immer wieder von der Digitalisierung die Rede. Passiert hier genug?

Liebe: In Deutschland und in Europa haben wir das Risiko, dass wir digitale Plattformen stärker regulieren und zügeln wollen in dem Wunsch, die missbräuchliche Nutzung von Daten zu verhindern. Dadurch geraten wir sehenden Auges weiter ins Hintertreffen, denn die entsprechenden Geschäftsmodelle entwickeln sich weiter und das Geld wird in anderen Teilen der Welt generiert.

von Königsmarck: Einer der Gründe, war- um Amerika hier so weit vorn ist, sind die deutlich laxeren Regeln beim Datenschutz.

TiAM: Also deregulieren, um Anlagechan­cen zu schaffen?

Liebe: Das Problem ist aus meiner Sicht ein anderes. Es ist doch so, dass wir einen technologiefeindlichen Grundton haben – außerhalb dessen, was zur traditionellen deutschen Ingenieurskunst zählt. Glück- licherweise gehört grüne Energie mittlerweile zu diesem geliebten Ingenieurbereich und da haben wir auch eine gute Chance, aufzuholen und uns einen Platz auf dem Weltmarkt zu erobern. Was das Thema digitale Geschäftsmodelle betrifft, ist das Mindset nicht kompatibel mit Fortschritt.

von Königsmarck: Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und die Perspektiven von Nachhaltigkeit und Digitalisierung klar gegeneinander abgrenzen. Bei Letzterem geht es darum, dass wir viel nachzuholen haben und unsere Infrastruktur digitalisieren müssen. Aber die Budgets, die dafür freigegeben wurden, werden vermutlich nicht dazu führen, dass Unternehmen entstehen, die international eine Führungsrolle spielen werden. Im Bereich der grünen, erneuerbaren Energien dagegen sehe ich das anders. Wenn ich unsere Portfolios betrachte, sind da doch einige aussichtsreiche Unternehmen, die aus Deutschland kommen.

Schwarzmann: Das kann man auch in un- seren Portfolios gut nachvollziehen. Im Bereich der erneuerbaren Energien und Umweltdienstleister sind wir ganz viel in Europa unterwegs, im Bereich Smart Cities und Mobilität sind europäischen Unternehmen noch gut vertreten, aber bei digitaler Infra- struktur und digitalen Disruptoren wird es spürbar US-lastig.

TiAM: Wo würden Sie Deutschland im internationalen Vergleich einordnen?

Schwarzmann: Was die Digitalisierung angeht, befindet sich Deutschland bestenfalls im hinteren Mittelfeld. Mehr noch als die Privatwirtschaft hinkt die öffentliche Verwaltung hinterher. In einigen Bundesländern muss man einen Grundbuchauszug per Fax anfordern, der einem dann auch per Fax zur Verfügung gestellt wird. So etwas ist im Jahr 2022 abenteuerlich.

TiAM: Und wo stehen die Unternehmen?

Mayr: Schaut man sich die drei großen Blöcke – USA, China und die EU – an, muss man sagen, dass Europa seit 2015 den Anschluss verloren hat. Das zeigt sich insbesondere beim Thema Plattformökonomie. Durch das Aufbrechen bisher genutzter Wertschöpfungsketten im Rahmen von Corona werden zudem Unternehmen der Old Economy und damit in Deutschland fest etablierte Geschäftsmodelle unter Druck geraten. Hier wird die Bundesre- gierung dicke Bretter bohren und vor allem europäisch denken müssen. Nur dann kommen die volle Größe und Schlagkraft des Binnenmarktes zur Geltung, um auf globaler Ebene erfolgreich zu sein.

TiAM: Dann werfen Sie doch mal einen Blick in diese Zukunft. Was kommt auf Investoren zu? Worauf müssen sie sich einstellen?

Issler: Aus unserer Sicht sind die Perspektiven positiv. Ich habe bereits die klimapolitische Ausrichtung des Koalitionsvertrags erwähnt, und die damit einhergehende ka- pitalmarktfreundliche Haltung ist sehr begrüßenswert. Das bedeutet, die Regierung sieht in den Investoren entscheidende Akteure, um die grüne und auch die digitale Transformation zu begleiten. Der Fokus auf eine nachhaltige Wirtschaft – nicht nur grün, sondern zukunftsorientiert nachhaltig – kommt den Anlegern zugute, weil sich daraus neue Anlagechancen ergeben.

TiAM: Zugleich zieht die Politik bei der Regulierung die Zügel immer strammer.

Issler: Das ist richtig und auch gut so. Hier sind die Fondsgesellschaften selbst gefor- dert, sie müssen Aufklärung betreiben bei den Menschen, die die Regulierung initiie- ren und umsetzen. Dabei kann es nicht nur um einfache Themen gehen wie Kosten, sondern es muss vor allem um Inhalte gehen. Was hat es mit der Indexierung, mit aktivem quantitativem, fundamentalem und thematischem Investieren auf sich? Die Regulierungsbehörden müssen genau verstehen, was wir tun. Nur dann führt das zu beiderseitigem Nutzen.

Liebe: Nicht nur im Verhältnis zur Politik, auch im Verhältnis zu unseren Kunden, den Investoren, befinden wir uns an einem interessanten Punkt. Einerseits sind die Geschäftsmodelle von Unternehmen in Megatrends über Konjunktur- und Börsenzyklen hinweg intakt. Genau das ist ja der Charme der Megatrends. Hier ist nichts kaputtgegangen, auch nicht durch die Inflation. Andererseits sind die Bewertungen einiger Themenfonds teils deutlich zurückgekommen, abhängig davon, wie aggressiv sie im Boomjahr 2020 zu Werke gegangen sind. Die Frage ist, ob irgendwann das Vertrauen von Anlegern in thematische Investments insgesamt erschüttert wird – und man uns diese langfristigen Wachstumstrends nicht mehr abkauft. Ob das möglicherweise zu einer Veränderung im Investorenverhalten führt und eine Kettenreaktion in Gang setzen kann, die Marktsegmente oder Unternehmen unter Druck bringt, die over owned sind.

TiAM: Was können Sie als Asset­-Manager dagegen tun?

von Königsmarck: Entscheidend ist, welches Konzept der Themenmanager verfolgt. Wie sieht seine Methodik aus, um themenspezisische Unternehmen zu finden? Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Investiert man einfach nur in Tech? Oder verfolgt man einen puren Ansatz, der wirklich einen Zugang zum Thema herstellt, ohne deswegen in die Nasdaq-Schiene zu geraten?

TiAM: Was sagen Sie?

von Königsmarck: Da gibt es unterschiedliche Konzepte am Markt. Wir verwenden aktives Research, das wir regelbasiert umsetzen. Durch unseren Ansatz bleibt die Überlappung von Titeln zwischen unseren Batterietechnologie-, Wasserstoff- und Clean-Energy-Lösungen gering und wir bieten einen ganz puren Zugang zu den jeweiligen Themen.

Schwarzmann: Unser Ansatz ist, über längerfristige Trends nachzudenken, losgelöst von kurzfristigen politischen Konstellationen. Hierfür entwickeln wir dann Anlagestrategien, die darüber hinaus auch zur DNA unseres Hauses passen. Bei Bantleon Changing World hat das zur Auswahl vier entscheidender Zukunftsthemen, unter anderem der Digitalisierung und der Energiewende geführt, die wir nachhaltig bewirtschaften. Dies machen wir aber im Rahmen eines Multi-Asset-Mandats, das auch Anleihen und Edelmetalle als sichere Häfen berücksichtigt.

TiAM: Gibt es neben dem puristischen und dem Multi-­Asset­-Ansatz weitere Möglichkeiten?

Mohr: Wir sind ein globales Haus und Bottom-up-getrieben. Und wir werden auch in Zukunft das tun, was uns in der Vergangenheit erfolgreich gemacht hat – wir denken und handeln sehr langfristig. Unsere Manager werden auf ein, drei, fünf und acht Jahre bewertet. Das hält uns davon ab, kurzfristigen Modeerscheinungen hinterherzurennen.

Issler: Wir orientieren uns in erster Linie an den Fundamentaldaten der Unternehmen – auch wenn wir natürlich Wahlen oder geopolitische Ereignisse stets einbeziehen. Was die Umsetzung von Umwelt- und Nachhaltigkeitszielen betrifft, arbeiten wir bei uns im Haus mit zwei Varianten – entweder wir verwalten einen Fonds ganz gezielt und ausschließlich nach grünen Kriterien, so wie beim Global Ecology Diversified Mischfonds oder dem neuen Global Ecology Bond Fund. Oder wir schaffen einen nach SFDR Artikel-8-konformen Klon eines bestehenden Fonds, wie beim Dynamic Bond ESG Fund, die nachhaltige Version unseres Flaggschiffs Dynamic Bond Fund.

TiAM: Wir hatten diese Diskussion unter das Motto gestellt „Neue Regierung. Neuer Schwung?“. Kurzfristig, so der Tenor, tut sich wenig. Und langfristig?

Mayr: Für Investoren wird vor allem der Paradigmenwechsel spannend – von dem sehr stark liquiditätsgetriebenen Markt zu einer Wirtschaft, die wieder von den Gewinnen leben muss. Das wird in der Wahrnehmung eine große Rolle spielen. Denn Politik, Unternehmen und Investoren müssen sich fragen, wo es denn künftig noch Wachstum gibt. Die gute Nachricht: Die großen Trends sind nach wie vor intakt. Daran wird sich nichts ändern. In diesem Umfeld sehen wir unseren Schumpeter-Ansatz – indem wir in diesen Feldern auf eine Mischung aus preissetzungsstarken Monopolisten und innovativen Herausforderern setzen – als weiter sehr erfolgversprechend.

Liebe: Die Auswirkung der Bundestagswahl auf die Kapitalmärkte war in der Tat irrelevant. Allerdings hat eine reibungslos funktionierende deutsche Regierung gute Chancen, Fehler in der Geopolitik und mittelbar in der Geldpolitik vermeiden zu helfen. Die jüngsten geopolitischen Eskalationen haben den Willen zu – auch schmerzhaften – Reformen massiv beflügelt. Und ähnlich wie bei der Agenda 2010, als Deutschland unreformierbar schien, sollte man nicht unterschätzen, was ein mentaler Aufbruch bewirken und an Energien freisetzen kann.

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