Capital Group: Wahlunsicherheit scheint immer sicherer

Capital Group: Wahlunsicherheit scheint immer sicherer

Erinnern Sie sich an all die Unruhen wegen der Neuauszählung bei den Wahlen in Florida im Jahr 2000? Im Vergleich zu den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 könnten diese Streitigkeiten im Vergleich dazu lächerlich erscheinen.

15.10.2020 | 07:55 Uhr

In einem Jahr, in dem scheinbar alles schief gelaufen ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass der US-Präsidentschaftswahltag das i-Tüpfelchen in einer ohnehin höchst unsicheren Zeit darstellen wird.

„Ich bin seit den 1980er Jahren im Rahmen der Präsidentschaftswahlen tätig, und ich muss sagen, dies ist die ungewöhnlichste Wahl, die ich je erlebt habe – wahrscheinlich die ungewöhnlichste Wahl im Leben aller heute lebenden Menschen“, sagt John Emerson, stellvertretender Vorsitzender von Capital Group International, Inc.SM und ehemaliger US-Botschafter in Deutschland.

Wir kämpfen mit einer Pandemie, einer Wirtschaftskrise, zivilen Unruhen auf den Straßen und zu allem Überfluss“, fügt er hinzu, „entbrennt nun noch ein Streit um die Ernennung für den Supreme Court.“ Der Justizausschuss des Senats wird voraussichtlich am 12. Oktober mit der Anhörung der Kandidatin von Präsident Donald Trump beginnen und damit die Voraussetzungen für einen Streit zwischen den Parteianhängern drei Wochen vor der Wahl schaffen.

Und eine weitere Unsicherheit reiht sich ein: Letzte Woche gab Präsident Trump bekannt, dass er und seine Frau Melania positiv auf COVID-19 getestet wurden. Es bleibt abzuwarten, wie sich dies auf die Kampagne auswirken könnte, aber zumindest rückt es die Pandemie wieder in den Mittelpunkt des Wahlkampfs. „Natürlich sind unsere Gedanken beim Präsidenten und der First Lady und wir wünschen ihnen eine baldige Genesung“, sagt Emerson.

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Um die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken: Der US Economic Policy Uncertainty Index – der eine Mischung aus wirtschafts-, politik- und medienbezogenen Unsicherheitskennzahlen abbildet – hat im Jahr 2020 ein nie dagewesenes Niveau erreicht. Die Anleger mögen sich nun fragen: Was kommt als Nächstes?

Briefwahlen können am Wahltag für Unruhen sorgen

Statt einer Neuauszählung der Wahlen, die bei der Wahl 2000 im Rampenlicht stand, könnten diesmal die Briefwahlen der zentrale Streitpunkt sein.

Vor allem aufgrund des COVID-19-Ausbruchs wird erwartet, dass eine Rekordzahl von 80 Millionen Amerikanern in diesem Wahlzyklus per Briefwahl abstimmen wird, anstatt persönlich zu den Wahlurnen zu gehen. Das bedeutet, dass die Wahlhelfer mehr als doppelt so viele Briefwahlzettel auszählen werden wie während der letzten Präsidentschaftswahl 2016.

Außer im Falle eines klaren Erdrutschsiegs für Präsident Trump oder dem ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden „werden wir das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen wahrscheinlich erst einige Tage oder sogar Wochen nach dem Wahltag kennen“, sagt Emerson, da die Bundesstaaten die ungeheure Anzahl an Briefwahlzetteln stemmen müssen. Sehr wahrscheinlich würde mit dieser Zeit der Unsicherheit eine hohe Marktvolatilität einhergehen, fügt er hinzu.

Darüber hinaus beantragen viel mehr Demokraten als Republikaner Briefwahlunterlagen. Dies könnte zu einem Szenario führen, in dem die Ergebnisse des Wahltags einen Sieg der Republikaner suggerieren, durch die Briefwahlstimmen (deren Auszählung länger dauert) der Sieg jedoch am Ende an die Demokraten geht. In jedem Fall wird die Wahl wohl gerichtliche Klagen zur Folge haben.

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Es ist damit zu rechnen, dass die Auszählung bis weit über den Wahltag hinaus andauern wird

Einige Bundesstaaten beginnen erst am Wahltag mit der Auszählung der Briefwahlzettel. Einige von ihnen sind wichtige Swing States, in denen die Präsidentschaftswahlen entschieden werden könnten, darunter Michigan, Pennsylvania und Wisconsin. Im Gegensatz dazu beginnen andere Swing States wie Arizona und Florida mit der Auszählung der Briefwahlzettel zwei bzw. drei Wochen im Voraus, sobald die Stimmzettel eingehen.

In den letzten Monaten ist das Thema der Briefwahl stark politisiert worden. Abgesehen von diesen parteipolitischen Argumenten bleibt jedoch die einfache Tatsache bestehen, dass viele Staaten noch nie zuvor ein so hohes Volumen an Briefwahlen abgewickelt haben. Selbst unter den besten Umständen wird es eine Herausforderung sein, die Stimmen rechtzeitig auszuzählen.

„Wir müssen geduldig sein“, sagt Reagan Anderson, Senior Vice President im Team für Regierungsbeziehungen der Capital Group. „Nur weil es länger dauert, die Stimmen auszuzählen, bedeutet das nicht, dass es sich um Betrug handelt. Möglicherweise müssen wir eine ganze Weile warten, damit sichergestellt werden kann, dass die Auszählung genau ist und das amerikanische Volk auf die Richtigkeit der Ergebnisse vertrauen kann.

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Wird der Supreme Court sich wieder einschalten?

Die umstrittene Wahl im Jahr 2000 wurde 36 Tage später endgültig entschieden, als der Supreme Court in einer 5:4-Abstimmung die Neuauszählung in Florida rechtswirksam beendete. Ein Schlüsselelement dieses Urteils war eine strenge Frist: Gemäß Bundesgesetz muss jeder Staat sechs Tage vor der Sitzung des Wahlkollegiums seine Wahlmänner bestimmen.

Diese Frist lief am 12. Dezember 2000 ab – unmöglich also, wenn die Neuauszählung in Florida hätte fortgesetzt werden dürfen. Das Gericht fällte sein Urteil noch am selben Tag, der ehemalige Vizepräsident Al Gore gab am nächsten Tag nach. In der knappsten Wahl der US-Geschichte gewann Präsident George W. Bush mit 271 Wahlstimmen, eine mehr als er brauchte.

Könnte der Supreme Court erneut angerufen werden? Und wird diese Frist (in diesem Jahr ist es der 8. Dezember) erneut ausschlaggebend sein? Das gilt es abzuwarten.

„Letzten Endes ist es meiner Meinung nach wichtig, sich vor Augen zu halten, dass wir auf jeden Fall ein Ergebnis haben werden“, betont Emerson. „Wir werden einen Präsidenten haben, und wir werden einen friedlichen Machtwechsel erleben.“

Für langfristig orientierte Anleger ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass die politische Machtstruktur in Washington, D.C., historisch gesehen keinen nennenswerten Einfluss auf die Aktienmarktrenditen hatte. Von 1933 bis 2019 ist die durchschnittliche jährliche Rendite für den Standard & Poor's 500 Composite Index sowohl unter vereinten als auch geteilten Regierungen in eine breite Spanne von etwa 7 % bis 10 % gefallen. Ein geteilter Kongress, wie wir ihn heute haben, scheint mit einer Rendite von 10,4 % die bevorzugte Konstellation des Marktes zu sein.

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Auswirkungen auf Anlagen:

  • Anleger sollten sich im Vorfeld des Wahltages auf eine steigende Marktvolatilität gefasst machen.
  • Geduld ist entscheidend, da der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl möglicherweise erst nach Tagen oder Wochen bekannt ist.
  • Die schiere Menge an Briefwahlzetteln bedeutet, dass sehr wahrscheinlich mit zeitverzögerten Ergebnissen gerechnet werden muss.
  • Trotz der Ungewissheit sollten Anleger daran denken, dass die Märkte auch in turbulenten Zeiten gestiegen sind


Über die Autoren

John Emerson, Stellvertretender Vorsitzender, Capital Group International, Inc.

John ist stellvertretender Vorsitzender von Capital Group International, Inc. John verfügt über 19 Jahre Branchenerfahrung (Stand 31.12.19), alle bei Capital Group. Von 2013 bis 2017 war er US-Botschafter in Deutschland. Davor war er Präsident von Capital Group Private Client Services.

Reagan Anderson, Leitende Vizepräsidentin für Regierungsbeziehungen

Reagan ist Senior Vice President für Government Relations bei der Capital Group. Sie verfügt über 19 Jahre Branchenerfahrung (Stand 31.12.19) und ist seit 2015 bei Capital Group tätig. Bevor sie zu Capital kam, arbeitete sie als Senior Vice President für Kongressangelegenheiten bei der Consumers Bankers Association in Washington, D.C.

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