
„Es gibt viele Gründe, mit Optimismus auf das Jahr 2026 zu blicken“, sagt Arne Tölsner, Head of Client Group Dach bei Capital Group.
17.03.2026 | 10:47 Uhr
Mit Blick nach vorne zeige das globale Umfeld eine Mischung aus Chancen und Unsicherheiten. In den USA würden sich die monetären Bedingungen weiter lockern, Deregulierung könnte die Kreditvergabe ankurbeln, und Anreize auf der Angebotsseite würden Fertigung und Technologie zusätzlichen Schwung verleihen. „Auf der anderen Seite des Atlantiks, in Europa, dürfte das Wachstum dadurch gestützt werden, dass Deutschland seine fiskalische Zurückhaltung aufgibt und ein Paket im Umfang von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Verteidigung auflegt“, so Tölsner. „Und in Asien setzen Unternehmensreformen in großen Volkswirtschaften wie Japan und Korea Aktionärswerte frei, während von China erwartet wird, dass es seine Wirtschaft weiter stimuliert.“
Hohe Bewertungen begrenzen den Spielraum
Auch wenn der gesamtwirtschaftliche Ausblick konstruktiv erscheine, bleibe ein
wesentlicher Knackpunkt bestehen: Aktien sind teuer. Die meisten Aktienmärkte
weltweit hätten in jedem der vergangenen drei Jahre starke annualisierte
Renditen im zweistelligen Bereich erzielt. „Die Unternehmensgewinne waren zwar
im Allgemeinen solide, doch die Kurs-Gewinn-Verhältnisse an den meisten großen
Märkten liegen weltweit deutlich über den Durchschnittswerten der vergangenen
zehn Jahre“, erläutert Tölsner. „Der in den Märkten eingepreiste Optimismus
lässt nur wenig Raum für Enttäuschungen.“ Hinzu komme, dass es fast immer
unvorhergesehene Überraschungen gebe – selbst wenn der Ausblick positiv sei.
Diese könnten aus geopolitischen Entwicklungen entstehen, darunter die Eskalation
des Konflikts im Nahen Osten, aus politischen Fehlentscheidungen oder aus der
disruptiven Kraft der künstlichen Intelligenz.
Rückgänge gehören zum normalen Marktverlauf
Insgesamt sei es daher nicht unvernünftig, in den kommenden Monaten mit
einer gewissen Marktkorrektur zu rechnen. Anleger sollten jedoch bedenken, dass
Rückgänge ein gesunder und häufiger Bestandteil von Marktzyklen seien. In den
vergangenen 20 Jahren habe der mittlere Rückgang des MSCI ACWI Index vom
Höchststand bis zum Tiefpunkt innerhalb eines Kalenderjahres bei 12 Prozent
gelegen, in US-Dollar gerechnet. Trotz dieser regelmäßigen Rückschläge habe
sich die Gesamtrendite für Anleger im selben Zeitraum auf 455 Prozent belaufen.
„Das größere Risiko für Anleger ist daher nicht die Aussicht auf eine Korrektur an sich, sondern die Art und Weise, wie sie darauf reagieren“, betont Tölsner. „Volatilität kann verunsichern und fördert oft ein Denken in Extremen.“ Den richtigen Zeitpunkt für Markthöchststände zu treffen, sei daher äußerst schwierig: Wer zu früh verkaufe, riskiere weitere Kursgewinne zu verpassen, während ein Wiedereinstieg nach einer Korrektur leicht zu Zögern oder schlechtem Timing führen könne. Gerade Letzteres könne teuer werden, weil sich Märkte schnell erholen könnten, während Anleger noch an der Seitenlinie stehen. Über vollständige Marktzyklen hinweg könnten solche Verhaltensfehler den langfristigen Erträgen stärker schaden als die Rückgänge selbst.
Vorbereitung ist wichtiger als Vorhersage
„Ein belastbarer Ansatz konzentriert sich stärker auf Vorbereitung und
Navigation als auf Vorhersagen“, sagt der Experte. „Das bedeutet, Volatilität
als Teil des Anlagewegs zu akzeptieren.“ Diversifikation bleibe dabei zentral,
allerdings nicht als rein passive Übung. Portfolios, die stark auf eine enge
Auswahl von Vermögenswerten, Regionen oder Themen konzentriert seien, könnten
in steigenden Märkten gut abschneiden, seien aber anfälliger, wenn sich die
Bedingungen ändern würden. „Eine breitere und ausgewogenere Aufstellung der
Renditequellen – über Anlagestile, Regionen und Geschäftsmodelle hinweg – kann
helfen, die Abhängigkeit von einem einzigen Ergebnis zu verringern, selbst in
einem Umfeld erhöhter geopolitischer Unsicherheit“, so Tölsner.
Bewertungsdisziplin werde in dieser Phase des Zyklus
zunehmend wichtiger. Vermögenswerte, deren Preise bereits Perfektion
voraussetzen würden, böten weniger Schutz, wenn sich die Stimmung drehe. Das
stärke das Argument für eine selektive Beteiligung statt für ein wahlloses
Engagement. Das bedeute nicht, dass Wachstumschancen grundsätzlich gemieden
werden sollten. Vielmehr spreche es für eine sorgfältige Prüfung, wo
Erwartungen bereits in den Preisen enthalten seien und wo die Fundamentaldaten
noch Unterstützung bieten würden. Sich auf eine Korrektur vorzubereiten, heiße
also nicht, sich an die Seitenlinie zurückzuziehen oder langfristige Themen
aufzugeben. Es bedeute stattdessen, Wachstumschancen mit Anlagen zu verbinden,
die
Volatilität abfedern und Flexibilität bieten können, wenn Märkte Risiken neu
bewerten.
„Ein Beispiel dafür ist die stabilisierende Rolle, die Dividenden in einem Aktienportfolio spielen können“, so Tölsner. „Diese wird oft erst dann vollständig geschätzt, wenn Marktstress bereits eingetreten ist. Dieses Muster zeigt sich immer wieder, wenn sich Anleger nach Rückgängen einkommensorientierten Strategien zuwenden, angezogen von deren relativer Widerstandskraft. In vielen Fällen wären die Ergebnisse jedoch stärker gewesen, wenn die Positionierung bereits vor der Korrektur aufgebaut worden wäre.“ Wichtig sei zudem, dass Dividendenchancen nicht auf reife oder wachstumsschwächere Branchen beschränkt seien. Heute befänden sich dividendenzahlende Unternehmen in einer breiten Palette von Sektoren, darunter Technologie, Gesundheit und Industrie.
Disziplin bleibt der entscheidende Faktor
In dieser Phase des Zyklus gehe es bei Widerstandskraft weniger um
ununterbrochene Gewinne als vielmehr darum, wie durchdacht Portfolios aufgebaut
seien. „Marktkorrekturen sind nichts, das man fürchten sollte, sondern etwas,
auf das man sich vorbereiten sollte“, resümiert Tölsner. „Anleger, die
Volatilität als normale Eigenschaft der Märkte akzeptieren und Diversifikation,
Bewertungsbewusstsein sowie aktive Auswahl anwenden, sind oft besser
aufgestellt, um auch in unsicheren Zeiten investiert zu bleiben.“ Solange der
Optimismus hoch bleibe, könne sich genau diese Disziplin letztlich als
wertvoller erweisen als jede Vorhersage darüber, was als Nächstes komme.
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