Capital Group: Wie man mit Kunden über Bitcoin spricht

Capital Group: Wie man mit Kunden über Bitcoin spricht

Die Angst vor entgangenen Gelegenheiten ist beim Anlegen eine starke Kraft. Und es ist schwierig, einen Vermögenswert zu ignorieren, der in nur wenigen Jahren um mehr als 500.000 % gestiegen ist und für schlagzeilenträchtige Kommentare unter anderem von Elon Musk und Warren Buffett sorgt.

25.05.2021 | 09:31 Uhr

Bitcoin und andere Kryptowährungen haben die Fantasie von Anlegern belebt, wodurch Finanzexperten in den Mittelpunkt einer zunehmend heftigen Diskussion darüber geraten, ob man sich in die Schlacht stürzt oder sich fernhält.

Sicherlich kann es verlockend sein, Bitcoin als Modeerscheinung abzutun und Kunden zu sagen, dass er für ihre Portfolios ungeeignet ist. Ihn aber einfach nicht zu berücksichtigen, wird für manche keine adäquate Antwort sein. Außerdem bietet die Frage selbst eine wichtige Gelegenheit für Sie, die Risikotoleranz Ihrer Kunden besser zu verstehen.

„Wenn Sie einen Kunden haben, der wirklich Bitcoin kaufen will, ist die Aussage „machen Sie es nicht“ ein Bärendienst”, sagt Barbara Burtin, eine für die Bankenbranche zuständige Aktien-Analystin bei Capital Group. „Vielmehr kann der Besitz eines kleines Betrages eine Lernerfahrung sein.“

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Was ist Bitcoin?

Bitcoin ist bei weitem die populärste Variante in einer Aktivaklasse, die durch ihre fortgeschrittene Kryptografie eine digitale Währung erschaffen soll. Andere populäre Kryptowährungen sind unter anderem Ethereum, Ripple und Litecoin. Im Gegensatz zu klassischen Währungen funktioniert Bitcoin ohne zentrale Behörde oder Banken und wird durch keine Regierung garantiert.

Die Wurzeln von Bitcoin gehen bis 2008 zurück, als ein anonymer Programmierer, der sich hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto versteckt, ein Weißbuch veröffentlichte, das die für die Kryptowährung erforderliche Technologie und den Code beschreibt.

Am wichtigsten ist die Beschreibung des „Mining“-Verfahrens, das ein Angebot neuer Bitcoins erzeugt. Bitcoins werden anhand von Computeralgorithmen geschürft, die eine Reihe von Berechnungen lösen. Diese zeitintensiven Berechnungen überprüfen Bitcoins und ermöglichen die Erzeugung neuer Bitcoins. Nur 21 Millionen Bitcoins können geschürft werden, und ihre Herstellung wird bei wachsendem Angebot immer zeitinensiver.

Volatilität in Aktion

„Der Bitcoin neigt dazu, jedes Mal eine Menge Aufmerksamkeit zu erhalten, wenn er einen dieser steilen Preisanstiege hat“, erklärt der Portfoliomanager Alan Wilson von der Capital Group. „Bedenken Sie jedoch, dass er irgendwann auch in die andere Richtung gehen kann. Jeder Spekulant sollte auf extreme Volatilität in beide Richtungen vorbereitet sein.“

Tatsächlich erlebte der Bitcoin am 17. April einen scharfen Rückgang um fast 14 % in einer Stunde, bevor er sich erholte. Der vorübergehende Absturz scheint von unbestätigten Gerüchten im Internet ausgelöst worden zu sein, dass US-Behörden die Bekämpfung von Geldwäsche in Verbindung mit Kryptowährungen planen. Ein paar Tage zuvor stiegen der Bitcoin und andere Kryptowährungen, als die Handelsplattform Coinbase an die Börse ging und eine Bewertung von $86 Milliarden erreichte.

Auch Tweets des Tesla CEO Elon Musk haben deutlich zur Kursvolatilität des Bitcoin beigetragen. Beispielsweise schickte seine ursprüngliche Zusage im Februar, Bitcoin als Zahlung für Fahrzeuge von Tesla zu akzeptieren, die Kryptowährung nach oben. Anschließend löste seine Rücknahme dieser Zusage im Mai einen Einbruch aus. Indessen veröffentlichte die Securities and Exchange Commission am 11. Mai eine Erklärung, mit der sie auf Investmentfonds mit Engagements im Markt der Bitcoin Futures aufmerksam macht und darauf hinweist, dass Anleger ihren „Fokus auf das von ihnen eingegangene Risikoniveau“ richten sollten.

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Welche Schlüsselfragen sind nach der Betrachtung der Grundlagen von Bitcoin bei der Diskussion über Kryptowährungen mit Kunden zu berücksichtigen? Mehrere Experten der Capital Group, die Kryptowährungen untersucht haben, machten diese vier Vorschläge:

1. Limits empfehlen, und sie als Lernerfahrung behandeln

Es ist einfach für Anleger, hochzurechnen, wie aus einer Investition von $100.000 in Bitcoin vor fünf Jahren jetzt über $14 Millionen geworden wären. Es ist jedoch Ihre Verantwortung zu erklären, dass sich solch spektakuläre Ergebnisse in der Vergangenheit nicht auf die zukünftige Wertentwicklung übertragen lassen.

Barbara Burtin schlägt vor, dass Sie angesichts der extremen Volatilität des Bitcoin Kunden sagen könnten, die davon überzeugt sind, dass sie Bitcoin besitzen müssen, dass nicht mehr als 1 % ihres Portfolios auf Kryptowährungen entfallen sollte. „Wenn Kunden darauf bestehen, dass „sie da Geld reinstecken müssen“, raten Sie ihnen, nicht mehr zu investieren, als sie sich Verluste leisten können“, fügt sie hinzu.

Außerdem kann der Besitz eines kleinen Betrages einer Kryptowährung als Lernübung nützlich sein, merkt Barbara Burtin an. „Die eigene Haut zu riskieren“ ist ein Weg, Kunden zu ermutigen, etwas über Kryptowährungen zu lernen. Es ist auch eine Möglichkeit, ihre wahre Risikotoleranz zu beurteilen und Reaktionen auf hohe Marktvolatilitäten zu beobachten.

2. Die erheblichen Risiken erläutern

Manche Kunden überlegen sich vielleicht nochmal, Bitcoin zu kaufen, wenn sie seine Beschränkungen kennen lernen, sagt Douglas Upton, ein Aktien-Analyst der Capital Group, der Metalle und Bergbau abdeckt.

Risiko 1: Der Bitcoin ist aus Ressourcenperspektive als Tauschmittel praxisfern. Das Angebot ist begrenzt, und neue Bitcoins können nur mithilfe leistungsfähiger Computersysteme „geschürft“ werden, die Algorithmen abarbeiten. Für das Verfahren ist so viel Rechenleistung erforderlich, dass das Mining von Kryptowährungen ca. 0,6 % des Stroms weltweit verbraucht – mehr als gemäß dem vom Centre for Alternative Finance der Cambridge University gepflegten Bitcoin Electricity Consumption Index vom gesamten Land Argentinien verbraucht wird. Bei in die Höhe schnellendem Preis wird es für Spekulanten profitabler, Hochleistungscomputer für den Miningbetrieb zu installieren. Wenn er weiter steigt, wird auch der Stromverbrauch überwiegend an Orten steigen, an denen Strom auf Kohle basiert, was zu erheblichen CO2-Emissionen führt, sagt Douglas Upton.

Risiko 2: Es ist unwahrscheinlich, dass Regierungen die zunehmende Nutzung von Bitcoin ohne Kontrollen erlauben werden, sagt Douglas Upton. „Bitcoin strebt den Ersatz staatlicher Währungen an“, stellt er fest. „Wenn ihm die weitere Ausbreitung gestattet wird, könnte er die Fähigkeit von Regierungen und Zentralbanken verringern, die Geldpolitik festzulegen und Einkommen und Vermögen zu besteuern“. Dementsprechend könnten Gesetzgeber weltweit beschließen, die Nutzung von Bitcoin zu erschweren. Südkorea verabschiedete kürzlich Gesetze zur Regulierung von Kryptowährungen, um potenzielle Geldwäsche und andere rechtswidrige Aktivitäten einzudämmen. China, das in der Vergangenheit gegen Kryptowährungen vorgegangen ist, führte gerade seine eigene digitale Währung ein, und die USA könnten eines Tages mit einem „digitalen Dollar“ nachziehen.

Risiko 3: Bitcoin ist keine stabile Wertanlage. Manche Anleger könnten sich für Kryptowährungen in der Annahme interessieren, dass sie ein Wertaufbewahrungsmittel sind, es gab jedoch mehrfach Diebstähle von Bitcoin. Einige unglückliche Eigentümer haben den Zugang zu ihren verloren, weil sie ihre privaten digitalen Schlüssel verlegt oder vergessen haben. Da Bitcoin nicht von zentralen Behörden kontrolliert wird, gibt es keine Kontaktstellen zur Unterstützung.

Risiko 4: Negativer Carry. Anleger werden normalerweise für das Halten wichtiger Währungen einschließlich US-Dollar in Form von Zinsen bezahlt, stellt Douglas Upton fest. Dies ist bei Bitcoin nicht der Fall, da Anlegern, die den Vermögenswert halten, Zinseinnahmen verloren gehen können. Dasselbe gilt für Gold. Dies nennt man negativen Carry, d. h., Anleger verlieren Geld einfach durch das Halten des Vermögenswerts.

Risiko 5: Der Bitcoin ist nicht immer gegen das US-Aktienrisiko abgesichert, sagt der Währungsanalyst Jens Sondergaard von der Capital Group. Eine allgemeine Behauptung von Bitcoin-Liebhabern ist, dass er zum Schutz vor Verlusten beitragen kann, wenn Aktienmärkte fallen. Während dies teilweise der Fall war, lieferte Bitcoin im Bärenmarkt Ende Februar und März 2020 keine wirksame Absicherung. Der Preis fiel erst heftig, gefolgt von einer Erholung und dann einem riesigen Anstieg. „Es bleibt eine offene Frage, ob Bitcoin als Absicherung dienen kann,“ sagt Sondergaard. „Anleger sollten vorsichtig sein, zu viel zu erwarten bezüglich seines Verhaltens in unterschiedlichen Marktbedingungen“.

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3. Anerkennung des Potenzials der zugrunde liegenden Technologie

Während sicherlich große Risiken in Verbindung mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen bestehen, gibt es auch bahnbrechende Innovationen,“ sagt Ninou Sarwono, ein Spezialist für Zukunftstechnologien bei der Capital Group.

Innovation 1: Blockchain. Betrachten Sie Bitcoin als die erste Anwendung von Blockchain; die zugrunde liegende Technologie digitaler Hauptbücher die über öffentliche oder private Netzwerke geteilt werden und Transaktionen überwachen können. Diese Bücher werden durch Transaktionen erzeugt, von Netzwerkteilnehmern genehmigt und als Informationsblöcke aufgezeichnet. Mit der Anhäufung von Transaktionsblöcken werde diese sicher an ältere Transaktionen gekettet. Diese Datenketten können von Handelspartnern geteilt und hinzugefügt werden und bieten dadurch eine einfachere und effizientere Möglichkeit für den Umgang mit Finanztransaktionen.

Die Bitcoin zugrunde liegende Technologie wird bereits von vielen großen Finanzinstituten genutzt. Unabhängig vom Schicksal des Bitcoin sieht die Zukunft von Blockchain sehr vielversprechend aus, sagt Ninou Sarwono.

Innovation 2: Initial Coin Offerings (ICOs). ICOs sind ein Weg für Unternehmen, mithilfe von Kryptowährungen Geld für ihre Geschäftstätigkeit zu beschaffen. Die Erlöse finanzieren neue Projekte, während die Käufer „Token“ erhalten, die in vielen Fällen gehandelt oder für den Kauf von Waren und Dienstleistungen des emittierenden Unternehmens verwendet werden können. Token sind mit Bonuspunkten wie Flugmeilen verwandt, erklärt Ninou Sarwono.

Solche Innovationen könnten zu einem Wandel bei der Geldbeschaffung von Unternehmen führen und den Pool von Unternehmen erweitern, der für Anlagen verfügbar ist. Aber es gibt Fallstricke. Staatliche Aufsichtsbehörden warnten, dass ICOs nicht registriert und daher leichte Ziele für Betrug sind. Tatsächlich gab es etliche Probleme in Verbindung mit diesen Instrumenten.

Innovation 3: Neue Alternativen für manche Teile der Welt. Die Attraktivität von Kryptowährungen ist in Ländern mit weniger stabilen Währungen tendenziell größer, sagt Barbara Burtin. Wie Gold können Kryptowährungen als eine Möglichkeit der Wertaufbewahrung betrachtet werden. Zusätzliche Regulierungen könnten für den Erhalt der Vorteile von Kryptowährungen gut sein, während die Nachteile kontrolliert werden.

4. Bitcoin zum besseren Verständnis der Anlegerpsychologie nutzen

Während es für Berater umsichtig erscheinen mag, Kunden von Versuchen abzuhalten, Bitcoin oder andere Kryptowährungen zu kaufen, gibt es triftige Gründe, die Optionen zu erkunden. Der beste Grund ist vielleicht die Anlegerpsychologie.

Wenn ein Kunde Bitcoin kauft, können Sie seine Reaktion auf hohe Niveaus der Marktvolatilität beurteilen. Dies ist eine wertvolle, realistische Möglichkeit, die wahre Risikotoleranz über das hinaus zu verstehen, was in einer Standard-Kundenbefragung erfasst wird, erläutert Barbara Burtin. Dieser Einblick in die Psychologie von Kunden könnte bei der Zusammenstellung eines Vermögensallokationsplans für ihre Portfolios nützlich sein.

„Das Verhalten ist beim investieren so wichtig“, sagt sie. „Es ist mehr als Bitcoin. Es ist ein gesellschaftliches Experiment.“


Über die Autoren

Barbara Burtin - Aktienanalyst

Barbara Burtin ist Aktien-Analystin und Research-Leiterin bei der Capital Group und für das Research für europäische und lateinamerikanische Banken und weltweit für Outsourcing-Anbieter im Bankbereich zuständig. Sie verfügt über 12 Jahre Anlageerfahrung, die die bei Capital Group erworben hat. Sie besitzt einen MBA mit Prädikatsexamen der Wharton School der University of Pennsylvania und einen Master-Abschluss in Finanzwirtschaft der HEC Paris. Barbara Burtin lebt in Los Angeles.

Douglas Upton - Aktienanalyst

Douglas Upton ist Aktien-Analyst bei der Capital Group und für das Research in Bezug auf globale Metall- und Bergbauunternehmen zuständig. Er verfügt über 32 Jahre Erfahrung in der Investmentbranche und ist seit 16 Jahren bei Capital Group tätig. Früher in seiner Laufbahn bei Capital war er auch für kanadische Banken zuständig und leitete das europäische Research. Er verfügt über einen MBA und einen Bachelor in Mathematik und Physik der University of Western Australia. Douglas Upton arbeitet in London.

Alan Wilson - Portfoliomanager

Alan Wilson ist ein Portfoliomanager mit 34 Jahren Anlageerfahrung. Er besitzt einen MBA-Abschluss von Harvard und einen Bachelor-Abschluss im Bauingenieurwesen vom MIT.

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