
Die Weltwirtschaft hat sich stabilisiert, doch die Kräfte, die auf Wachstum, Inflation und Zinsen wirken, bleiben widersprüchlich. Zu dieser Einschätzung kommt Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group. #Anleihen
19.10.2026 | 12:40 Uhr
Starkes Wachstum im Zusammenhang mit Investitionen in Künstliche Intelligenz, steigende Produktivität und robuste US-Konjunkturdaten stützen die globale Wirtschaft. Gleichzeitig bleiben geopolitische Unsicherheiten, erhöhte Inflation und unterschiedliche regionale Entwicklungen wichtige Einflussfaktoren.
Geopolitisch sorgt der Irankrieg weiter für Unsicherheit. Zudem sorgen sich Anleger zunehmend um den Verschuldungsgrad wichtiger Industrieländer. Inflationssorgen und veränderte Erwartungen an die US-Geldpolitik hätten die Treasury-Renditen steigen lassen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt aktuell bei über 5 Prozent. Höhere Renditen spiegeln allerdings auch stärkere Wachstumserwartungen sowie einen steigenden Kapitalbedarf zur Finanzierung langfristiger Anlagethemen wie künstliche Intelligenz, Energie und Verteidigung wider.„Das globale Wachstum hat sich zwar stabilisiert. Gleichzeitig bleibt der weitere Verlauf des US-Iran-Konflikts ein potenzieller Auslöser für Volatilität. Umso wichtiger ist es, neben den geopolitischen Risiken auch die fundamentalen Wachstumstreiber im Blick zu behalten – allen voran die hohen Investitionen rund um Künstliche Intelligenz“, sagt Becker.
Die US-Wirtschaft habe sich bislang robuster entwickelt als erwartet. Beschäftigung und Konsum hätten positiv überrascht, während hohe Investitionen rund um Künstliche Intelligenz sowie steigende Produktivität der Unternehmen der Konjunktur zusätzlichen Rückenwind gäben. Ganz ohne Schwachstellen sei das Bild jedoch nicht: Das Lohnwachstum habe nachgelassen, die Inflation bleibe erhöht und sinkende Sparquoten begrenzten den finanziellen Spielraum der Verbraucher. „Die US-Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig. Entscheidend ist nun, ob der Konsum diese Stärke beibehalten kann, wenn die Realeinkommen unter Druck stehen und die finanziellen Puffer der Verbraucher kleiner werden“, sagt Becker.
Außerhalb der USA zeige sich ein zunehmend uneinheitliches Bild. Europa wachse nur moderat, während sich der Inflationsdruck auf den Dienstleistungssektor ausweite und die Europäische Zentralbank deshalb voraussichtlich weiter gegensteuern werde. In China gebe es dagegen erste Anzeichen einer Stabilisierung bei Unternehmen und privaten Haushalten. Auch die Belastungen durch den Immobiliensektor hätten nachgelassen, von einer breiten Erholung der Immobilienpreise könne bislang jedoch keine Rede sein. Japan stehe wiederum vor der schwierigen Kombination aus steigender Inflation und fragilem Wachstum. „Die Weltwirtschaft stabilisiert sich, aber nicht überall im gleichen Tempo. Die Unterschiede zwischen den Regionen bleiben groß – und damit auch die Anforderungen an die Positionierung von Anlegern“, sagt Becker.
Auch für Anleiheinvestoren sei das Bild nicht eindeutig. Die Bewertungen vieler Fixed-Income-Segmente seien im historischen Vergleich anspruchsvoll. Gleichzeitig hätten die höheren Renditen die Ausgangslage für künftige Erträge verbessert. „Höhere Ausgangsrenditen schaffen heute eine solide Basis für künftige Erträge. Nach Jahren außergewöhnlich niedriger Zinsen werden Anleger nun wieder für das Halten von Anleihen entlohnt. Angesichts der engen Bewertungen setzen wir dennoch auf eine eher defensive Positionierung, hohe Qualität und eine breite Diversifikation“, erklärt Becker.
Bei Unternehmensanleihen spreche die robuste US-Wirtschaft weiterhin für solide Fundamentaldaten. Gleichzeitig seien die Bewertungen inzwischen anspruchsvoll. Statt breit in den Markt zu investieren, komme es aus Sicht Beckers daher stärker auf die Auswahl einzelner Anleihen an – sowohl im Investment-Grade- als auch im High-Yield-Bereich.
Bei US-Staatsanleihen setzt Becker auf eine gezielte Positionierung entlang der Zinskurve. Während er am langen Ende angesichts der hohen Staatsverschuldung und möglicher zusätzlicher Laufzeitprämien vorsichtig bleibt, sieht er mehr Potenzial bei mittleren Laufzeiten. „Wenn die Fed die Zinsen weniger stark anhebt als derzeit eingepreist, könnten insbesondere mittlere Laufzeiten profitieren“, sagt Becker.
Die Stabilisierung der Weltwirtschaft verbessere das Umfeld für Anleihen, beseitige die bestehenden Risiken jedoch nicht. Geopolitische Unsicherheit, erhöhte Inflation, unterschiedliche regionale Entwicklungen und eine schwerer einzuschätzende US-Geldpolitik könnten weiterhin für Volatilität sorgen: Gleichzeitig böten höhere Ausgangsrenditen eine solidere Grundlage für künftige Erträge und hätten die Rolle von festverzinslichen Wertpapieren als wichtige Ertragsquelle für Anleger wiederhergestellt. Für Anleger kommt es daher nach Einschätzung Beckers darauf an, Renditepotenzial und Widerstandsfähigkeit miteinander zu verbinden. Das bedeutet eine konservative, diversifizierte und qualitativ höherwertige Ausrichtung sowie eine stärkere Selektivität bei Kreditrisiken.
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