
Angesichts sich ausbreitender Konflikte rückt die Verteidigung in den Mittelpunkt der europäischen Agenda. Johan Van Geeteruyen, Head of Institutional Portfolio Management bei DPAM, gibt einen Überblick:
12.03.2026 | 08:48 Uhr
Spätestens der iranische Drohnenangriff in Zypern hat gezeigt, dass Risiken und Folgen des Irankonflikts auch Europa betreffen. Zehntausende Europäer leben und arbeiten in den Golf-Staaten, oft in der Nähe von US-Militäranlagen. Darüber hinaus sind europäische Unternehmen in der Region in der Energieerzeugung und Petrochemie bis hin zu Luftfahrt, Logistik und Finanzdienstleistungen aktiv. In vielen Fällen operieren sie in der Nähe von potenziellen Angriffszielen.
Die Wahrscheinlichkeit von Evakuierungen, Betriebsstilllegungen, Neufestsetzung von Versicherungsprämien und Unterbrechungen der Lieferketten steigt. Teile Europas liegen in Reichweite der iranischen Raketensysteme, und Sicherheitsrisiken ergeben sich für Europa überall dort, wohin seine Bürger, Unternehmen und Lieferketten reichen.
Europa rüstet auf
Die Wiederaufrüstung Europas begann nach dem Einmarsch Russlands in die
Ukraine – es ist die bedeutendste Veränderung in der europäischen
Verteidigungspolitik seit Jahrzehnten. Inzwischen ist eine glaubwürdige
Verteidigungsfähigkeit noch dringlicher geworden.
Während eines Großteils des Krieges in der Ukraine sagten die Regierungen Europas Unterstützung zu, taten sich jedoch schwer dabei, Kapazitäten zu mobilisieren und Lieferungen zu koordinieren. Munitionszusagen blieben wiederholt hinter den Zielen zurück. Die Beschaffung verlief schleppend, und die nationalen Vorräte mehrerer Mitgliedstaaten waren nach Jahrzehnten der Unterinvestition schnell aufgebraucht. Die politische Unterstützung ging oft weit über die tatsächlichen Lieferungen hinaus.
Im vergangenen Jahr haben drei Kräfte das Bild verändert:
(1) Politisches Engagement
Europas Staaten investieren nachhaltig in ihre Verteidigung. Deutschland,
Polen, die nordischen Länder, die baltischen Staaten und mehrere mittel- und
osteuropäische Regierungen haben sich zu einer mehrjährigen Erhöhung der
Verteidigungsausgaben verpflichtet. Viele Länder erfüllen oder übertreffen
inzwischen die NATO-Benchmark von 2 % des BIP. Für das kommende Jahrzehnt
werden schon 3 % und mehr diskutiert. Einige Länder überschreiten diesen
Wert bereits, insbesondere in Osteuropa.
(2) Ausbau der Industriekapazitäten
Europas Rüstungsfirmen steigern ihre Produktion rasch. Die Fertigungslinien
für Munition, Drohnen Raketen- und Luftabwehrsysteme werden ausgebaut. Auch in
Radarsysteme, Cybersicherheit, Marineausrüstung und KI-gestützte
Militärtechnologien wird mehr investiert. Mehrjährige staatliche Aufträge
füllen die Auftragsbücher der Rüstungskonzerne und machen Umsätze und Margen
ungewöhnlich gut planbar. Raketenabwehrsysteme könnten zur Priorität werden, da
es mehreren EU-Staaten an kostengünstigen Lösungen gegen billige Drohnen
mangelt.
(3) Initiativen zur strategischen Autonomie
Europa arbeitet daran, seine Abhängigkeit von außereuropäischen
Verteidigungslieferanten zu verringern. Die jüngsten Konflikte haben die
Bedeutung der Lieferketten im Verteidigungsbereich unterstrichen, insbesondere
im schnell wachsenden Drohnensektor. Berichte aus der Ukraine zeigen, dass
selbst im Inland montierte Drohnen in hohem Maße von ausländischen
Zulieferungen abhängig sind, v. a. aus China. Initiativen wie der Europäische
Verteidigungsfonds, gemeinsame Beschaffungsrahmen und eine engere Zusammenarbeit
zwischen der EU und der NATO sollen die heimischen Kapazitäten stärken. Ein
wachsender Anteil der Beschaffungsbudgets fließt an europäische Unternehmen.
Diese drei Kräfte bündeln sich in einem langfristigen Investitionszyklus mit hoher Sichtbarkeit.
Das Eisen schmieden…
Die Sabotage der Nord Stream-Pipelines, wiederholte Vorfälle mit
Unterwasserkabeln und Energieverbindungen sowie Angriffe auf Handelsschiffe im
Roten Meer haben die Anfälligkeit kritischer Infrastrukturen und Systeme
offenbart. Die Eskalation im Golf erhöht das Risiko zusätzlich.
Europa ist von maritimen Importen und Energiekorridoren abhängig, die durch den Nahen Osten verlaufen. Stärkere Seestreitkräfte werden wichtiger. Zudem legen Europas Regierungen einen Schwerpunkt auf den Ausbau der Kapazitäten für Nachrichtendienst, Überwachung und Aufklärung, um den Seeverkehr, die Energieinfrastruktur und strategische Engpässe zu überwachen. Häfen, Raffinerien und Logistikzentren benötigen mehr Cyber-Schutz. Die Verbreitung von Drohnen und Raketentechnologie erhöht die Nachfrage nach Abfangsystemen zum Schutz militärischer und ziviler Infrastruktur. Zudem steigt der Druck, den Schutz ausländischer Vermögenswerte zu verstärken, schnellere Krisenreaktionssysteme zu entwickeln und die Verteidigungsdiplomatie auszuweiten.
An den Finanzmärkten erkennen Anleger diese Veränderungen mit einer gewissen Verzögerung. Die frühen Phasen von Verteidigungsausgabenzyklen fallen häufig mit bedeutenden Neubewertungen zusammen, sobald die Märkte erkennen, dass es sich um mehr handelt als einen vorübergehenden Trend.
Neue Ära der europäischen Verteidigung
Die jüngsten Feindseligkeiten am Golf verdeutlichen: Europa kann zum Ziel
werden, und seine globale wirtschaftliche Präsenz setzt es unmittelbaren
Risiken aus. Europäische Bürger, Unternehmen und Infrastruktur sind zunehmend
von Instabilität in Regionen betroffen, die weit vom Kontinent entfernt sind.
Gleichzeitig werden Verteidigungsausgaben nicht mehr als vorübergehende Reaktion auf Krisen betrachtet, sondern als strategische Priorität. Nach Jahrzehnten der Unterfinanzierung werden militärische Kapazitäten auf dem gesamten Kontinent wieder aufgebaut. Zusammengenommen deuten diese Entwicklungen auf den Beginn eines längeren europäischen Aufrüstungszyklus mit dauerhafter politischer Unterstützung und anhaltender Investitionsdynamik.
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