Capital Group: Was die US-Wahl für die Anleger bedeutet

Capital Group: Was die US-Wahl für die Anleger bedeutet

Nachdem sie am Wahltag in Rekordzahlen erschienen waren, mussten die US-Wähler am Mittwochmorgen feststellen, dass kein klarer Sieger der US-Präsidentschaftswahl feststand.

06.11.2020 | 10:47 Uhr

Bei einem Rennen, das sich als deutlich enger erwies, als in vielen Umfragen vorhergesagt, kann es Tage oder sogar Wochen dauern, bis das Ergebnis feststeht.

„Geduld wird der Schlüssel sein, um diese Zeit der politischen Unsicherheit zu überstehen“, so John Emerson, Vice Chairman von Capital Group International und ehemaliger US-Botschafter in Deutschland. „Es gibt buchstäblich Millionen von Stimmen, die noch ausgezählt werden müssen, – darunter eine große Zahl von Briefwahlstimmen – und daher ist eine Verzögerung nicht allzu überraschend. Wir warnen schon seit Monaten vor einem solchen Szenario.“

Unter Investitionsgesichtspunkten, erklärt Emerson, sei es wahrscheinlich, dass die Marktvolatilität auf einem erhöhten Niveau verharren wird, bis Präsident Donald Trump oder der ehemalige Vizepräsident Joe Biden zum Sieger erklärt wird. Die US-Aktienmärkte verzeichneten am Wahltag eine starke Rallye, und der S&P 500 Index stieg um 1,8 %. Am Mittwoch stiegen die Aktien vor dem Hintergrund der Ungewissheit jedoch weiter an, da sich die Ergebnisse in mehreren Schlüsselstaaten noch immer nicht klar abzeichneten. Die Staatsanleihen legten stark zu, teilweise aufgrund der Ansicht, dass eine gespaltene Regierung die Aussichten auf übermäßig umfangreiche Konjunkturprogramme einschränken könnte.

„Im Moment herrscht verständlicherweise große Besorgnis“, fügt Emerson hinzu. „Die Anleger sollten sich jedoch gut überlegen, ob sie nicht lieber an ihren langfristigen Anlagezielen festhalten wollen, statt auf kurzfristige politische Ereignisse zu reagieren. Das ist oft ein Fehler.“

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Im Laufe der Geschichte haben die Märkte umkämpfte Präsidentschaftswahlen, tödliche Pandemien und Wirtschaftsrezessionen – normalerweise nicht alle im selben Jahr – erlebt, und sie haben diese überlebt. Ob ein Demokrat oder ein Republikaner im Weißen Haus regierte, machte bei den langfristigen Anlagerenditen insgesamt kaum einen Unterschied.

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In den Swing States, bei denen das Ergebnis für Biden oder Trump noch nicht feststeht, wurden die Weichen für Kämpfe um die Stimmenauszählung und eine Flut von Gerichtsverfahren gestellt. Zu diesen Staaten zählten laut The Associated Press am Mittwochmorgen Pennsylvania, Nevada, North Carolina und Georgia.

„Wir werden wahrscheinlich frühestens am Donnerstag oder Freitag die vorläufigen Abstimmungsergebnisse für jeden Staat kennen, je nach den anstehenden Rechtsstreitigkeiten“, so Matt Miller, Politikökonom und politischer Analyst bei Capital Group. „Die Präsidentschaft könnte in der bevorstehenden angespannten Phase an jeden der beiden Kandidaten gehen.“

Betrachtet man die erste Bilanz der Wahlnacht, so ist die Nation im Grunde genauso gespalten wie vor vier Jahren, als Trump unerwartet die Wahl von 2016 gewann. „Am Wahltag um Mitternacht hatte Biden 64,6 Millionen Stimmen und Trump 63,2 Millionen – auf dem Weg zu einer möglichen Rekordzahl von insgesamt 160 Millionen Stimmen“, stellt Miller fest. „Wer auch immer diese Wahl gewinnt, wird vor der gewaltigen Aufgabe stehen, Einheit und Heilung für eine Nation zu erreichen, die genau in der Mitte gespalten ist.“

Bei den anderen Wahlen scheine es, dass die Republikaner weiterhin eine Mehrheit im US-Senat haben werden, sagt Miller, während die Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus behalten dürften, was zu einem gespaltenen Kongress führen werde. Das ist seit den Zwischenwahlen 2018 der Fall, als die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren. Zufälligerweise schnitten die Märkte unserer Analyse zufolge bei einem gespaltenen Kongress am besten ab.

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Zwei Schlüsselthemen bei der Wahl

Die US-Wirtschaft und der Ausbruch des Coronavirus waren den meisten Umfragen zufolge die beiden wichtigsten Themen bei den Präsidentschaftswahlen. Trumps Umgang mit der Pandemie wurde im Allgemeinen negativ bewertet, jedoch gaben ihm die Wähler bessere Noten für seine Wirtschaftspolitik. Die USA rutschten Anfang dieses Jahres in eine Rezession, da die von der Regierung verhängten Lockdowns die Wirtschaftstätigkeit nahezu zum Erliegen brachten.

Laut den jüngsten Zahlen für die US-Wirtschaftsaktivität – die nur fünf Tage vor der Wahl veröffentlicht wurden – erholte sich das US-BIP-Wachstum jedoch deutlich und stieg mit einer Jahresrate von 33,1 %, was auf die aufgestaute Verbrauchernachfrage und die massiven staatlichen Konjunkturmaßnahmen zurückzuführen war. Ein wichtiger Antriebsfaktor waren die US-Wohnungsverkäufe, die von der steigenden Nachfrage und den historisch niedrigen Hypothekenzinsen profitierten.

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Trotz extremer Volatilität während des Jahres zeigten auch die US-Aktienmärkte einen Aufwärtstrend. Vom Beginn des Jahres bis zum 30. Oktober stieg der S&P 500 Index um 2,8 %, da die Aktien in den Bereichen Technologie und Unterhaltungselektronik vor dem Hintergrund der Lockdowns deutlich zulegten.

„Die kurzfristige Performance der Wirtschaft und der Märkte mag bei dieser Wahl eine Rolle gespielt haben, aber realistisch gesehen bekommen Präsidenten viel zu viele Lorbeeren, wenn die Dinge gut laufen, und viel zu viel Schuld, wenn es nicht gut läuft“, so Darrell Spence, Ökonom bei Capital Group. „Die Dynamik, die zu wirtschaftlichem Wachstum und Marktrenditen beiträgt, wird größtenteils lange vor der Wahl in Gang gesetzt und bleibt noch lange danach bestehen.“

„Als Anleger versuchen wir, uns auf die zugrundeliegenden Fundamentaldaten zu konzentrieren, die die Wirtschaft und die Rentabilität der Unternehmen antreiben“, bemerkt Spence. „Das hat oft sehr wenig damit zu tun, wer zufällig eine Wahl gewinnt.“

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