
Der Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz tritt in eine neue Phase ein. Zu dieser Einschätzung kommt Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group.
08.10.2026 | 09:52 Uhr
Während bislang vor allem Grafikprozessoren und große Technologiekonzerne im Mittelpunkt standen, weite sich das Anlageuniversum zunehmend auf Speicherchips, Prozessoren, Stromversorgung, Netzinfrastruktur und Industrieausrüstung aus. Für Anleger komme es deshalb darauf an, die gesamte Wertschöpfungskette im Blick zu behalten und regionale wie sektorale Konzentrationen zu vermeiden.
Die Größenordnung der geplanten Ausgaben verdeutliche den strukturellen Charakter des Trends: Nach Schätzungen von Capital Group werden fünf große US-amerikanische Hyperscaler (Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle) im Jahr 2026 voraussichtlich rund 650 Milliarden US-Dollar investieren, wobei ein erheblicher Teil davon in Rechenzentren und KI-bezogene Infrastruktur fließen wird. Laut Braun gehe es daher längst nicht mehr nur um Software oder einzelne Chipanbieter. „KI braucht eine physische Grundlage. Je stärker die Nutzung skaliert, desto größer wird der Bedarf an Rechenleistung, Speichern, Strom, Netzen und industrieller Ausrüstung“, erklärt er. „Die nächste Phase dürfte deshalb deutlich breiter ausfallen als die erste.“
Halbleiter bleiben das Fundament
Halbleiter bildeten weiterhin die Basis jedes KI-Systems. Das Spektrum
reiche dabei von Hochleistungsprozessoren über zentrale Serverprozessoren bis
zu Hochbandbreitenspeichern, die große Datenmengen mit hoher Geschwindigkeit
verarbeiten. Gerade bei spezialisierten Speicherchips sei das Angebot stark
konzentriert und die Produktion für 2026 bereits weitgehend gebunden.
„Investmentchancen reichen aber über die prominenten Grafikprozessor-Anbieter
hinaus und umfassen verschiedene Teile der Chipwertschöpfungskette“, so Braun.
„Für aktive Anleger entsteht daraus die Möglichkeit, jenseits der
offensichtlichsten Profiteure nach Unternehmen mit knappen Kapazitäten,
technologischen Eintrittsbarrieren und belastbarer Nachfrage zu suchen.“
Strom wird zum Engpassfaktor
Mit dem kontinuierlichen Wachstum von Künstlicher Intelligenz wachse der
Strombedarf von Rechenzentren deutlich schneller als die globale
Elektrizitätsnachfrage insgesamt. Während der weltweite Stromverbrauch 2025 nur
um rund 3 Prozent zunahm, stieg die Nachfrage von Rechenzentren um etwa 17
Prozent. Damit entstehe eine strukturelle Lücke zwischen digitalem Wachstum und
der physischen Infrastruktur, die dieses Wachstum tragen müsse. Kraftwerke,
Netzanschlüsse, Speicherlösungen und industrielle Systeme benötigten lange
Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten. „Digitale Kapazität lässt sich
schneller hochfahren als Stromnetze und Energieinfrastruktur“, sagt Braun.
„Genau daraus können über Jahre hinweg Investitionschancen entstehen.“
Die zweite Reihe der KI-Profiteure
Zu den möglichen Profiteuren zählten deshalb Unternehmen aus den Bereichen
Energiemanagement, Automatisierung, Netzinfrastruktur und Stromerzeugung. Im
zugrunde liegenden Fondsportfolio gehören etwa Schneider Electric, Hitachi und
Engie zu den Unternehmen, die an unterschiedlichen Punkten dieser
Wertschöpfungskette positioniert sind. Schneider Electric und Hitachi
unterstützen den Ausbau von Strommanagement, Netzen und Automatisierung; Engie
steht für Stromerzeugung, Energienetze und den Übergang zu CO2-ärmeren
Energiequellen. „Die wirtschaftliche Aktivität hinter Künstlicher Intelligenz
ist global und reicht weit über den Technologiesektor hinaus“, betont Braun.
„Wer das Thema nur über wenige US-Mega-Caps abbildet, kann einen wesentlichen
Teil des Investitionszyklus übersehen.“
Globalität und aktive Auswahl gewinnen an Bedeutung
Auch die Portfoliokonstruktion werde damit anspruchsvoller. Künstliche
Intelligenz werde in verschiedenen Regionen und Branchen unterschiedlich
schnell eingeführt, während Engpässe, Regulierung und Investitionszyklen lokal
stark variierten. Der Capital Group New Perspective Fund sei entsprechend
global ausgerichtet; aktuell seien 48,7 Prozent des Fondsvermögens außerhalb
der USA investiert. Halbleiter stellten mit 18,8 Prozent die größte
Branchenposition dar. Diese Angaben illustrieren nach Ansicht Brauns, dass die
Anlagechance sowohl entlang der Wertschöpfungskette als auch über Regionen
hinweg gesucht werden sollte.
Fazit: Breiter denken, selektiv bleiben
„Der KI-Investitionszyklus steht aus unserer Sicht noch am Anfang, aber
seine nächste Phase wird physischer, kapitalintensiver und globaler“, resümiert
Braun. „Für Anleger bedeutet das: Nicht nur auf die bekanntesten
Technologieunternehmen schauen, sondern auf die Systeme, die KI überhaupt erst
skalierbar machen. Entscheidend bleiben dabei nachhaltige Nachfrage, begrenztes
Angebot, lange Investitionszyklen und die Fähigkeit der Unternehmen, daraus
dauerhaftes Wachstum zu erzielen.“
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