Capital Group: Trotz neuer Inflationsstrategie der Fed dürfte die Teuerung so bald nicht steigen

Capital Group: Trotz neuer Inflationsstrategie der Fed dürfte die Teuerung so bald nicht steigen

Am 27. August stellte Fed-Chairman Jerome Powell eine neue Inflationsstrategie vor: Average Inflation Targeting. Das Konzept unterscheidet sich grundlegend von dem Ansatz, mit der die Fed in den letzten Jahrzehnten die Leitzinsen gesteuert hat.

18.09.2020 | 08:31 Uhr

In Zukunft will sie bei einer Inflation unter ihrem 2%-Ziel versuchen, die Teuerung in den folgenden Jahren über 2% steigen zu lassen. Faktisch akzeptiert sie dann also einen stärkeren Preisauftrieb.

Auf der jährlichen Jackson-Hole-Konferenz der Federal Reserve Bank of Kansas City nannte Powell es „angemessen“, nach einer Phase mit weniger als 2% Teuerung „für eine gewisse Zeit“ etwas mehr als 2% Inflation anzustreben.

Die Fed will damit erreichen, dass Haushalte und Unternehmen mit einer höheren Inflation rechnen. Aber legt die Verbraucherpreisinflation dann wirklich wesentlich stärker zu? Die Antwort lautet vermutlich „nein“ oder zumindest „noch nicht“ – wobei eine höhere Assetpreisinflation nicht ausgeschlossen ist. Trotz der äußerst expansiven Geld- und Fiskalpolitik seit COVID-19 sprechen die einschlägigen Fundamentalfaktoren nicht für einen kräftigen Inflationsanstieg in den nächsten Quartalen.

Ohnehin waren längere Phasen mit einer höheren Inflation bislang eher die Ausnahme denn die Regel.

In den USA ist die Inflation selten längere Zeit hoch Verbraucherpreisindex in % z.Vj.1

Verbraucherpreisindex in %


Gemeinhin gelten fünf Faktoren als Inflationstreiber:

1. Lockere Geldpolitik und zu starkes Geldmengenwachstum

Von den 1960ern bis zu den frühen 1980ern folgte auf ein höheres Geldmengenwachstum meist eine höhere Inflation. Danach hat die Korrelation aber deutlich nachgelassen.

1 Quellen: Global Financial Data, Bureau of Labor Statistics. Jahresdaten bis 2019.

Kein enger Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation mehr
Geldmengenwachstum (M2) und Verbraucherpreisinflation in % z.Vj.2

Verbraucherpreisinflation in % z.Vj.2


Wenn die Geldmenge steigt, müssen die Preise nicht unbedingt zulegen. Denkbar ist nämlich, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes fällt, ein Dollar also seltener den Besitzer wechselt. Wenn sich Geldmengenwachstum und Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit ausgleichen, hat die höhere Geldmenge nur begrenzte Auswirkungen auf Preise und Realwirtschaft. 1948 schrieb der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson: „Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber saufen müssen sie selbst. Man kann die Geldmenge erhöhen, indem man Staatsanleihen kauft – ein enges Substitut. Aber man kann nicht erzwingen, dass das Geld für neue Güter ausgegeben wird und neue Arbeitsplätze schafft.“

Die Umlaufgeschwindigkeit ist gefallen, weil der private Sektor heute mehr Geld nachfragt. Dafür gibt es mehrere Gründe: niedrigere Inflationserwartungen, niedrigere Zinsen (und damit geringere Opportunitätskosten der Bargeldhaltung), allgemeine Unsicherheit und bis vor Kurzem auch Schuldenabbau. Bei einer fallenden Umlaufgeschwindigkeit sorgt eine wachsende Geldmenge nicht für ein höheres BIP – und damit auch nicht für die zweite Inflationsursache: einen Nachfrageüberschuss, der den Auslastungsgrad der Wirtschaft steigen und sie schließlich über ihrem Produktionspotenzial arbeiten lässt. In den frühen 1960er-Jahren haben das stärkere Geldmengenwachstum und die lockere Fiskalpolitik die private Nachfrage in den USA so stark steigen lassen, dass die Wirtschaft im Fünfjahresdurchschnitt um 6,3% p.a. wuchs. Der Auslastungsgrad der US-Wirtschaft – eine Kombination aus Kapazitätsauslastung und Arbeitslosenquote – stieg über 90% und lag damit deutlich über den 80%, die bis dahin die Inflation steigen ließen. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre ist die Verbraucherpreisinflation daraufhin von 1,2% auf 5,9% gestiegen.


Den vollständigen Beitrag von Darrell Spence, Volkswirt Los Angeles, finden Sie hier im PDF-Format.


2 Quellen: Federal Reserve, Bureau of Labor Statistics. Geldmengenwachstum um 24 Monate nach rechts verschoben (bis Juli 2022). Verbraucherpreisinflation bis Juli 2020. Die Geldmenge M2 umfasst Bargeld, Sichtanlagen bei Banken und Spareinlagen sowie Finanzinstru-mente wie Geldmarkttitel, die leicht in Bargeld umgewandelt werden können.

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