Chile: Mit Kasts Reformagenda zu mehr Wachstum?

Michaël Vander Elst, Head of Emerging Markets bei DPAM
Emerging Markets

März wird die neue Regierung Chiles liefern müssen. Michaël Vander Elst, Head of Emerging Markets bei DPAM, sieht große Herausforderungen, aber auch gute Chancen für das Land:

11.02.2026 | 09:33 Uhr

José Antonio Kast steht nach seinem Wahlsieg im Dezember für einen Wandel in der chilenischen Politik – mit der am weitesten rechts gerichteten Regierung seit dem Ende der Militärherrschaft. Bekannt wurde Kast durch seine Kampagne für Recht und Ordnung und seine Anti-Einwanderungsrhetorik. Die Verbrechen der Pinochet-Ära hat er wiederholt relativiert und die Diktatur als bedauerliches, aber notwendiges Kapitel in der Geschichte des Landes dargestellt.

Regieren durch Verhandlungen
Die neue Regierung wird von Anfang an vor Bewährungsproben stehen. Kast wird sich in einem gespaltenen Kongress über seinen Kernblock hinaus Unterstützung sichern müssen, um Gesetze verabschieden zu können. Allianzen sind unumgänglich. Die Partei des Volkes unter der Führung von Franco Parisi wird keine bedingungslose Unterstützung anbieten. Dies erhöht den Einfluss der gemäßigten und systemkritischen Abgeordneten auf wichtige Themen, darunter die Sicherheitsagenda der Regierung, Migrationsmaßnahmen und alle fiskalischen oder regulatorischen Änderungen.

Kast hat seit der Wahl versucht, versöhnlichere Töne anzuschlagen und regionale Kontakte zu knüpfen, darunter mit Javier Milei aus Argentinien. Durch die Zersplitterung des Kongresses dürfte es eher schrittweise Vereinbarungen geben als einseitige Reformen. Seine Fähigkeit, tragfähige legislative Unterstützung zu sichern, wird für den Erfolg seiner Präsidentschaft von zentraler Bedeutung sein.

Knappes Budget, schwaches Wachstum
Die dringendste Herausforderung sind die öffentlichen Finanzen. In den letzten zehn Jahren ist die Staatsverschuldung von 15 % auf rund 43 % des BIP gestiegen (bei 45 % greift eine Schuldenbremse), u.a. wegen höherer Sozialausgaben und einer alternden Bevölkerung. Die Regierung bekennt sich zu einer umsichtigen Finanzpolitik ohne Steuersenkungen. Die Entwicklung der Verschuldung hängt jedoch sehr vom Wachstum ab – und dieses bleibt hinter den Erwartungen zurück. Zuletzt lag der BIP-Zuwachs (ohne Bergbau) bei 3 % und damit unter dem Potenzial von 3 bis 3,5 %. Gründe sind starre Arbeitsmarktgesetze, ungünstige demografische Trends und wenig Diversifizierung über etablierte Sektoren hinaus.

Dies wirkt sich auf die Finanzlage des Landes aus. Der Peso bleibt leicht expansiv, wobei die Wechselkursvolatilität durch politische Unsicherheit und Carry-Trade-Dynamiken beeinflusst wird. Eine weitere Lockerung der Geldpolitik wird erwartet; der neutrale Zinssatz dürfte bei 4 bis 4,5 % liegen. Die Debatte über die Angemessenheit der Reserven und die Rolle der Pensionsfondsströme auf den Devisenmärkten dauert an.

Reformen als Wachstumsstrategie
Der Bergbau (insbesondere Kupfer und Lithium) bleibt neben grüner Energie und der digitalen Wirtschaft das Rückgrat der Wachstumsaussichten. In Infrastruktur und Energieübertragung soll erheblich investiert werden, allerdings bremsen komplexe Regelwerke die Umsetzung. Langwierige Genehmigungsverfahren und eine fragmentierte Aufsicht verzögern Bergbau- und Energieprojekte; Investoren halten sich zurück. Gegen inländische Wertschöpfung in der Verhüttung oder Batterieproduktion sprechen Kosten- und Logistikeinschränkungen.

Erfreulich ist, dass sich die Politik weitgehend einig ist, Verfahren zu straffen und administrative Überschneidungen zu reduzieren. Die Zahl der Ministerien soll von 25 auf 15 sinken. Zudem soll eine unter der vorherigen Regierung beschlossene Rentenreform umgesetzt werden, die zusätzliche Finanzierungsquellen, Risikogruppen und leistungsabhängige Anreize vorsieht. Dies dürfte im Laufe der Zeit die inländischen Kapitalmärkte stützen, indem vermehrt in lokale Vermögenswerte investiert wird.

Insgesamt spiegelt die erneute Konzentration auf Wachstum durch Regulierungsreformen, Investitionserleichterungen und Haushaltsdisziplin die Erkenntnis wider, dass sozialer Fortschritt und finanzielle Stabilität von einer stärkeren wirtschaftlichen Basis abhängen. Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich verbessert, auch wenn das Vertrauen aufgrund der wiederkehrenden politischen Ungewissheit gedämpft ist.

Für die wirtschaftlichen Aussichten Chiles sind wir vorsichtig optimistisch. Regulierungsreformen, disziplinierte öffentliche Finanzen und die Umsetzung der Rentenreform bieten Potenzial. Die politische Fragmentierung, demografische Herausforderungen und notwendige Arbeitsmarktreformen werden die Regierung auf die Probe stellen. Immerhin ist man sich im gesamten politischen Spektrum einig: Nachhaltiges Wachstum ist eine Voraussetzung für langfristige Stabilität.


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