Capital Group: Orientierung in einem neuen Umfeld für Dividenden

Capital Group: Orientierung in einem neuen Umfeld für Dividenden

Dividendenpapiere stehen heute an zahlreichen Fronten unter Druck. Der Schlüssel für Investitionen in ertragsorientierte Unternehmen liegt in einer tiefschürfenden Analyse und in Diversifikation.

14.05.2020 | 08:31 Uhr

Während ein Großteil der Welt derzeit unter Quarantäne steht, stehen wir, was Dividenden anbelangt, an einem Wendepunkt.

Während ein Großteil der Weltwirtschaft praktisch stillgelegt ist, stehen viele Unternehmen, was die Rückführung von Bargeld an die Aktionäre anbelangt, vor schwierigen Entscheidungen. Das Ausmaß an Dividendenkürzungen und -aussetzungen war über ein Jahrzehnt lang nicht mehr so groß wie jetzt. Doch sogar in dieser Situation haben einige Unternehmen ihre Auszahlungen aufrechterhalten oder sie sogar erhöht.

Angesichts dieser Unterschiede in der Bereitschaft zur Dividendenausschüttung ist es mehr denn je erforderlich, Recherchen im Hinblick auf spezifische Aktien durchzuführen, um so die qualitativ hochwertigen Unternehmen zu identifizieren, die imstande sind, dem Sturm standzuhalten.

Auch in den entwickelten Märkten sind die Zinsen nach wie vor extrem niedrig, und dadurch wird nochmals die Notwendigkeit unterstrichen, diejenigen Unternehmen ausfindig zu machen, die nachhaltige Erträge für Investoren generieren können.

Aktienrendite-1
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Dividenden unter Druck

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind Dividendenkürzungen und -aussetzungen nichts Ungewöhnliches. Diese haben aufgrund der Verlangsamung der Verkäufe und des Ringens der Unternehmen um die Erhaltung ihrer Liquidität in den Vereinigten Staaten inzwischen ein Ausmaß erreicht, das zuletzt während der Großen Rezession zu beobachten war. In Europa sind die Dividenden unter immensen politischen Druck geraten, weil die staatlichen Aufsichtsbehörden die Banken ermahnen, inmitten der Coronavirus-Pandemie ihr Kapital zu bewahren.

US-Unternehmen-Dividenden
US-Unternehmen-Dividenden
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Viele Investoren mögen von dem Ausmaß überrascht sein, in dem die Dividendenpolitik in zahlreichen Branchen von ethischen und sozialen Erwägungen beeinflusst wird. Besonders stark ausgeprägt ist dies bei Unternehmen in Frankreich, Spanien und Deutschland.

Zahlreiche europäische Unternehmen haben ihre Jahresversammlungen verschoben und planen, sich erst zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr mit der Neubewertung der Lage zu befassen. Da einige Unternehmen in Europa statt vierteljährlich nur ein- oder zweimal im Jahr Dividenden ausschütten, sind die monetären Auswirkungen und die Ungewissheit beträchtlich.

Vor dem Hintergrund stark fallender Ölpreise hat Royal Dutch Shell in der vergangenen Woche zum ersten Mal seit 1945 seine Dividende verringert, und zwar um mehr als 60 % auf 16 Cent pro Aktie.

Lichtblicke

Trotz des schweren globalen Wirtschaftsabschwungs gehen jedoch nicht alle Unternehmen denselben Weg. Viele sind nach wie vor bestrebt, ihre Dividenden aufrechtzuerhalten oder sie sogar zu erhöhen.

Beispielsweise haben in Europa Nestlé und die Zurich Insurance ihre Pläne forciert, virtuelle Jahresversammlungen abzuhalten, und bekräftigt, ihre Dividendenauszahlungen wie geplant vorzunehmen. Der deutsche Chemieriese BASF hält an seiner Auszahlung fest, und mehrere Versorgungsunternehmen im Vereinigten Königreich haben sich für die Beibehaltung ihrer Dividenden auch in diesen turbulenten Zeiten stark gemacht.

Unter den US-amerikanischen Unternehmen haben Procter & Gamble und Johnson & Johnson ihre Auszahlungen erhöht, und Starbucks behält seine Dividende bei. Selbst, was den hart getroffenen Erdölsektor betrifft, hat ExxonMobil am 29. April verlautbart, seine Quartalsdividende trotz eines Verlusts von 610 Millionen Dollar im ersten Quartal beizubehalten.

Beurteilung der Dividendennachhaltigkeit

Während die Unternehmen unterschiedliche Wege einschlagen, prüfen unsere Wertpapieranalysten rigoros die Bilanzstärke, die finanziellen Rahmenbedingungen und die Cashflow-Aussichten jedes einzelnen Unternehmens.

Als Beispiel sei hier die US-amerikanische Kommunikationsdienstleistungsbranche angeführt. Diese Branche hat sich in den letzten Jahren konsolidiert, wobei mehrere Unternehmen sowohl zu Anbietern als auch zu Vertreibern von Content geworden sind. Diese Konsolidierung hat auch finanzielle Auswirkungen gehabt.

AT&T hat DirecTV und vor kurzem auch Time Warner übernommen. Infolgedessen stieg die Nettoverschuldung von AT&T auf 150 Milliarden Dollar, und die Gewinne des Unternehmens wurden aufgrund der zyklischen Natur des Werbegeschäfts konjunkturanfälliger. Verizon Communications dagegen weist eine Nettoverschuldung von etwa 130 Milliarden Dollar auf, ist jedoch weniger vom Werbegeschäft abhängig. Die Aktien von Verizon bringen geringere Erträge als die von AT&T, aber die Dividende von Verizon wird vom Markt als sicherer wahrgenommen.

Unsere Aktienanalysten arbeiten mit unserem Fixed-Income-Team zusammen, um das Risiko zu bewerten, dass ein Unternehmen seine Dividende kürzt, um eine Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit zu vermeiden. Wenn Unternehmen einen hohen Verschuldungsgrad aufweisen, kann dies die Nachhaltigkeit der Dividenden beeinträchtigen.

Dividenden-Cashflow
Dividenden-Cashflow
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Unsere Analysten und Portfoliomanager wägen auch subjektive Faktoren ab, die sich auf die Dividende auswirken könnten, und zwar beispielsweise:

• Übernahmen: Manche Unternehmen konzentrieren sich auf Übernahmen und akquirieren aus strategischen Gründen kleinere oder schwächere Wettbewerber, während die Bewertungen unter Druck stehen, und kürzen die Dividenden, um die Schuldenrückzahlung zu beschleunigen.

• Änderungen in der Geschäftsleitung: Ein vor kurzem ernannter CEO oder ein neuer Vorstandsvorsitzender könnte sich unter Umständen weniger als sein Vorgänger der bisherigen Dividendenpolitik verpflichtet fühlen.

• Zusammensetzung des Vorstands: Bestimmte Vorstandsmitglieder könnten zugleich Führungspositionen in anderen Unternehmen innehaben, die bereits Dividenden gekürzt haben, und möglicherweise keine Skrupel haben, dies wieder zu tun.

Der richtige Zeitpunkt für ein Upgrade von Ertragsportfolios?

Im Hinblick auf Dividendenpapiere zeichnet sich ein neues Paradigma ab, und deshalb halten wir es für wichtig, die Qualität ertragsorientierter Portfolios zu verbessern. Unserer Ansicht nach muss ein effektiver Ansatz Folgendes umfassen:

1. Diversifikation: Die Generierung eines unverhältnismäßig hohen Ertragsanteils aus einem bestimmten Sektor oder einer bestimmten Region kann eine Erhöhung des Risikos eines starken Rückgangs der Dividendeneinnahmen zur Folge haben. Dividenden werden jetzt von Unternehmen zahlreicher Sektoren ausgeschüttet, die – wie der Technologie- und der Gesundheitssektor – außerhalb der herkömmlichen Bereiche liegen. Durch einen globalen Ansatz wird, sofern ein solcher als geboten erscheint, auch der Pool der dividendenzahlenden Unternehmen erweitert und eine weitere Diversifikation bewirkt.

2. Tiefschürfende Analyse: Finanz- und Liquiditätsanalysen können, gestützt auf die Zusammenarbeit zwischen Aktien- und Fixed-Income-Analysten, zur Beurteilung der Fähigkeit eines Unternehmens zur Dividendenausschüttung im Rahmen zahlreicher Szenarien beitragen.

3. Ganzheitliche Perspektive: Hierzu gehört die Bewertung zahlreicher qualitativer und subjektiver Faktoren einschließlich der neuesten Veränderungen im Management, der Zusammensetzung des Vorstands und der Vorgehensweise des jeweiligen Unternehmens bei Fusionen und Übernahmen in schwierigen Zeiten.


Die Autoren

Dale Hanks
Direktor für Investitionen

Dale Hanks ist ein Investitionsdirektor mit 33 Jahren Investitionserfahrung. Er hat einen Master-Abschluss in theologischer Ethik vom Fuller Theological Seminary und einen Bachelor-Abschluss in internationaler politischer Ökonomie von der University of California, Berkeley. 

Marc Nabi
Direktor für Investitionen

Marc Nabi ist ein Investitionsdirektor mit 31 Jahren Investitionserfahrung. Er hat einen MBA in Finanzwesen von der New York University und einen Bachelor-Abschluss in Buchhaltung von der University of Michigan.

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