Bei Janus Henderson denkt Sarah de Lagarde als „Brighter Future Strategist“ Investments neu – zwischen Gesundheit, Technologie und Verantwortung. Sie weiß, dass Innovation nur dann zählt, wenn sie Menschen dient. Im Gespräch erklärt sie, warum „Wealth for Health“ Anlegerinnen und Anleger ebenso verändert wie die Gesellschaft.
20.03.2026 | 14:00 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM FundResearch: Frau de Lagarde, Ihr Titel lautet „Brighter Future Strategist“. Was genau tun Sie in dieser Rolle?
Sarah de Lagarde: Ich sitze im Responsibility‑Team von Janus Henderson und arbeite an Themen, die die Investmentbranche und zugleich größere, menschliche Fragen betreffen – von ESG und Diversität über verantwortungsvollen KI‑Einsatz bis zu demografischen Trends. Mein Job existiert so nirgendwo sonst: Ich übersetze technologische und gesundheitliche Innovationen in greifbare, persönliche Geschichten. So können Menschen verstehen, wie diese Entwicklungen realen Alltag verbessern können.
Warum stellen Sie das Thema „Alternde Gesellschaften“ so in den Mittelpunkt?
Weil es alle betrifft: 100 Prozent von uns werden älter – mit abnehmender Mobilität und höherer Krankheitslast. Bereits heute stehen Gesundheitssysteme unter Druck; bis 2050 wird es weltweit über zwei Milliarden Menschen im Alter von 65 plus geben. Ohne Effizienzgewinne wird das kaum finanzierbar sein. Deshalb interessiert mich, wie Innovation etwa durch KI und Robotik die Versorgung beschleunigen, Prozesse entlasten und Ressourcen dorthin lenken kann, wo sie den größten Unterschied machen.
Was heißt das konkret: Wo sehen Sie die größten Hebel für KI im Gesundheitswesen?
Zum einen im klinischen Bereich – etwa als Assistenz für Chirurginnen und Chirurgen. Zum anderen, und das wird oft unterschätzt, in der Verwaltung: In vielen Systemen lasten Aktenberge und redundante Abläufe auf der Versorgung. Wenn KI administrative Prozesse verschlankt, verkürzen sich Wartezeiten und Entscheidungen fallen schneller. Aber diese Technologien müssen verantwortungsvoll eingesetzt und reguliert werden – KI ist in ihrer Wirkung so mächtig, dass sie Gutes bewirken oder Schaden anrichten kann.
Sie sprechen oft von „responsible technology“. Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger?
Verantwortungsbewusste Technologie beginnt mit Transparenz, Fairness, menschzentriertem Design und klarer Rechenschaft. Für Investorinnen und Investoren heißt das: Nicht jeder Hype ist investierbar, aber dort, wo Technologie Probleme löst und Zugang schafft, entstehen nachhaltige Chancen etwa an den Schnittstellen von Gesundheit und Tech. Meine Aufgabe ist, die Brücke von der Idee zur Anwendung bis zum investierbaren Thema zu schlagen.
Sie sagen: „Meine Geschichte ist keine über Behinderung, sondern über Mobilität.“ Wie prägt Ihre Erfahrung Ihren Blick?
Nach meinem Unfall habe ich bionische Technologien und Robotik aus Patientinnen‑Sicht kennengelernt. Das verändert, wie man über Innovation denkt: Es geht nicht um abstrakte „Devices“, sondern darum, Mobilität zurückzugeben. Diese persönliche Perspektive hilft, komplexe Trends zu entmystifizieren und zu zeigen, wie Technologie Lebensqualität schafft. Und warum sich daraus legitime Investmentthesen ableiten lassen.
In Ihren Vorträgen taucht die Formel „Wealth for Health“ auf. Was steckt dahinter?
Wir sind es gewohnt, für Haus, Auto oder Ausbildung zu sparen. Ich glaube, wir müssen lernen, auch für Gesundheit zu sparen – weil zwei‑gleisige Systeme (öffentlich/privat) Warteschlangen erzeugen und Innovation teuer ist. „Sparen für die Gesundheit“ klingt vielleicht neu, könnte aber die sinnvollste Investition unseres Lebens sein: Sie schafft Handlungsspielraum in Krisen und lenkt Kapital in Unternehmen, die Lösungen entwickeln. Ein doppelter Nutzen – für die eigene Vorsorge und für gesellschaftlichen Fortschritt
Heißt das lieber Fonds als Tagesgeld?
Investmentfonds sind aus meiner Sicht ein sinnvoller Weg, weil sie potenzielle Rendite mit der Finanzierung von Innovation verbinden. Bei Janus Henderson arbeiten Portfoliomanager an Strategien im Gesundheits‑ und Technologiesektor, aber auch an deren Schnittstellen. Meine Rolle ist aber nicht der Produktvertrieb, sondern Kontext: Ich erzähle die menschliche Seite, die Portfolioteams entscheiden über Investments.
Ein anderes Thema, das Sie umtreibt, ist Frauengesundheit. Wo sehen Sie Lücken?
Frauenmedizin war lange unterforscht und unterfinanziert. Das zeigt sich in Details – von Crash‑Test‑Dummys nach männlichem Standard bis zur Passform von Prothesen. Ich habe in einer NHS‑Klinik eine bionische Hand gezeigt bekommen, die doppelt so groß war wie meine. Die kleinere gibt es – aber nicht im öffentlichen System. Solche Unterschiede sind nicht trivial; sie entscheiden über Teilhabe.
Wie reagieren Sie auf die wachsende Kritik an der Idee, dass Technologie jedes Problem löst?
Ich bin Optimistin, aber keine Utopistin. Technologie ist Werkzeug, kein Selbstzweck. Ihr Einsatz muss reguliert, inklusiv und zugänglich sein, sonst verschärfen wir Ungleichheiten. Genau deshalb spreche ich mit Portfolioteams, aber auch mit politischen Akteuren über Barrierefreiheit, Ethik und den gesellschaftlichen Rahmen, in dem Innovation stattfinden sollte.
Gibt es in Ihrem Haus spezielle Strategien, die dies abbilden?
Wir haben Strategien mit nachhaltiger Ausrichtung sowie Fonds im Bereich Gesundheit, Technologie und den Schnittmengen beider Felder. In den USA arbeiten wir zudem mit der American Cancer Society zusammen: Für eine Fondspalette verzichten wir auf unseren Management‑Fee‑Anteil, der stattdessen die Krebsforschung finanziert; eine Ausweitung auf Europa wird geprüft. Wichtig bleibt: Anlegerinnen und Anleger sollen eine Wahl haben – von sehr „grün“ bis weniger restriktiv –, auf Basis transparenter Research‑Erkenntnisse unseres Responsibility‑Teams.
Prävention statt Heilung: Sehen Sie darin einen langfristigen Anlagetrend?
Ja. Jüngere Generationen achten stärker auf Gesundheit, Ernährung und Bewegung. Präventive Angebote wie Diagnostik über Wearables bis hin zu datengetriebener Versorgung werden wachsen. Für die Kapitalmärkte bedeutet das Rückenwind für Unternehmen, die Evidenz schaffen, Kosten senken und Zugang verbessern.
Und was raten Sie Anlegern ganz praktisch?
Erstens: Informiert bleiben und das Thema Gesundheit als Sparziel anerkennen. Zweitens: Strukturen schaffen – vom Notgroschen bis zu breit gestreuten, langfristigen Investments, die Innovation finanzieren. Drittens: Auf Verantwortung achten – bei Produkten, Anbietern und der zugrunde liegenden Technologie. Fortschritt ist kein Selbstläufer, aber wir können ihn mit unseren Entscheidungen formen.
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