AB: Tech-Aktien sollten in ESG-Portfolios stark vertreten sein

AB: Tech-Aktien sollten in ESG-Portfolios stark vertreten sein

Das Wall Street Journal (WSJ) kritisierte ESG-Portfolios jüngst dafür, von großen Technologiewerten dominiert zu sein. Wir denken jedoch, dass diese Aktien integraler Bestandteil einer nachhaltigen Agenda sein sollten, sofern sie sorgfältig im Rahmen eines klar definierten Prozesses auf Verbesserungen bei den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung überprüft werden.

28.02.2020 | 13:24 Uhr

Der WSJ-Artikel vom 10. Februar (in englischer Sprache) behauptet, dass nachhaltig investierende Fonds Etikettenschwindel betreiben würden, weil sie nicht unbedingt in Windturbinenhersteller investieren oder in Unternehmen, die weibliche oder nichtweiße Aufsichtsratsmitglieder fördern. „Viele dieser Fonds sehen aus wie Technologie-Portfolios von Standardwerten“, schrieb die Autorin.

Unter Bezugnahme auf einen Bericht von RBC Capital Markets stellte das WSJ fest, dass die fünf am häufigsten gehaltenen S&P-500-Aktien in aktiv verwalteten nachhaltigen Aktienfonds Microsoft, Alphabet Inc., Visa, Apple und Cisco Systems sind. Unternehmen wie NextEra Energy, der weltweit größte Betreiber von Wind- und Solarparks, sind hingegen in ESG-Fonds unterrepräsentiert. Diese Ergebnisse, so der Bericht, sind frustrierend für sozial bewusste Anleger, da die Branche über kein klares Regelwerk für ESG-Fonds verfügt.

Drei Fehler

Der Bericht liegt aus unserer Sicht aus drei Gründen daneben. Erstens befürwortet er eine sehr enge Definition von ESG-Themen und -Fonds. Zweitens verkennt der Bericht die zentrale Rolle, die Technologieunternehmen bei der Förderung von ESG-Verbesserungen spielen. Drittens verkennt der Artikel die Alpha-Chancen, die aktive Manager haben, wenn sie im Besitz von Unternehmen mit Wettbewerbsvorteilen sind, die sich auf Nachhaltigkeit konzentrieren.

Was sind ESG-Themen?

Sozial orientierte Investoren wollen dazu beitragen, die Welt zu verbessern. Aber zu erwarten, dass nachhaltige Fonds nur in Unternehmen investieren, die „den Klimawandel bekämpfen, Windturbinen entwickeln oder diverse Vorstände fördern“, ist unserer Ansicht nach ein Fehler. Es ist auch ein verbreitetes Missverständnis. Viele Anleger setzen sich mit der Definition von ESG-Themen auseinander. Der Artikel impliziert, dass nur eine enge Liste von ESG-Themen legitim ist, aber das Gegenteil ist der Fall. Nachhaltige Entwicklung berührt alle Facetten der Gesellschaft.

Wir glauben, dass die Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung Investoren einen guten Leitfaden zur Definition der gesamten Bandbreite nachhaltiger Themen und Anlagemöglichkeiten bieten können. Die 17 Ziele, die von 193 Industrie- und Entwicklungsländern entwickelt wurden, befassen sich mit den dringendsten Problemen der Welt, darunter Armut und Ungleichheit, Geschlechtergleichstellung, Zugang zur Gesundheitsversorgung, finanzielle Eingliederung und saubere Energie. Diese Themen betreffen Einzelpersonen und Unternehmen in allen Regionen und allen Wirtschaftssektoren und unterstreichen die Tatsache, dass ESG-Themen alles andere als eng gefasst sind.

Der Artikel des WSJ vermischt auch zwei unterschiedliche Triebkräfte für die soziale Wertschöpfung – Produkte und Unternehmensverhalten. Im Allgemeinen kann ein Unternehmen durch seine Produkte und Dienstleistungen (wie etwa Windturbinen gegenüber Tabak) und durch sein eigenes Betriebsverhalten (wie etwa faire geschlechtsspezifische Bezahlung gegenüber Korruption) sozialen Wert schaffen oder zerstören. ESG-Fragen gelten für beide Kategorien gleichermaßen.

Was ist ein ESG-Fonds?

Es stimmt, dass es keine feste Definition dessen gibt, was als ESG-Fonds qualifiziert wird, wie das WSJ festgestellt hat – und wie die US-Börsenaufsicht SEC bestätigt hat. Noch nicht einmal in Europa, wo man sich schon weitaus länger mit diesem Themenkomplex auseinandersetzt. Es stimmt auch, dass es ESG-Fonds in allen Formen und Größen gibt. Aber das bedeutet nicht, dass sich alle ESG-Fonds einer „Grünfärberei“ schuldig machen.

Klarheit und Transparenz sind wichtig. Investmentmanager müssen über eine klar formulierte Methodik zur Einbeziehung von ESG-Faktoren verfügen. Kunden verdienen es, genau zu wissen, wie sich der Ansatz eines Managers auf die Portfoliokonstruktion, die Attribute und die erwarteten Erträge auswirkt.

ESG-Strategien können viele verschiedene Ansätze verfolgen, was sich auf die Portfoliokonstruktion auswirkt. Einige zielen absichtlich auf Unternehmen ab, die sozial nützliche Produkte verkaufen, und übergewichten in der Regel bestimmte Branchen wie Gesundheitswesen, Technologie und Industrie. Andere Fonds konzentrieren sich darauf, Unternehmen mit schlechtem ESG-Verhalten dazu zu drängen, ihre Praktiken zu verbessern und damit schlummerndes Alpha-Potenzial zu heben; diese Fonds können in jedem Sektor investieren – auch in Versorger, die normalerweise nicht auf ESG-Radarschirmen erscheinen.

Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen verkaufen, um eine oder mehrere der UN-Ziele zu erreichen, und die über starke Geschäftsmodelle verfügen, sind unserer Ansicht nach attraktive Anlagekandidaten. Diese Art von Fokussierung führt zu einem qualitativ hochwertigen, wachstumsorientierten Portfolio. Es gibt jedoch auch andere Möglichkeiten, einen ESG-Fokus anzuwenden, und die Anleger können wählen, welche davon für ihre individuellen Bedürfnisse am besten geeignet sind.

Warum sollten ESG-Fonds keine Technologieaktien besitzen?

Das WSJ impliziert, dass der Besitz großer Technologieaktien nicht mit einer ESG-orientierten Agenda vereinbar ist. Aber warum? Technologieunternehmen helfen uns, Wissen zu kommunizieren und zu teilen, neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, die Reichweite des Gesundheitswesens zu vergrößern, Menschen und kleine Unternehmen mit dem Finanzsystem zu verbinden und unsere persönlichen digitalen Vermögenswerte zu schützen. Jedes dieser Themen steht im Mittelpunkt der nachhaltigen Entwicklung. Es wäre unserer Überzeugung nach seltsam, sie in einem ESG-Fonds zu ignorieren.

Natürlich sehen sich Technologieunternehmen wachsenden Bedenken hinsichtlich ESG-Themen wie Datenschutz, Unternehmensführung und Energieverbrauch in Datenzentren gegenüber. Das sind Bereiche, in denen ein aktiver Aktienfondsmanager mit dem jeweiligen Vorstand zusammenarbeiten und entscheiden kann, ob er diese Aktien besitzen möchte. So können Anleger mit einer klaren Definition von Nachhaltigkeit Technologieaktien identifizieren, die starke Vehikel für positive Veränderungen sein können, und diejenigen ausschließen, die ihre Kriterien nicht erfüllen.

Das Problem der heimlichen Indexanleger

Vielleicht sind alle ESG-Fonds nur darauf aus, die Anleger zu täuschen und die Benchmark nachzuahmen? Der WSJ argumentiert, dass ESG-Fonds ein großes Gewicht in „Big Tech“ haben, weil sie besorgt sind, zu weit von der Benchmark abzuweichen, was das Risiko eines Fehlertrags erhöht. Wir halten es für unfair, ausgerechnet nachhaltige Fonds als heimliche Indexanleger anzuprangern, weil das ein branchenweites Problem darstellt.

Tatsächlich kann ein Abweichen von der Benchmark, um wirklich nachhaltige Unternehmen zu finden, Zusatzerträge fördern. Das liegt daran, dass Unternehmen, die nachhaltige Produkte verkaufen und nachhaltige Geschäftspraktiken anwenden, sinnvolle Wettbewerbsvorteile schaffen können. Vorausschauende, ESG-orientierte Unternehmen können von einem starken langfristigen Wachstumspotenzial, einer verbesserten Profitabilität und einem geringeren Risiko profitieren. Im Gegensatz dazu wird bei marktkapitalisierungsgewichteten Benchmarks häufig der Schwerpunkt auf auslaufende Alttechnologien gelegt.

ESG-fokussierte Anlagestrategien werden verstärkt auf den Prüfstand gestellt. Anleger sollten immer sicherstellen, dass sie verstehen, wie ein Fonds ihr Vermögen investiert. Aber verteufeln Sie nicht den Technologiesektor als Bestandteil von nachhaltigen Fonds. Technologieaktien sind ein wichtiger Bestandteil der modernen Weltwirtschaft und ein wichtiger Faktor für positive Veränderungen, die in ESG-orientierten Portfolios eine natürliche Heimat haben.

Dan Roarty ist Chief Investment Officer für Thematic and Sustainable Equities bei AllianceBernstein (AB).

In diesem Dokument zum Ausdruck gebrachte Meinungen stellen keine Analysen, Anlageberatungen oder Handelsempfehlungen dar, spiegeln nicht unbedingt die Ansichten aller Portfoliomanagementteams bei AB wider und können von Zeit zu Zeit überarbeitet werden.

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