
Die globale Ordnung wird fragmentierter, politischer und weniger vorhersehbar. Damit steigt nicht nur das Risikoniveau. Auch die Bandbreite möglicher Marktergebnisse wird größer.
31.08.2026 | 10:28 Uhr
Zu dieser Einschätzung kommt Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group. Geopolitische Spannungen wirkten inzwischen nicht mehr allein über kurzfristige Schocks auf die Märkte. Zunehmend beeinflussten politische Entscheidungen dauerhaft Handelsströme, Lieferketten, Kapitalflüsse und Energieversorgung. Für Anleger rücke deshalb die Widerstandsfähigkeit von Portfolios stärker in den Mittelpunkt.
„Geopolitik ist von einem Randthema zu einem zentralen Faktor für die Kapitalmärkte geworden“, sagt Tölsner. „Entscheidend ist heute weniger, jeden politischen Ausgang vorherzusagen. Vielmehr müssen Anleger verstehen, wo Abhängigkeiten bestehen, wie lange Belastungen anhalten können und welche Unternehmen oder Märkte mit einem veränderten Umfeld besser umgehen können.“
Geopolitische Risiken dauern länger
Strategische Rivalitäten, Protektionismus, Industriepolitik und das Streben
nach resilienteren Lieferketten gewännen an Bedeutung. Gleichzeitig verlagere
sich der Wettbewerb zwischen Staaten stärker in den wirtschaftlichen Bereich.
Zölle, Sanktionen, Exportkontrollen und Investitionsbeschränkungen würden
zunehmend eingesetzt, um strategische Interessen durchzusetzen. Damit könnten
geopolitische Spannungen länger auf Märkte wirken als klassische kurzfristige
Schocks.
„Märkte sind häufig gut darin, eine unmittelbare Krise schnell einzupreisen“, erläutert Tölsner. „Schwieriger ist die Frage, wie lange deren Auswirkungen anhalten. Wenn Sanktionen, Handelsbeschränkungen oder Störungen von Lieferwegen über längere Zeit bestehen bleiben, können sich die Folgen über höhere Kosten, veränderte Finanzierungsbedingungen und steigende Risikoprämien immer weiter aufbauen.“ Positionen, deren Erfolg stark von stabilen Handelsbeziehungen, Finanzierungsbedingungen oder politischen Rahmenbedingungen abhängt, sollten daher genauer hinterfragt werden.
Engpässe werden zum entscheidenden Risikofaktor
Dabei müsse nicht zwangsläufig das gesamte Angebot eines Rohstoffs oder
Produkts ausfallen, damit Märkte unter Druck gerieten. Immer wichtiger werde
die Kontrolle über die Netzwerke, durch die Waren, Kapital und Technologie
fließen. Kritische Transportwege, Energieinfrastruktur, Halbleiter, Rohstoffe
oder der Zugang zu Finanzierungsquellen könnten zu strategischen Engpässen
werden.
„Klassische Angebots- und Nachfragezahlen allein reichen deshalb nicht mehr aus“, so Tölsner. „Anleger müssen zusätzlich verstehen, über welche Routen Waren transportiert werden, von welcher Infrastruktur Unternehmen abhängig sind und wo sich kritische Verbindungen konzentrieren.“
Eine multipolarere Welt vergrößert die Unterschiede
zwischen Märkten
Parallel dazu verteile sich globale Macht zunehmend auf mehrere regionale
Zentren. Zwar blieben die USA und China zentrale Akteure für die
Weltwirtschaft. Andere Regionen und Staaten gewännen jedoch an strategischer
Bedeutung und verfolgten zunehmend eigenständige wirtschaftspolitische Ziele.
„Wir bewegen uns nicht einfach von einer alten dominanten Ordnung zu einer
neuen“, erklärt Tölsner. „Vielmehr entstehen mehrere Machtzentren mit
unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und strategischen Prioritäten.
Genau daraus resultieren größere Unterschiede zwischen Ländern, Branchen und
Unternehmen.“
Politik wird stärker zum Renditetreiber
Diese Divergenz dürfte nach Einschätzung von Tölsner zunehmend Einfluss auf
Anlageergebnisse nehmen. Politische Entscheidungen könnten Kostenstrukturen,
Marktzugang, Kapitalflüsse und staatliche Unterstützung stärker bestimmen als
in der Vergangenheit. Für Unternehmen könne das sehr unterschiedliche Folgen
haben. Geschäftsmodelle, die besonders stark auf vollständig globalisierte und
maximal kostenoptimierte Lieferketten angewiesen seien, könnten vor größeren
Herausforderungen stehen. Unternehmen, deren Aktivitäten dagegen mit politischen
Prioritäten wie Energiesicherheit, heimischer Produktion, kritischer
Infrastruktur oder strategischen Technologien übereinstimmten, könnten von
Investitionen, Subventionen oder regulatorischer Unterstützung profitieren. Für
Europa könne dies etwa Investitionszyklen in Verteidigung, Energie und
Infrastruktur verstärken, während zugleich unterschiedliche fiskalische
Spielräume und politische Prioritäten für eine größere Streuung sorgten.
„Wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stärker auseinanderlaufen, dürfte auch die Streuung der Unternehmensergebnisse zunehmen“, sagt Tölsner. „Damit gewinnen Länder-, Branchen- und Unternehmensauswahl an Bedeutung. Eine pauschale Betrachtung ganzer Märkte wird einem solchen Umfeld immer weniger gerecht.“
Widerstandsfähigkeit statt Prognosesicherheit
Daraus folge vor allem die Notwendigkeit einer bewussteren Diversifikation.
Wobei es nicht allein darum gehe, möglichst viele Märkte oder Anlageklassen zu
halten. Entscheidend sei vielmehr, zu erkennen, wo sich ähnliche Risiken im
Portfolio konzentrierten und welche Positionen tatsächlich unterschiedliche
Renditetreiber mitbrächten.
Geopolitik werde damit dauerhaft Teil der fundamentalen Investmentanalyse. „Die neue Weltordnung ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein fortlaufender Prozess“, so Tölsner. „Für langfristige Anleger kommt es darauf an, Veränderungen frühzeitig zu erkennen, Annahmen kontinuierlich zu überprüfen und Portfolios so aufzustellen, dass sie auch dann widerstandsfähig bleiben, wenn sich das globale System weiter verändert.“
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