Das Zeitalter der Streuung: Warum KI die US-Aktienmärkte neu ordnet

Das Zeitalter der Streuung: Warum KI die US-Aktienmärkte neu ordnet
Aktienmarkt

An den US-Aktienmärkten zeichnet sich ein tiefgreifender Wandel ab: Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem wenige große Technologiewerte die Marktentwicklung dominierten, streuten Anleger zuletzt vermehrt in unterrepräsentierte Sektoren und Einzeltitel

09.06.2026 | 08:21 Uhr

Zu dieser Einschätzung kommt Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group. Auslöser dieser Entwicklung sei vor allem der starke Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz. KI-bezogene Ausgaben verschöben Kapitalströme, veränderten Gewinnperspektiven und eröffneten neue Chancen jenseits der bekannten Mega-Cap-Technologiewerte.

Besonders auffällig sei die wachsende Streuung innerhalb des S&P 500. Aktien kleinerer Unternehmen, Value-Titel und bislang unterrepräsentierte Sektoren hätten zuletzt besser abgeschnitten als große Technologiewerte. Zugleich zeigten sich Anzeichen dafür, dass marktkapitalisierungsgewichtete Indizes nicht mehr dieselbe breite Diversifikation bieten würden wie früher. „Die sogenannten ,Magnificent Seven‘ verhalten sich zunehmend wie eine konzentrierte Technologieposition statt wie sieben unabhängige Renditequellen“, so Braun. „Damit rückt eine zentrale Frage stärker in den Vordergrund: Welche Unternehmen können die KI-bedingten Investitionen tatsächlich in nachhaltige Erträge übersetzen?“

KI-Investitionen werden physisch
Der KI-Zyklus beschränke sich längst nicht mehr auf Halbleiterhersteller und große Cloud-Anbieter. Zwar blieben diese Unternehmen zentrale Treiber der Entwicklung. Doch die Ausgaben für Rechenleistung, Datenzentren, Stromversorgung, Kühlung, Netzwerke und industrielle Ausrüstung wirkten zunehmend in andere Bereiche der Wirtschaft hinein.

Davon würden Sektoren profitieren, die lange weniger im Fokus standen: Industrieunternehmen, Versorger und Materialwerte lieferten zentrale Bausteine für den Ausbau der KI-Infrastruktur – von Stromerzeugung und Netzen über Stahl, Beton und Kühlung bis hin zu elektrischer Ausrüstung. „Die Wertschöpfung verlagert sich entlang der gesamten KI-Infrastruktur“, erklärt Christophe Braun. „Für Anleger bedeutet das, dass sie über die offensichtlichen Gewinner hinausblicken müssen.“

Indexkonzentration wird zum Risiko
Gleichzeitig zeige sich, dass die jahrelange Dominanz weniger großer Technologiewerte Auswirkungen habe. Die starke Konzentration in marktkapitalisierungsgewichteten Indizes habe Bewertungen auf sehr hohe Niveaus getrieben. So habe der Shiller-CAPE des S&P 500 Ende 2025 einen Wert von rund 40 erreicht und damit den zweithöchsten Stand seit mehr als 150 Jahren – nur der Höhepunkt der Dotcom-Blase habe darüber gelegen. Der Shiller-CAPE gilt als langfristiger Bewertungsindikator, weil er den aktuellen Indexstand nicht mit den Gewinnen eines einzelnen Jahres, sondern mit dem inflationsbereinigten Durchschnitt der Unternehmensgewinne der vergangenen zehn Jahre vergleicht.

Die jüngste hohe Bewertung verdecke jedoch erhebliche Unterschiede innerhalb des Marktes, erklärt Braun. Während das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 auf Basis erwarteter Gewinne nahe 22 liege, seien einzelne Bereiche deutlich günstiger bewertet. Finanzwerte notierten beispielsweise bei rund 15, Gesundheitswerte bei etwa 18,6. Hinzu komme, dass die Magnificent Seven die Diversifikation vieler Portfolios verringern könnten. Wenn stark gewichtete Aktien zunehmend gemeinsam stiegen oder fielen, lieferten sie weniger unabhängige Renditequellen. „Marktkapitalisierungsgewichtete Indizes waren in der vergangenen Phase sehr erfolgreich“, so Braun. „Doch wenn wenige große Titel einen immer größeren Teil des Marktes bestimmen, müssen Anleger genauer prüfen, wie viel Diversifikation sie tatsächlich erhalten.“

Wachsende Lücke zwischen Gewinnern und Verlierern
Ein weiteres Signal für einen Umbruch im Markt sei die steigende Streuung der Renditen. Die Querschnittsvolatilität innerhalb des S&P 500 nähere sich wieder den hohen Niveaus der Corona-Zeit. Braun: „Das deutet darauf hin, dass sich die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern vergrößert. Fundamentalanalyse, Bewertung der Geschäftsmodelle und eine disziplinierte Titelauswahl gewinnen dadurch an Bedeutung – ein Umfeld, das für aktive Investoren Chancen eröffnet.“

Auch kleinere Unternehmen würden wieder stärker in den Fokus rücken. Nach Jahren der Underperformance notierten Small Caps im Vergleich zu Large Caps mit historisch hohen Bewertungsabschlägen. Im ersten Quartal habe der Russell 2000 den S&P 500 um mehr als fünf Prozent übertroffen. Für Braun ist das ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Marktbreite verändert. „Wenn sich Renditen stärker über Einzeltitel und Sektoren verteilen, entstehen wieder mehr Ansatzpunkte für aktive Auswahl“, sagt er.

Aktiv und passiv neu ausbalancieren
Diese Entwicklung bedeute allerdings nicht, dass passive Strategien keine Rolle mehr spielen würden. Viele Anleger kombinierten bereits indexbasierte Bausteine mit aktiven Ansätzen. Doch das Umfeld verändere sich, erläutert Braun: „Die einfache Formel der vergangenen Jahre – möglichst breite, günstige Marktexponierung über kapitalisierungsgewichtete Indizes – könnte an Wirksamkeit verlieren. Wenn Streuung, Bewertungsunterschiede und Konzentrationsrisiken zunehmen, kann ein ausgewogener Ansatz aus breiter Marktexponierung und aktiver Titelauswahl sinnvoller werden.“

Fazit: Mehr Streuung erfordert mehr Selektivität
Der US-Aktienmarkt bleibe chancenreich, werde aber anspruchsvoller. Wer ausschließlich auf breite Indexexponierung setze, laufe Gefahr, Konzentrationsrisiken und Bewertungsunterschiede zu unterschätzen. Entscheidend werde sein, Unternehmen zu identifizieren, die vom KI-bedingten Investitionszyklus tatsächlich profitieren, Kapital effizient einsetzen und nachhaltige Erträge erwirtschaften können. „In einem Markt mit höherer Streuung rückt wieder stärker in den Mittelpunkt, was lange im Hintergrund stand: fundamentale Analyse, aktive Auswahl und die Fähigkeit, zwischen Hype und dauerhafter Wertschöpfung zu unterscheiden“, resümiert Braun.

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