
Wachstumsaktien bleiben interessant, doch Anleger müssen heute selektiver vorgehen. Dieser Ansicht ist Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group.
16.09.2026 | 09:02 Uhr
Höhere Zinsen, zunehmende geopolitische Spannungen, ambitionierte Bewertungen und eine starke Konzentration der Aktienmärkte hätten die Spielregeln verändert. Gleichzeitig blieben langfristige Innovationstrends intakt und eröffneten Anlagechancen weit über die klassischen Technologiewerte hinaus.
Die 15 Jahre nach der globalen Finanzkrise boten nach Einschätzung Brauns nahezu ideale Bedingungen für Wachstumsaktien. Niedrige Zinsen, ein schwaches gesamtwirtschaftliches Wachstum und der Aufstieg weniger kapitalintensiver Geschäftsmodelle rund um mobiles Internet und Cloud-Technologie hätten einen außergewöhnlich langen Wachstumszyklus ermöglicht. In diesem Umfeld habe häufig bereits ein breit angelegtes Engagement in Wachstums-, Technologie- oder Themenindizes ausgereicht, um den Gesamtmarkt zu übertreffen.
Heute sei die Ausgangslage anspruchsvoller. Strukturell höhere Zinsen erhöhten die Anforderungen an Bewertungen, während geopolitische Konflikte und die disruptive Wirkung künstlicher Intelligenz etablierte Geschäftsmodelle vor neue Herausforderungen stellten. Hinzu komme die hohe Marktkonzentration: Die zehn größten Unternehmen im MSCI ACWI Growth Index machten Ende März 2026 mehr als 40 Prozent des Indexgewichts aus. „Anleger sollten Wachstum deshalb nicht abschreiben. Sie sollten aber genauer unterscheiden, welche Unternehmen Innovation tatsächlich in nachhaltige Erträge und langfristige Wettbewerbsvorteile übersetzen können“, erklärt Braun. Pauschale Wachstumsengagements seien in einem volatileren Umfeld weniger erfolgversprechend als die fundamentale Analyse einzelner Unternehmen.
KI bietet Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Ein zentrales Wachstumsfeld bleibe die künstliche Intelligenz (KI). Die Technologie befinde sich trotz der bereits hohen Investitionen noch in einer frühen Entwicklungsphase. Allein die vier großen Cloud-Anbieter Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta dürften 2026 zusammen mehr als 600 Milliarden US-Dollar investieren. Ein erheblicher Teil dieser Ausgaben dürfte in den Ausbau der für KI erforderlichen Infrastruktur fließen.
Die Größenordnung müsse allerdings ins Verhältnis zum potenziellen wirtschaftlichen Einsatzgebiet gesetzt werden. Der wirtschaftliche Beitrag wissensbasierter Tätigkeiten werde weltweit auf 40 bis 50 Billionen US-Dollar geschätzt. Bereits eine begrenzte Marktdurchdringung könne daher eine erhebliche Nachfrage nach KI-Anwendungen und der zugrunde liegenden Infrastruktur erzeugen.
Für Anleger sei es wichtig, nicht ausschließlich auf die bekanntesten Plattform- und Halbleiterunternehmen zu blicken. Da KI deutlich kapitalintensiver sei als frühere Technologiewellen, entstünden Chancen entlang einer breiten physischen Wertschöpfungskette – von Halbleitern und Fertigungsanlagen über Rechenzentren und Energieinfrastruktur. Mit zunehmender Verbreitung könnten sich die Chancen weiter in Richtung Software, spezialisierter Anwendungen, Robotik und autonomer Systeme verschieben.
Gesundheitssektor: Innovation trifft auf moderate Bewertungen
Auch im Gesundheitssektor sieht Braun langfristige Wachstumsmöglichkeiten. Fortschritte bei Genomsequenzierung und Datenverarbeitung ermöglichten zunehmend präzise Behandlungen für Krankheiten, für die bislang keine ausreichenden Therapien existierten. Dies betreffe unter anderem Adipositas, Krebs, kognitive Erkrankungen und akute Schmerzen.
Gleichzeitig hätten Gesundheitsaktien in den vergangenen Jahren unter handelspolitischen, regulatorischen und politischen Unsicherheiten gelitten. Dadurch sei ihre relative Bewertung gegenüber dem breiten Aktienmarkt deutlich gesunken. Lediglich während der globalen Finanzkrise und der Corona-Pandemie habe der Sektor auf vergleichbar niedrigen relativen Bewertungsniveaus gehandelt.
„Die Kombination aus wissenschaftlichem Fortschritt, langfristig steigendem medizinischem Bedarf und vergleichsweise moderaten Bewertungen macht den Gesundheitssektor besonders interessant“, erläutert Braun. Entscheidend bleibe jedoch auch hier die Einzeltitelauswahl.
Industrieunternehmen mit strukturellem Wachstumspotenzial
Ein dritter Chancenbereich seien traditionelle Industriesektoren. Diese hätten während des von niedrigen Zinsen geprägten Wachstumszyklus lange im Schatten weniger kapitalintensiver Technologieunternehmen gestanden. Neue Technologien und geopolitische Veränderungen könnten nun jedoch eine Renaissance auslösen.
Elektrifizierung, Automatisierung, die regionale Neuordnung von Lieferketten, der Ausbau von Rechenzentren, die Erholung des kommerziellen Luftverkehrs und steigende Verteidigungsausgaben eröffneten vielen Industrieunternehmen mehrjährige Wachstumsperspektiven. Dadurch könnten sich bislang stark zyklische Geschäftsmodelle zunehmend in strukturelle Wachstumsunternehmen verwandeln.
„Wachstum ist heute nicht mehr ausschließlich in den klassischen Technologiesektoren zu finden“, betont Braun. „Industrieunternehmen, die Elektrifizierung, Automatisierung oder den Ausbau digitaler Infrastruktur ermöglichen, können ebenfalls über lange Zeiträume steigende Erträge erzielen.“
Fazit: Selektivität statt undifferenzierter Wachstumsinvestments
Die langfristigen Wachstumsthemen seien weiterhin überzeugend. Wie Anleger daran teilhaben können, habe sich jedoch verändert. In einem Umfeld höherer Zinsen, erhöhter geopolitischer Unsicherheit und anspruchsvoller Bewertungen komme es stärker auf belastbare Geschäftsmodelle, nachhaltige Ertragsquellen und eine disziplinierte Bewertung an.
Aus Sicht Brauns spricht dies für einen breit diversifizierten Bottom-up-Ansatz. Wachstumschancen sollten über unterschiedliche Sektoren, Regionen und Unternehmensgrößen hinweg gesucht werden. Gleichzeitig gelte es, eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Themen oder wenigen großen Unternehmen zu vermeiden.
„Die Phase, in der Anleger Wachstum weitgehend undifferenziert kaufen konnten, dürfte vorüber sein“, resümiert Braun. „Innovation bleibt ein wichtiger Renditetreiber. Entscheidend ist nun, jene Unternehmen zu identifizieren, die daraus dauerhaftes und profitables Wachstum entwickeln können.“
Diesen Beitrag teilen: