Europäische Aktien sind mehr als ein Makrothema

Europäische Aktien sind mehr als ein Makrothema
Aktien

Europäische Aktien werden von vielen Anlegern noch immer aus einem zu engen Blickwinkel betrachtet. Zu dieser Erkenntnis kommt Christophe Braun, Investment Director bei Capital Group.

09.07.2026 | 09:34 Uhr

Häufig würden sie vor allem als Wette auf die Konjunktur im Euroraum verstanden. Dies greife jedoch zu kurz. Der europäische Aktienmarkt biete heute Zugang zu global aufgestellten Unternehmen, innovativen Geschäftsmodellen und strukturellen Wachstumsthemen, die über die reine Entwicklung der europäischen Wirtschaft hinausgingen.

„Europa ist kein reiner Makrotrade“, sagt der Experte. „Anleger erhalten Zugang zu globalen Umsätzen, starken Marktpositionen und Unternehmen, die in vielen Fällen deutlich internationaler sind, als ihr Börsensitz vermuten lässt.“ Für Investoren sei das besonders relevant, weil europäische Aktien damit nicht nur von europäischen Verbrauchern oder Industriezyklen abhingen. Viele Unternehmen würden einen erheblichen Teil ihrer Umsätze außerhalb Europas erzielen und vom Wachstum in den USA, Asien und den Schwellenländern profitieren.

Innovation wird unterschätzt
Ein zentrales Missverständnis sei die Annahme, Europa wäre bei Innovation strukturell im Rückstand. Tatsächlich verfüge die Region über eine hohe Dichte an führenden Innovationsstandorten. Mehrere europäische Länder zählten weltweit zu den stärksten Innovationsökonomien. Zeichen dafür seine große Talentpools, starke Forschungssysteme und die Fähigkeit zur Entwicklung global wettbewerbsfähiger Unternehmen.

Diese Innovationskraft zeige sich nicht nur bei jungen Wachstumsunternehmen, sondern auch bei großen börsennotierten Konzernen. Europa sei Heimat führender Unternehmen aus Technologie, Gesundheitswesen, Industrie und Konsum. Braun zufolge werde dadurch deutlich, dass europäische Aktien nicht auf die Sektoren Banken, Energie und zyklische Industriewerte reduziert werden sollten.

„Wer Europa nur mit alter Industrie verbindet, übersieht einen wesentlichen Teil des Marktes“, sagt Braun. Viele Unternehmen seien global führend in ihren Nischen und könnten an langfristigen Wachstumstrends partizipieren. Für Anleger eröffne dies eine Möglichkeit, ihr Innovationsengagement breiter zu streuen und nicht allein auf große US-Technologiewerte angewiesen zu sein.

Bewertung und Diversifikation sprechen für Europa
Aus Bewertungssicht seien europäische Aktien im Vergleich zu US-Aktien in vielen Sektoren weiterhin attraktiv, so Braun. Hinzu komme eine geringere Marktkonzentration. Während der US-Markt stark von wenigen großen Unternehmen geprägt sei, verteile sich der europäische Markt breiter über Sektoren und Geschäftsmodelle. Das könne Anlegern helfen, unterschiedliche Renditequellen im Portfolio zu erschließen.

„Die Kombination aus niedrigeren Bewertungen, breiterer Sektorstruktur und globalen Umsatzquellen macht Europa aus unserer Sicht interessant“, sagt Braun. Entscheidend sei jedoch, selektiv vorzugehen. Nicht jeder günstige Titel sei automatisch attraktiv. In einem anspruchsvolleren Marktumfeld werde die Einzeltitelauswahl wichtiger, da sich Qualität, Bilanzstärke und nachhaltiges Gewinnwachstum stärker voneinander unterscheiden dürften.

Gesundheitswesen als defensives Wachstumsthema
Besonders interessant sei aus Brauns Sicht das europäische Gesundheitswesen. Der Sektor verbinde defensive Eigenschaften mit Innovationspotenzial. Fortschritte in Bereichen wie Onkologie, Immunologie, Genomik und Wirkstoffentwicklung könnten langfristiges Wachstum ermöglichen. Gleichzeitig stützten strukturelle Trends wie eine alternde Bevölkerung und steigende Gesundheitsausgaben die Nachfrage.

Braun zufolge sei zudem der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Medikamentenentwicklung ein möglicher Beschleuniger. Wenn neue Technologien die Erfolgswahrscheinlichkeit in der Entwicklung sogar nur moderat erhöhten, könne dies erhebliche Auswirkungen auf Produktpipelines und künftige Erträge haben. „Gesundheit bietet Anlegern nicht nur Stabilität. Der Sektor kann auch eine Quelle langfristiger Innovation und Wertschöpfung sein“, sagt Braun.

Industrie profitiert von strukturellem Wandel
Ein weiteres Thema sei die Erneuerung der europäischen Industriebasis. Höhere Investitionen in Verteidigung, Energieversorgungssicherheit, Stromnetze, Automatisierung und Lieferkettenumbau könnten über mehrere Jahre Nachfrage schaffen. Anders als kurzfristige staatliche Ausgabenprogramme hätten diese Trends aus Brauns Sicht einen strukturellen Charakter.

Europa habe über viele Jahre zu wenig in Verteidigung und strategische Autonomie investiert. Dies habe sich inzwischen verändert. Steigende Verteidigungsausgaben könnten nicht nur einzelnen Rüstungsunternehmen zugutekommen, sondern auch breitere industrielle Wertschöpfungsketten stärken. Dazu zählten fortschrittliche Fertigung, Infrastruktur, Energieeffizienz, Datenzentren und Cybersicherheit.

„Die industrielle Erneuerung Europas ist kein kurzfristiges Stimmungsthema“, sagt Braun. Sie könne die Gewinnvisibilität in ausgewählten Bereichen verbessern und den europäischen Aktienmarkt über klassische Zyklik hinaus interessanter machen.

Banken mit verbesserten Fundamentaldaten
Auch europäische Finanzwerte hätten sich strukturell verändert. Nach Jahren niedriger oder negativer Zinsen hätten viele Banken ihre Bilanzen gestärkt, Kosten gesenkt, Risiken reduziert und die Kapitalrückführung an Aktionäre verbessert. Mit der Normalisierung der Zinsen hätten sich zudem die Ertragsbedingungen deutlich verbessert.

Braun betont, dass es bei europäischen Banken nicht nur um eine Bewertungslücke gegenüber US-Wettbewerbern gehe. Wichtiger seien die verbesserten Fundamentaldaten. Dazu zählten solidere Kapitalquoten, sinkende Problemkredite, bessere Governance und eine stärkere Ausschüttungsdisziplin. „Der Bankensektor ist heute ein anderer als nach der europäischen Staatsschuldenkrise. Anleger sollten seinen Wert nicht ausschließlich aus der Rückschau beurteilen“, sagt Braun.

Risiken blieben dennoch bestehen. Eine wirtschaftliche Abschwächung könne zu höheren Kreditausfällen führen. Gleichzeitig erscheine die Kreditqualität nach mehreren Jahren niedriger Verluste widerstandsfähiger als in früheren Zyklen.

Selektivität entscheidet
Für Braun lautet die wichtigste Schlussfolgerung, dass europäische Aktien eine eigenständige Rolle in globalen Portfolios spielen könnten. Sie böten Zugang zu internationalen Märkten, Innovation, strukturellen Investitionsthemen und Bewertungsunterstützung. Gleichzeitig sei der Markt stärker differenziert geworden.

„Europäische Aktien können Anlegern helfen, Renditequellen breiter zu diversifizieren. Entscheidend ist aber, Qualität zu identifizieren und nicht einfach den Markt als Ganzes zu kaufen“, fasst Braun zusammen. Gerade wenn sich die globale Aktienmarktführung über große US-Technologiewerte hinaus verbreitere, könne Europa für Anleger wieder stärker in den Fokus rücken.

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