
Seit ChatGPT 2022 an den Markt kam, sind einige KI-Aktien auf Rekordstände gestiegen – trotz höherer Inflation, enormer Zölle und des Nahostkrieges.
12.08.2026 | 05:22 Uhr
Eine kleine Gruppe von Unternehmen hat jetzt einen extrem großen Anteil am US-Markt. Seine Konzentration ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Deshalb gehen Investoren mit manchen Indexfonds ungewollte Risiken ein, weil Fonds, bei denen die Marktgewichtung der Unternehmen deren Anteil am Gesamtportfolio bestimmt, nicht so diversifiziert sind wie viele meinen. Die folgenden vier Grafiken helfen, die aktuelle Marktkonzentration einzuordnen, und zeigen, wie wichtig mehr Diversifikation ist.
1. Zurzeit ist der Markt so konzentriert wie selten zuvor
„Wir erleben zurzeit ein außergewöhnliches Marktumfeld“, sagt Chief Investment Officer Martin Romo. Die Marktspitze ist so eng wie selten. Die 10 größten Aktien haben fast 40% Anteil am S&P 500 Index.
Das gab es schon einmal. Ähnlich hohe Marktkonzentrationen waren während des Japan-Booms in den 1980er-Jahren und in der Nifty-Fifty-Ära zu beobachten. 1964 lag der Anteil der 10 größten Aktien am S&P 500 Index bei 39%. Zu den größten Unternehmen zählten AT&T, General Motors, ExxonMobil, IBM und Texaco – unterschiedliche Unternehmen aus mehreren Sektoren.
Die Märkte sind lange stark gestiegen, getrieben von attraktiven Investmentthemen

Die heutige Marktkonzentration unterscheidet sich von der in den 1960ern. Viele der größten Unternehmen, darunter NVIDIA, Microsoft, Amazon und Micron Technology, sind mit einem einzigen Thema verknüpft: KI-Investitionen. Deshalb könnten beispielsweise alle Halbleiteraktien fallen, wenn die Chipnachfrage zurückgeht. „Genau das war bei der Korrektur Anfang Juli der Fall, der von Unternehmen wie SK hynix und SanDisk angeführt wurde“, sagt Aktienportfoliomanager Brady Enright.
Frühere Phasen mit einer engen Marktspitze endeten häufig mit einem schmerzhaften Einbruch, bevor sich der Markt auf einem ausgewogeneren Niveau stabilisierte. Das heißt nicht, dass ein Markteinbruch bevorsteht oder wir damit rechnen. Die Marktkonzentration lässt keine Schlüsse darauf zu, ob und wann es zu einer Korrektur kommt, ist aber eine Erinnerung daran, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Weil Investoren massenweise in KI-Aktien umgeschichtet haben, sind einige Qualitätsunternehmen zurückgeblieben. „Das sind Unternehmen mit wachsenden Gewinnen, hohen Dividenden und dauerhaften Geschäftsmodellen“, meint Enright. „Viele werden mit 20% oder mehr Abschlag zu ihren langfristigen Bewertungen gehandelt, darunter Royal Caribbean, Procter & Gamble und Citigroup.“
2. KI-Konzentration ist ein globales Phänomen
Nicht nur der US-Markt ist stark konzentriert. Die scheinbar unstillbare Nachfrage nach Spezialchips hat Technologieaktien aus Südkorea und Taiwan auf neue Höchststände steigen lassen. Die 10 größten Unternehmen am MSCI Emerging Markets Index haben 41% Anteil an der gesamten Marktkapitalisierung. Auf allein drei davon – SK hynix, Samsung Electronics und TSMC – entfallen bereits 29%.
Die weltweite Nachfrage nach Computerchips hat die Marktkonzentration befeuert.

Unterdessen bieten die internationalen Märkte aber auch andere interessante Chancen, vor allem in Europa und Teilen Asiens, wo die Bewertungen nach wie vor sehr attraktiv sind. „Aus meiner Sicht lassen sich außerhalb der USA zurzeit echte Schnäppchen machen. Häufig sind das Aktien globaler Branchenführer“, sagt Aktienportfoliomanager Steve Watson. „Sie haben einfach nur ihren Sitz in einem anderem Land.“ Zu ihnen zählen der britische Pharmariese AstraZeneca und der weltweit größte Gaminganbieter Tencent aus China.
„Außerdem durchforste ich zurzeit das Trümmerfeld der KI-Branche nach Unternehmen, die möglicherweise zu Unrecht unter der Befürchtung gelitten haben, dass benutzerfreundliche KI-Anwendungen ihrem Geschäft schaden könnten“, so Watson weiter. „Dazu zählen große Softwareanbieter wie SAP aus Deutschland und Unternehmen aus dem Online-Reisesektor wie Trip.com aus China und die Amadeus IT Group aus Spanien. Aus meiner Sicht sind sie KI-Ermöglicher und keineswegs ‚KI-Opfer‘“.
3. Das US-BIP hängt stark von den KI-Investitionen ab
Das Konzentrationsrisiko beschränkt sich nicht auf die 10 größten Unternehmen im US-Index. Die gesamte Wirtschaft ist betroffen. Der Ausbau von Datenzentren hat das US-Wachstum beflügelt. Nach Angaben der St. Louis Federal Reserve machten KI-Investitionen in den ersten neun Monaten 2025 fast 1% des realen BIP beziehungsweise 39% des gesamten Wachstums aus.
Deshalb sind die Unternehmensgewinne und die Gesamtwirtschaft möglicherweise anfälliger für einen durch KI angeführten Rückgang. „Die steigenden Gewinne sind alle auf den Ausbau von Datenzentren zurückzuführen“, sagt Enright. „Chiphersteller sind am stärksten gewachsen, weil etwa 50% der mit Datenzentren verbundenen Kosten mit Halbleitern zu haben, aber auch Unternehmen, die Heiz- und Klimasysteme, Strom, Wasseraufbereitung und Transformatoren bieten, haben sehr profitiert.“
KI bestimmt weite Teile der Weltwirtschaft

Enright meint, dass als Nächstes Unternehmen interessant werden könnten, die nichts mit dem Investitionsboom zu tun haben. „Mein Schwerpunkt sind Unternehmen, die KI nutzen können, um einen Wettbewerbsvorteil aufzubauen, den sie früher nicht hatten. Ich gehe davon aus, dass einige Unternehmen aus den Sektoren Finanzen und Gesundheit KI so nutzen werden, dass sie schneller wachsen oder rentabler werden können als ihre Wettbewerber.“
4. KI-Müdigkeit belastet den Anleihenmarkt
Ein weiterer Bereich, in dem der KI-Boom Anzeichen von Schwäche zeigt, ist der US-Unternehmensanleihenmarkt. „Die Emissionswelle hat die Anleihenkurse von Qualitätsunternehmen belastet, darunter Meta, Amazon und SpaceX“, sagt Anleihenportfoliomanager Damien McCann. Hyperscaler wie Alphabet und Meta haben heute etwa 4,8% Anteil am Bloomberg US Investment Grade Corporate Bond Index – 78% mehr als vor einem Jahr.
KI-Unternehmen haben die Anleihenmärkte überflutet

„Schon allein das enorme Emissionsvolumen unterstreicht, wie wichtig Diversifikation bei Anleihen ist, vor allem, weil die Anleihenkurse eher fallen als steigen dürften“, sagt McCann. „Ich sehe mir diese Chancen einzeln an. Einige Hyperscaler bieten gemessen an ihren hohen Cashflows und Kreditratings attraktive Renditen, aber bei neueren Emissionen zur Finanzierung von Projekten bin ich vorsichtig.“
Trotz des Anstiegs des Emissionsvolumens bleibt McCann für den Credit-Markt insgesamt zuversichtlich. „Die hohen Unternehmensgewinne, der solide Konsum und der robuste Arbeitsmarkt bieten ein günstiges Umfeld für Credits. Ich gehe nicht davon aus, dass die KI-Anleihen daran etwas ändern. Aber ich denke, dass man nach Investmentgrade-Anleihen, High-Yield-Unternehmensanleihen, Verbriefungen und Emerging-Market-Papieren diversifizieren sollte.“
Anpassungen und Diversifikation sind wichtig
Die Marktkonzentration bei KI zeigt die Kompromisse, die man bei Anlagen in Indexfonds machen muss. „Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Indexfonds für die meisten Investoren die sicherere Alternative sind“, sagt Jody Jonsson, Vice Chair von Capital Group. „Passive Fonds sind im Durchschnitt kostengünstiger. Aber das heißt nicht, dass sie sicherer sind oder höhere Erträge liefern.“
Romo fügt hinzu: „Das bedeutet nicht, dass man auf Unternehmen verzichten sollte, die KI voranbringen. Viele von ihnen leisten Außergewöhnliches und haben dauerhafte Erfolgsaussichten. Ich denke aber, dass die Benchmarks angesichts der zurzeit hohen Gewichtungen und Bewertungen – ebenso wie die passiven Strategien, die sie abbilden – zunehmend auf ein bestimmtes Szenario ausgerichtet sind.“
Ein ausgewogenerer Ansatz erfordert, dass Investoren ihre Risiken prüfen müssen, die beabsichtigten ebenso wie die nicht beabsichtigten. Romo meint: „Manager, die jetzt erfolgreich sein wollen, müssen sowohl mutig als auch bescheiden sein. Mutig genug, um in Unternehmen zu investieren, wenn deren Fundamentaldaten überzeugen. Und bescheiden genug, um zu erkennen, dass kein einzelnes Investmentthema ein Portfolio dominieren sollte – so vielversprechend es auch sein mag. Mutig genug, um von der Benchmark abzuweichen, wenn Risiken und Ertragsaussichten es angemessen erscheinen lassen. Und bescheiden genug zu wissen, dass es unangenehm, aber notwendig sein kann, anders zu sein – vor allem, wenn ein enger Markt weiter steigt.“

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