Metzler: So beeinflussen die Zentralbanken die Wirtschaft

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Wie man mithilfe des Gleichgewichtszinses einschätzen kann, welchen Einfluss die Notenbank auf die Wirtschaft hat, erläutert Edgar Walk in seinem Kapitalmarktausblick auf die kommende Woche.

27.07.2018 | 15:07 Uhr

Auf ihrer Sitzung im Juni hob die US-Notenbank den Leitzins auf ein Niveau zwischen 1,75 % und 2,00 % an. In der Folge verflachte die Renditestrukturkurve in den USA und die Sorgen stiegen, dass die US-Notenbank die Zinsschraube überdreht haben könnte. Zumal die Daten vom frühzyklischen Wohnimmobilienmarkt zuletzt enttäuschten und eine Wachstumsabschwächung ab dem zweiten Halbjahr signalisieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich für die US-Notenbank die Frage, wo der Gleichgewichtszins liegt, der die Wirtschaft weder stimuliert noch bremst. 

Der Gleichgewichtszins ist ein theoretisches Konstrukt, das sich in der Realität nicht beobachten lässt, sondern mit Hilfe von Modellen geschätzt werden muss. US-Notenbankpräsident Powell stellte nun die Ergebnisse mehrerer Modelle und deren Schätzbandbreite vor. Der Median über alle Modelle für den realen Gleichgewichtszins liegt bei etwa 0,75 %. 

USA: wo liegt der reale Gleichgewichtszins? 

Schätzungen des Gleichgewichtszinses 

Gleichgewichtszins

Quellen: Federal Reserve Board, Metzler 

Bei einer unterstellten mittelfristigen Inflationsrate von 2,0 % liegt der Gleichgewichtszins somit bei etwa 2,75 %. Der aktuelle US-Notenbankzins ist somit schon recht nah am geschätzten Gleichgewichtszins und stimuliert die US-Wirtschaft somit kaum noch. Die US-Notenbank (Mittwoch) dürfte somit vorsichtiger werden und das Tempo weiterer Leitzinserhöhungen merklich reduzieren. Derzeit erwarten wir 2018 nur noch einen Zinsschritt und zwei Zinsschritte im Jahr 2019; dabei ist es deutlich wahrscheinlicher, dass die Fed weniger Zinsschritte vornimmt als dass sie ein höheres Tempo einschlägt. 

Während die US-Notenbank schon bald das Ende des Leitzinserhöhungszyklus erreicht haben könnte, beginnen die anderen Zentralbanken nunmehr den Normalisierungsprozess. So könnte die Bank von England (Donnerstag) den Leitzins auf 0,75 % anheben und die Spekulationen überschlagen sich derzeit, dass die Bank von Japan (Dienstag) das Renditeziel 10-jähriger Staatsanleihen von 0,1 % auf 0,3 % erhöhen könnte. Ein Renditeanstieg in Japan hätte Auswirkungen auf die globalen Rentenmärkte, da japanische Investoren international sehr aktiv sind und voraussichtlich wieder Kapital zurück in den heimischen Rentenmarkt bringen würden. 

USA: erste Anzeichen einer Wachstumsverlangsamung 

Die ISM-Indizes der Industrie (Mittwoch) und des Dienstleistungssektors (Freitag) dürften im Juli gefallen sein und damit eine anstehende Wachstumsverlangsamung signalisieren. Auch wird die Wachstumsrate der realen Konsumausgaben im Juni (Dienstag) voraussichtlich an Dynamik verloren haben. Der traditionell spätzyklische Arbeitsmarkt (Freitag) dürfte dagegen noch keine Schwäche zeigen und mit einem robusten Beschäftigungswachstum glänzen. Dennoch scheint es nach wie vor kaum Lohn- und Inflationsdruck geben. Erste Frühindikatoren signalisieren, dass die Inflation auch im Juli im Rahmen oder sogar unterhalb der allgemeinen Markterwartungen geblieben sein könnte. Insgesamt lässt sich die Lage so beschreiben: Wachstum schwächer, aber keine Rezession – fallende Inflationsrate wegen sinkender Ölpreise, aber stabile Kerninflation. 

Eurozone: nachlassende Wachstumsdynamik 

Die Wachstumsabschwächung begann in der Eurozone schon im ersten Quartal, wie auch ein Rückgang des Geschäftsklimaindex der EU-Kommission (Montag) sowie der Einkaufsmanagerindizes (Mittwoch und Freitag) bestätigen dürften. Immerhin sieht EZB-Präsident Draghi schon erste Anzeichen für eine Stabilisierung des Wirtschaftswachstums auf einem niedrigeren Niveau. So habe das Lohnwachstum wieder an Dynamik gewonnen mit positiven Effekten auf die Einkommen und den Konsum. Auswirkungen höherer Löhne auf die Inflation dürften jedoch auf sich warten lassen, da die Einzelhändler nur begrenzten Spielraum für höhere Preise sehen. 

Eurozone: Einzelhandel erwartet nur moderate Preissteigerungen 

HVPI ohne Energie und Lebensmittel in % ggü. Vj. und Umfrage (Saldo der Befragten)

Einzelhandel Eurozone

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: 29. Juni 2018 

Laut der Umfrage der Europäischen Kommission bei den Einzelhändlern in der Eurozone könnte die Kerninflation in den kommenden Monaten allenfalls auf 1,2 % bis 1,3 % steigen.   


Eine gute und erfolgreiche Woche wünscht 

Edgar Walk 

Chefvolkswirt Metzler Asset Management 

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