US-Midterms werfen Schatten auf die Schuldenfrage

Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE
Wahlen

Am 3. November dieses Jahres finden in den USA die Midterm-Wahlen statt, bei denen das gesamte Repräsentantenhaus sowie ein Drittel des Senats neu gewählt werden.

20.10.2026 | 08:36 Uhr

Umfragen-Aggregatoren wie RealClearPolling deuten auf einen erheblichen Vorsprung der Demokraten im Rennen um das derzeit von den Republikanern dominierte Repräsentantenhaus hin. Die Prognosemärkte hingegen erwarten nur eine knappe Führung der Demokraten bei der Übernahme des Senats. Doch noch sind die Würfel nicht gefallen. Ein Kongress, bestehend aus einem demokratischen Repräsentantenhaus und einem republikanischen Senat, ist weiterhin durchaus denkbar. Dass die Republikaner die Kontrolle über beide Kammern behalten, ist hingegen eher unwahrscheinlich.

Von diesen Wahlen wird vor allem die Ausrichtung der Staatsausgaben abhängen. Die Demokraten würden sich dafür einsetzen, mehr Geld in das Gesundheitswesen, die öffentliche Infrastruktur und die Energiewende zu investieren. Die Republikaner, die durch die hohen Lebenshaltungskosten seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus stärker unter Druck stehen, würden den Fokus dagegen auf Steuersenkungen, Deregulierung und eine Aufstockung der Verteidigungsausgaben legen.

Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte greifen beide auf dieselbe Finanzierungsmethode zurück: die massive Verschuldung des Staates. „Beide Parteien sind zu populistischen Parteien geworden“, konstatierte Paul Ryan, ehemaliger republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses und Verfechter einer strikten Haushaltspolitik. : Doch diese Abhängigkeit von Fremdkapital wird mit zwei großen Herausforderungen einhergehen.

Schuldenobergrenze droht zum politischen Konflikt zu werden

Die erste ist die Schuldenobergrenze, also der Höchstbetrag der Verschuldung, den der Kongress genehmigt. Sie liegt derzeit bei 41,1 Billionen Dollar, wobei die Staatsschulden bereits die 40-Billionen-Dollar-Marke überstiegen haben. Gemäß einer breiter angelegten Analyse des IWF beläuft sich die Bruttoverschuldung aller staatlichen Behörden auf 126 % vom BIP. Vor dem Hintergrund eines Haushaltsdefizits von 6 % des BIP schätzt das Bipartisan Policy Center, dass die Obergrenze zwischen Frühjahr und Mitte 2027 erreicht werden könnte.

Das würde nicht unmittelbar einen Zahlungsausfall nach sich ziehen. Das US-Finanzministerium hätte anschließend vor Ablauf der tatsächlichen kritischen Frist noch einige Monate Zeit für außerordentliche Maßnahmen. Wenn die amtierenden Politiker diese Frage jedoch nicht vor dem 3. Januar 2027 klären, dürfte sie im kommenden Jahr allerdings für äußerst starke politische Spannungen sorgen.

Selbst wenn vor Ablauf der letztendlichen Frist eine Einigung erzielt werden sollte, könnten ihr heftige politische Auseinandersetzungen vorausgehen. Diese würden wiederum zu einer erhöhten Volatilität an den Finanzmärkten angesichts der Sorgen über die unklaren Haushaltspläne Washingtons führen.

Steigende Zinskosten belasten den US-Haushalt

Mit einer Anhebung der Schuldenobergrenze kommt – ungeachtet des Wahlergebnisses – eine weitere Herausforderung auf die USA zu: Zu welchen Kosten wird sich der Staat künftig finanzieren können? Laut dem Congressional Budget Office (CBO) macht die Zinslast mit 3,3 % bereits jetzt einen größeren Anteil am BIP aus als das Verteidigungsbudget. Allerdings wurde ein Teil dieser Schulden zu sehr niedrigen Zinsen finanziert, die vor 2022 erhältlich waren. Da sowohl die Höhe der Schulden als auch das Zinsniveau steigen, dürfte diese Zinslast also noch weiter steigen. Im Februar 2026 ging das CBO für das Jahr 2036 bereits von einer Nettozinslast von 4,6 % aus. Seither sind die Zinsen erneut gestiegen, sodass auch die Rechnung stetig höher ausfallen dürfte.

Hinzu kommt, dass die Refinanzierung des Staatshaushalts mit der verstärkten Mobilisierung von Kapital durch die Akteure des KI-Ökosystems konkurriert, die ihre enormen Investitionen finanzieren müssen. aut Larry Fink, dem Chef von BlackRock, wird der Kampf um Kapital in den USA deshalb so unerbittlich sein wird wie selten zuvor[1].

In diesem angespannten Umfeld ist es von entscheidender Bedeutung, dass Investitionen in künstliche Intelligenz zu erheblichen Produktivitätssteigerungen führen. Andernfalls wird sich der Wettbewerb um Erspartes in höheren Kapitalkosten niederschlagen. Das Schicksal der amerikanischen Schulden ist somit auch mit dem der KI verknüpft.

Eigentliche Bewährungsprobe kommt im Jahr 2027

Aktuell kommen die KI-Akteure – von den anfälligsten einmal abgesehen – ebenso wie der amerikanische Staat noch mühelos an Kapital. Die Wähler können die Schuldenfrage also erst einmal in den Hintergrund rücken. Doch sie wird unweigerlich wieder auftauchen. Der eigentliche politische Höhepunkt der Nation könnte somit nicht der Abend des 3. Novembers 2026 sein. Er könnte vielmehr im Jahr 2027 liegen, wenn die neu gewählten Amtsträger amerikanische und internationale Anleger davon überzeugen müssen, das Land weiterhin zu tragbaren Kosten zu finanzieren – und das in einer Welt, in der ein heftiger Kampf um Kapital und nicht nur um Wählerstimmen tobt.

[1] America Needs More Capital, The Wall Street Journal, 14.10.2026

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