Value-Aktien, jetzt?!

Value-Aktien, jetzt?!
Value-Aktien

Zollpolitik, KI, Krieg: Anleger fragen sich, wie sie ideal investieren können, um resilienter gegenüber der Marktvolatilität zu sein.

23.06.2026 | 10:54 Uhr

Trotz destabilisierender Kräfte auf dem Markt sind Value-Aktien widerstandsfähig geblieben, sagt Avi Lavi, Chief Investment Officer—Global and International Value Equities von AllianceBernstein. Value-Aktien haben die vergangenen Schocks der Zollpolitik Trumps, anhaltende Veränderungen durch KI und den Konflikt im Nahen Osten weitestgehend überwunden. Welche drei Aspekte die Widerstandsfähigkeit von Value-Aktien erklären, erläutert der Experte in seinem Marktkommentar.

Handels- und geopolitische Spannungen sowie makroökonomische Unsicherheiten haben die Marktvolatilität seit Anfang 2025 angeheizt. Gleichzeitig verzeichneten Value-Aktien eine signifikante Entwicklung und zeigen sich damit besonders resilient. Diese Widerstandsfähigkeit erscheint angesichts des historisch zyklischen Profils von Value-Aktien ungewöhnlich. Für das sich wandelnde Marktumfeld von heute könnten Value-Aktien mit ihren Eigenschaften jedoch besonders widerstandsfähig sein.

In den vergangenen zwei Jahren waren die globalen Märkte einer Welle destabilisierender Kräfte ausgesetzt. Im Jahr 2025 führten die Zollpolitik von Präsident Trump sowie Marktturbulenzen zu Schwierigkeiten bei der Erstellung von Gewinnprognosen seitens der Anleger. Die anhaltenden Veränderungen durch künstliche Intelligenz (KI) haben den Unternehmen eine unvorhersehbare Variable hinzugefügt und gleichzeitig Fragen zur Rentabilität der US-amerikanischen Megacaps aufgeworfen. Erschwerend hinzu kam der Konflikt im Nahen Osten sowie dem darauffolgenden Ölpreisschock, der sich in einer Kettenreaktion auf verschiedene Volkswirtschaften und Sektoren auswirkte.

Anleger in Value-Aktien haben diese Schocks weitgehend überwunden. Obwohl sich die Wachstumsaktien im zweiten Quartal erholt haben, hat der MSCI World Value sowohl Wachstumsaktien als auch den Gesamtmarkt bei größeren Marktschocks seit Anfang 2025 übertroffen. Aber wie lässt ich diese Widerstandsfähigkeit von Value-Aktien erklären? Drei Aspekte sind dabei besonders relevant:

1. Der „HALO“-Effekt des KI-Ausbaus
Die Entwicklung der KI hat zu einer signifikanten Erweiterung der digitalen Kapazitäten geführt, insbesondere in den Bereichen Software und Automatisierung. Gleichzeitig hat sie Engpässe in der Realwirtschaft offengelegt. Erhebliche Investitionen in die KI-Infrastruktur ist für Unternehmen vorteilhaft, die über einen hohen Anteil an Sachanlagen und eine langlebige Kapitalbasis verfügen. Das wird mitunter als "HALO" (heavy assets, low obsolescence) bezeichnet.

Diese Unternehmen sind in verschiedenen Branchen wie Energie, Werkstoffe und Rohstoffe tätig und stellen wesentliche Bestandteile globaler Wertindizes dar. Viele von ihnen gelten als hochwertige, zyklische Unternehmen, die in den wachstumsschwachen 2010er Jahren zu kämpfen hatten, als die Globalisierung ihren Höhepunkt erreichte und die Lagerbestände effizient verwaltet wurden. Gegenwärtig profitieren sie jedoch von einer wiedererlangten Preissetzungsmacht, die durch die gestiegene Nachfrage nach Infrastruktur, die Neuausrichtung der Lieferketten und erhöhte Investitionen in Sachwerte angetrieben wird.

Über die HALO-orientierten Sektoren hinaus profitieren auch einige wertorientierte Segmente des Technologie-Ökosystems vom Ausbau der KI. So verzeichnen beispielsweise Halbleiteraktien einen starken Anstieg. Dazu gehören Chiphersteller und Speicherhersteller, die wichtige Bestandteile von Value-Indizes sind.

2. Kurzfristige Cashflows sind wieder im Kommen
Seit Beginn des KI-Booms Ende 2022 haben Anleger die Bewertungen von Unternehmen in die Höhe getrieben, die als Vorreiter der technologischen Revolution gelten. Die Bewertungen von US-Mega-Cap-Unternehmen stiegen sprunghaft an, da Anleger zukünftige Gewinnströme einpreisten, die möglicherweise erst weit im nächsten Jahrzehnt eintreten werden. Diese langfristigen Cashflows rücken nun verstärkt in den Fokus. Da Hyperskalierer signifikant in KI investieren, bewerten Anleger den Zeitpunkt und das Ausmaß potenzieller Renditen neu. Infolgedessen ist die Kursentwicklung bei Large-Cap-Technologieaktien in zuletzt volatiler geworden, während die Märkte versuchen herauszufinden, wie viel ihr hohes Wachstumspotenzial heute tatsächlich wert ist.

Der freie Cashflow (FCF) steht im Mittelpunkt dieser Frage. Die Hyperskalierer verfügen über einen beeindruckenden FCF, der auf ihren marktbeherrschenden Geschäftsbereichen basiert. Allerdings haben massive Investitionen in KI einen wesentlichen Einfluss auf ihr zugrunde liegendes Finanzprofil. Um ihre Investitionspläne zu finanzieren, nehmen Mega-Caps nun erhebliche Schulden auf und beschaffen Eigenkapital. Dies verschiebt für Aktionäre den Zeitraum für Renditen nach hinten. Im gesamten Technologiesektor der USA haben die Erwartungen für das Gewinnwachstum über einen Zeitraum von fünf Jahren einen annualisierten Wert von 23 Prozent erreicht. Es ist schwierig, diese Prognose mit Zuversicht zu bestätigen.

Im Gegensatz dazu sind Unternehmen mit Cashflows kürzerer Laufzeit wesentlich besser vorhersehbar. Diese Unternehmen sind tendenziell stärker im Value-Segment vertreten, wo Sektoren wie Finanzwerte, Rohstoffe, Gesundheitswesen und Immobilien ein starkes Gewinnwachstumspotenzial aufweisen. Aufgrund der Natur ihrer Geschäftsmodelle, verdienen ihre Cashflows über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren ein höheres Maß an Vertrauen seitens der Anleger. Die Kombination attraktiv bewerteter Aktien und Cashflows mit kürzerer Laufzeit bietet einen klareren Überblick über das Aktienrenditepotenzial in einem Markt, der sich nach mehr Sicherheit sehnt.

3. Die Prognose normalisierter Gewinne ist eine Spezialität im Value-Ansatz
Die zuvor beschriebenen Faktoren haben einen fruchtbaren Boden für Value-Investoren geschaffen. Dennoch ist es keine leichte Aufgabe, das Renditepotenzial unterbewerteter Aktien zu nutzen. Für eine erfolgreiche Portfolio-Zusammensetzung ist es unerlässlich, die Zyklen einzelner Produkte genau zu verstehen und den richtigen Zeitpunkt für Käufe und Verkäufe zu bestimmen.

Anders ausgedrückt: Bei der Erschließung von Wert ist entscheidend, ob der Aktienkurs eines Unternehmens dessen normalisierte Ertragskraft in der Mitte des Zyklus exakt reflektiert. Value-Chancen ergeben sich, wenn der Markt die Aussichten eines Unternehmens übermäßig pessimistisch einschätzt, wodurch eine Diskrepanz zwischen der Bewertung und dem zukünftigen Gewinnpotenzial entsteht. Dieser Ansatz divergiert vom Wachstumsinvestieren, dessen Fokus auf der Identifizierung von Unternehmen liegt, die dazu in der Lage sind, ihre Gewinne signifikant über den aktuellen Erwartungen hinaus zu steigern.

In der aktuellen Marktphase ist die Value-Anlagestrategie besonders relevant. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach physischen Vermögenswerten und anhaltender Versorgungsengpässe sehen sich zahlreiche in der realen Wirtschaft verwurzelte, wertorientierte Unternehmen einer Neubewertung gegenüber. Sektoren wie Rohstoffe, Finanzwerte und Immobilien, die im Value-Universum stärker vertreten sind, entwickeln sich in Inflationsphasen tendenziell gut und adressieren damit eine zentrale Sorge für Anleger. Darüber hinaus erzielte der MSCI World Value seit 2025 solide risikobereinigte Renditen und wies eine Sharpe-Ratio von 2,3 auf. Damit übertraf er den breiter gefassten MSCI World mit einer Ratio von 1,4 bei geringerer Volatilität.

Disziplin hilft, Störungen entgegenzuwirken
Selbstverständlich weisen Value-Aktien nicht per se eine defensive Ausrichtung auf, die für jedes Marktumfeld gleichermaßen Gültigkeit besitzt. Zudem ist nicht jede Value-Strategie so konzipiert, dass sie von den gegenwärtigen Gegebenheiten profitiert. Um "Value-Fallen" zu vermeiden, ist ein äußerst disziplinierter Auswahlprozess für Wertpapiere sowie solide Risikokontrollen erforderlich. Anleger sollten Aktien unbedingt vermeiden, die zwar attraktiv bewertet erscheinen, in Wirklichkeit jedoch mit strukturellen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Wenn der richtige Ansatz gewählt wird, können Value-Aktien eine ergänzende Rolle in Portfolios spielen, die in den vergangenen Jahren möglicherweise stark auf Wachstumsaktien ausgerichtet waren. Durch die Konzentration auf angemessen bewertete Unternehmen, die langfristig solide Cashflows generieren, können Anleger Portfolios aufbauen, die gut gerüstet sind, um eine Zeit erhöhter Unsicherheit und struktureller Veränderungen zu meistern.

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